Riecht nach Ärger

David Weigend

Die Cro-Mags sind gestern im Crash gewesen. Konzert oder Aggressionstherapie? Irgendwas dazwischen. John Joseph und Kollegen verkünden das "Zeitalter des Kampfs", fudder zückt die Wasserpistole.

Der Roady schrubbt drei satte Powerchords auf der gelben E-Gitarre. Sie sind sowas wie der Pausengong, der den Gästen am Kicker nebenan signalisiert: Jetzt geht's los. Ist ja auch schon elf durch.Der Roady reißt Paketklebeband ab und bappt die Blätter mit den Songlisten an die Monitorboxen. Dann geht er nach hinten zum Mischpult, nimmt die CD mit den einlullenden Reggaeliedern aus dem Spieler und legt die Intromusik der Cro-Mags ein. Es könnte eine Overtüre von Wagner sein, oder von Mussorgsky. Das bringen sie immer. Es klingt so erhaben, dass einige Fans sich vor der Bühne hinknien. Die Cro-Mags, eine der einflussreichsten Hardcore-Metal-Bands überhaupt. Wild, wie Cro-Magnon-Menschen eben so sind.Das New Yorker Quartett, von der Ur-Besetzung ist nur noch Sänger John Joseph übrig, spielt hauptsächlich Material des Debüts "The Age of Quarrel" (1986).

Etwa: Das Zeitalter des Streits. Darin leben die Cro-Mags und das hört man. Was hier in viel zu kurzen 50 Minuten stattfindet, ist Streit auf zweierlei Ebenen: Erstens der Hader mit sich selbst, eine Art rituelle Teufelsaustreibung. Sänger Joseph singtschreit den Text wie ein Besessener ins Mikrofon, ein Besessener, der seine Dämonen loswerden will.Er setzt dabei soviel Energie frei, dass einige im Publikum herumspringen, als würde man sie einer Elektroschocktherapie unterziehen.

Zweitens der Kampf mit der Welt. Cro-Mags-Texte sind Schreie der Verzweiflung und des Widerstands. Übersetzt heißen einige Titel "Tritt nicht auf mich", "Unten aber nicht draußen", "Sage Adieu zu Mutter Erde", "Überleben der Straße". Es heißt, die Cro-Mags seien früher Strauchdiebe und Herumtreiber gewesen an den Bordsteinen von East Side New York. Mag sein. Inzwischen sind sie es wohl nicht mehr. Aber sie verkörpern die Attitüde des widerborstigen Underdogs, der sich durch sein krummes Leben boxt. Zur Musik. Eine zweite Gitarre, wie man sie vom famosen Livealbum "Hard Times in an Age of Quarrel" kennt, wäre wünschenswert gewesen. Ebenso fehlt der charismatische Harley Flanagan am Bass. Flanagans psychopathischer Einschlag hat den Cro-Mags-Gigs früher den Beigeschmack des Unberechenbaren gegeben.

Aber der Zähnefletscher hat sich mit Sänger Joseph zerstritten. Joseph, das wandelnde Tattoostudio, flechtet ab und zu ein "Hare Krishna"-Mantra in seine Textzeilen und zollt somit dem Vishnuismus Tribut.Wie gesagt, ausschließlich "Hard Times" zuzugeben, ist ein schwacher Abgang. Aber das ist eben Hardcore. Kurz und voll in die Fresse.