Rieseneinlauf Entertainment: Die Proll-Rap-Crew aus der Regio

Marius Notter

Eins ist klar: Rieseneinlauf Entertainment sind das Gegenteil von zimperlich. Die Mixtapes der Rap-Crew aus Gundelfingen und Waldkirch heißen "Kotstullen”, bei Auftritten bespritzen sie das Publikum mit Klobürsten und vor Live-Auftritten trinken sie sich schon mal mit einer Flasche Whisky Mut an. Doch ihre Beats sind fett, der Flow ist tight und überhaupt ist nur ihre Pose scheiße. fudder-Mitarbeiter Marius Notter war auf Rapper-Hausbesuch in Gundelfingen.



Ganz lässig hängen sie da, im Schneidersitz, auf einem roten IKEA-Ecksofa, einer sitzt im Bürostuhl vor dem PC und hat die Beine ausgestreckt auf dem Schreibtisch abgelegt, während er sein Bier trinkt. Ich bin im Wohnraum von Rieseneinlauf-Rapper Saufpole in Gundelfingen, mir gegenüber sitzen nicht nur der Hausherr, sondern noch zwei weitere Mitglieder der Rap-Crew “Rieseneinlauf Entertainment”: DaGreeco und Jan-T.


Alle drei tragen Asi-Look in löchrigen Baggypants oder Jogginghosen, vor uns steht Dosenbier der Marke "5.0", einer der drei baut gerade einen Joint. Ungefähr so hatte ich es mir im trauten Heim dieser Rapper vorgestellt. “Jeder von Rieseneinlauf ist schon komplett auf dem ‘Rapding’ hängengeblieben”, sagt  DaGreeco. “Für jeden von uns ist Rappen einfach eine Passion.”



Rieseneinlauf Entertainment, das sind sieben Typen zwischen 18 und 26 Jahren, deren Heimat Südbaden-Metropolen wie Siensbach, Kollnau, Waldkirch und Gundelfingen sind. In den Texten von Tysn, Mic-o, Jan-T, Saufpole, H5N1, DaGreeco, Lil Brain geht’s aber nicht um Erdbeeren, Fasnet und Ortenau-Idyll, sondern in krassen Punchlines um Drogen, Sex, Partys.

Zu hören gibt es diese Punchlines in virtuellen Mixtapes des Kollektivs. Der Name der Crew-Compilations: Kotstulle. “Rieseneinlauf kann man auf die Kotstullen reduzieren”, sagt Saufpole. “Das ist es, was wir als Rap-Crew sind.” Die Kotstullen entstehen nebenbei, beim gemeinsamen Rumhängen und Saufen. “Da sind wir komplett behindert und lassen raus, was geht”, sagt Jan-T.

Sowohl der Name des Mixtapes als auch der Name der Crew sind eine Hommage an eine Folge der Cartoon-Serie Southpark: in Folge 8 der 8. Staffel, Originaltitel “Douche and Turd”, kommt es zu einer Abstimmung über ein neues Schulmaskottchen. Die Kandidaten: ein Rieseneinlauf und eine Kotstulle. “Wir heißen Rieseneinlauf, denn wenn du von vorneherein nur Scheiße erwartest, dann kannst du machen, was du willst”, sagt Saufpole über den Crew-Namen. “Die Philosophie von Rieseneinlauf ist es, auf intelligente Art dumm zu sein”, behauptet DaGreeco.

Selbstironie ist allerdings auch dabei: [Wir sind eine] “abgefuckt freakige Party-Clique mit Gangsta-Flow, die nichts, nicht mal sich selbst, jemals zu ernst nimmt”, urteilten sie über sich selbst in einer Ausgabe von fudders Bandnamenskunde. Damals erklärte Jan-T, dass sie 2008 bei ihrem ersten Auftritt im AJZ Kollnau die 20 Zuhörer mit Klobürsten bespritzen.

Auch im Internet lebt die Crew ihren prolligen Fäkalstyle hemmungslos aus: Auf ihrerkruden, vollkommen unübersichtlichen Website finden sich unter anderem Videos, in denen Mic-O auf dem Klo hockt oder  H5N1 mit freiem Oberkörper und übertrieben aggressiver Pose in die Kamera schimpft. Andere Videos zeigen die Jungs in der Gesellschaft übertrieben geschminkter Mädels im Hof des Autonomen Jugendzentrum Kollnau. “Die Website ist wie ein einziger verschobener Trip”, sagt Jan-T. “Undurchsichtig und verwirrend.”

Vollkommen anders sind hingegen die Solo-Arbeiten der beteiligten Rapper. “Was jeder Einzelne macht, kommt unter seinem Namen raus”, erklärt Saufpole. Diese Solo-Arbeiten sind erstaunlich vielseitig und deutlich ernsthafter als die Rieseneinlauf-Hampeleien. “Jeder steht hinter dem Zeug des anderen, egal ob es emotional oder kranker Punchline-Rap ist”, sagt DaGreeco.

Wenig später stehen wir in der kleinen Küche von Saufpoles Wohnung, Rauchschwaden ziehen durchs gekippte Fenster auf die Straße. Saufpole lehnt am Waschbecken, Jan-T sitzt auf einem Hocker, DaGreeco lehnt am Fenster. Alle drei reden von ihren Soloarbeiten, unerwartet ernst, sachlich und emotional. “Ich rappe eigentlich nur für Techno”, erklärt Saufpole sein Album. “Ich rappe nicht für irgendwelche Leute, die HipHop hören, sondern für die Techheads.”



Zurück im Wohnzimmer spielen sie mir einzelne Tracks ihrer Solo-Alben vor. DaGreeco fängt an. Sein erster Track haut rein. Die Instrumentals stammen von Crew-Mitglied Mic-O, ein Old-School Beat mit einem jazzigen Sample, DaGreeco rappt darauf mit schneidender Stimme über Frauen und Kiffen. Der Track ist klasse, ich nicke mit dem Kopf zum Beat.

Saufpole rappt über Partydrogen und durchfeierte Nächte, versetzt einen zurück ins 18-Months oder in eine KGB-Afterhour. "Alles Real Talk", urteilt Jan-T während das Feature ‘Afterhour Monsters’ von Saufpole und Jan-T läuft, in dem sie eine übertriebene After-Hour rekonstruieren.

H5N1 zeigt unterschiedliches Können; lässt einerseits seine stumpfe Atzen-Party-Seite aus, übt aber auch in düsteren, bedeutungsschwere Verschwörungstracks Systemkritik - letzteres mit hervorragenden Skills. Wir hören auch Tracks von Mic-O und Jan-T; sie sind etwas smoother drauf und hauen entspannte Punchlines raus. Die Devise: Fuck it all.

Wir stehen wieder in der Küche, der nächste Joint wird angezündet, eine weitere Runde "5.0"-er-Bier aufgemacht. Es klopft an der Wohnungstür, ein Kumpel der Crew kommt rein, er hat mit Rap eigentlich nichts am Hut, kommt nur zum Abhängen vorbei. Typisches HipHop-Crew-Leben halt.

Saufpole beugt sich zu mir rüber und sagt: "Wenn du was Gescheites aufnehmen willst, dann darfst du nicht kiffen." Eine ziemlich paradoxe Aussage - geht es den Typen doch nicht nur um Sex, Rauschgift und Party? Scheinbar nicht. Denn auch, wenn sie davon rappen, ständig high zu sein, nehmen die Rieseneinlauf-Rapper wochenweise drogenfrei, um sich ihren ambitionierten Solo-Projekten zu widmen. Sie machen Urlaub von Rieseneinlauf Entertainment.
Denn hinter der prolligen Party-Crew, die nichts ernst nimmt, am allerwenigsten sich selbst, stecken echte Talente, die smoothe Beats produzieren und es technisch und lyrisch draufhaben. Der Ekel-Rap scheint ihr Druckabbauventil zu sein.

Immer raus damit.



Mehr dazu:

Was: Rieseneinlauf präsentiert: Bring 'Em On mit Nate 57 und Escape 
Wann: Freitag, 28 Juni 2013, 21 Uhr, ab 0.00 Uhr Aftershowparty
Wo: ArTik, Friedrichsring 2, 79098 Freiburg
Eintritt: 15 Euro, Aftershow Party 5 Euro
Special: 1 gegen 1 Rap-Battle
Facebook-Event: Bring 'Em On with Nate 57