Ric Graf: Perspektivlose Euphorie

Lilli Staiger

Der 21-jährige Berliner Ric Graf hat Christoph Schlingensief assistiert, als Magazin-Autor gearbeitet und jetzt ein Buch über sich und seine Freunde geschrieben: iCool- Wir sind so jung, so falsch, so umgetrieben. Wir haben mit ihm gesprochen - über latente Unzufriedenheit und geschmacklose Kritik.

iCool ist ein Auszug aus seinem Leben: Partys, Clubs, Alkohol, Drogen, Klamotten, oberflächliche Bekanntschaften und Café-Gespräche. Die Mitte der 80er-Jahre Geborenen bezeichnen viele als "Generation Praktikum". Die Jugendlichen finden immer seltener feste Arbeitsstellen, machen ein Praktikum nach dem anderen und leben stets in Unsicherheit über ihre Zukunft. Auch das ist ein Thema in iCool.


Ric Graf erzählt zunächst von seiner Kindheit, der Trennung seiner Eltern und dem frühen Verlust seiner Mutter, die an Krebs starb. Seine Art, damit umzugehen, war Verdrängen: "Ich hatte ihr Fehlen ins Unbewusste verbannt, wollte eigentlich nur allen beweisen, wie gut es mir geht (...). Ich glaubte, es müsste so sein. Ich müsste cool sein." Coolness ist aus seiner Sicht das, wonach die meisten in seinem Alter streben. Echte Gefühle, feste Beziehungen und Zukunftspläne zählen nicht. Sie versuchen, diesen Dingen so gut es geht zu entgehen. Entscheidend sei es stets, den Moment zu leben und nicht an morgen denken zu müssen. Ric und seine Freunde vertreiben sich die Zeit in Cafés, trinken dabei Latte Macchiato und unterhalten sich über ihre Einsamkeit und den "schönen Schein", der ihr Leben bestimmt.

Was der Autor damit meint, ist Konsum. Regelmäßige Shoppingtouren, Konzert-, Restaurant- und Barbesuche; das alles sind Dinge, die für Ric und seine Altersgenossen nicht mehr wegzudenken sind. "Konsum ist der Weg raus aus der Langeweile, raus aus dem Alltag (...). Es ist auch die Flucht vor sich selbst, vor der Einsamkeit." Sie geben Geld aus, wo es nur geht und so lange es geht. Für Drinks, Drogen, Taxis und alles, was dazugehört. Wenn der Geldautomat der Bank streikt, leihen sie sich das Geld eben. Hauptsache, es kann weiter gehen mit Spaß und Feiern.

An einem Abend sollte am besten alles drin sein: vom Konzert zum Restaurant, danach in einen Club, gegen Morgen noch zu einem Freund und anschließend bis nachmittags schlafen. Das schönste wäre für Ric das Leben eines Rockstars. Der Skandalmusiker Pete Doherty wird in iCool häufig erwähnt und ist für den Autor so etwas wie ein Idol, einer, der dem Lebensgefühl seiner Generation sehr nahe sei.
Der Autor greift in dem Buch auch ernste Themen auf. Den Umgang mit Verlusten; die Ängste, die man hat und die man mit niemandem teilen kann. Was soll aus mir werden? Wie bekomme ich mein Leben in den Griff? Einige von Rics Freunde haben harte Zeiten durchgemacht, so wie er selbst, als seine Mutter starb. Die Schwester von Leo, einem Freund von Ric, ist drogenabhängig und bringt sich im Alter von 21 Jahren um. Louisa, eine Bekannte, arbeitet als Model, wird magersüchtig und fängt an zu koksen. Ric erzählt auch vom schmerzvollen Verlust eines für ihn sehr bedeutenden Freundes, durch den er das erste Mal seine Gefühle zulässt. Doch lange hält die Ernsthaftigkeit nicht an, Ablenkung muss her. Es geht weiter mit Clubabstürzen und sinnlosem Zeitvertreib: "Weitermachen. Man kann eigentlich nur weitermachen."

Wir machen gleich mal mit ein paar Fragen weiter.

Dein Buch hat den Untertitel "Wir sind so jung, so falsch, so umgetrieben"? Was meinst du damit?

Ric Graf: Das Jungsein ist mit einer intensiven Suche verbunden. Man stürzt sich ins Leben und wird dabei von Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten umgetrieben. Auch in die falsche Richtung: ob nun Konsum, Oberflächlichkeiten, falsche Entscheidungen.Die Fehler, die wohl jeder in seiner Jugend macht, gehören dazu und helfen auch die eigene Identität und den eigenen Weg zu finden. Auf die aktuelle junge Generation bezogen, meint das "falsch" die Flucht ins Oberflächliche.

Wen willst du mit deinem Buch ansprechen?

Ric Graf: Das kann ich nicht genau sagen. Jeder, der sich angesprochen fühlt, ist angesprochen. iCool ist natürlich speziell für Jugendliche interessant und dient als Projektionsfläche: bin ich genauso? bin ich anders? finde ich das gut oder nicht? Für Jüngere ist das Buch Zündstoff, für Ältere ist es ein Einblick.

Du schreibst über persönliche Erfahrungen und über schmerzvolle Verluste. Wieso sollen alle daran teilhaben?

Ric Graf: Ich drücke mich übers Schreiben direkter aus und mir wird vieles bewusst, was ich sonst vielleicht eher verdränge. Ich kann besser mit Verlusten und Ängsten umgehen, ganz klar. Da ich ein sehr subjektives Buch geschrieben habe, muss ich als Erzähler natürlich auch sichtbar werden: Der Leser muss meine Ecken und Kanten erfassen können und soll auch die Chance haben, meinen wunden Punkt zu erkennen. Daher habe ich viel preisgegeben, aber nicht alles.

Auf jetzt.de schrieb die Redakteurin Christina Kretschmer "Ric Graf ist kein Autor, er ist Tagebuchschreiber." Sie meint, deine Erkenntnisse über das Leben seien "Banalitäten, die schon vor Jahren keinen Menschen interessiert haben." Was sagst du dazu?

Ric Graf: Ich kenne die Kritik. Was sie geschrieben hat, mag ihre Meinung sein. Es ist auch interessant, wie sich die Leute aufregen. Viele Dinge, die ich in dem Buch beschreibe - ob nun Liebeskummer, Verluste, Ängste oder Träume - sind für die meisten keine Banalitäten. Für mich auch nicht. Und ich wundere mich schon, wie viele Leuten Anfang zwanzig das Recht auf eigene Erfahrungen absprechen - ab wann zählen denn Erfahrungen?

Welche anderen Reaktionen bekamst du auf dein Buch?

Ric Graf: Ganz unterschiedliche. Zum einen konnten junge Leute, die das Buch gelesen haben, vieles davon nachvollziehen und meinten: So geht es mir auch oder das sehe ich anders. Dann gibt es Ältere, die nach der Lektüre sehr bedrückt waren, sich aber auch an ihre Jugend erinnert fühlten. Eine Frau sagte, dass sie unser Lebensgefühl nachempfinden könne und ihre Tochter durch mein Buch besser verstehe. Ich fand es schön, so eine Reaktion zu bekommen. Aber es wie mit jedem Buch, einigen gefällt es, anderen missfällt es.

Was sind die wichtigsten Merkmale deiner Generation?

Ric Graf: Es gibt auf jeden Fall eine Unentschiedenheit, die wohl mit der prekären Wirtschaftslage zusammenhängt. Heute ist es auch sehr schwierig zu wissen, was man mit 30 macht oder machen will, jobmäßig und privat. Wie plant man? Die eigene Familie ist nicht mehr das Hauptziel. Es ist ein anderer Weg, der nicht mehr so gradlinig verläuft, wie es früher üblich war. In dieser Zeit haben Träume natürlich auch kaum eine Chance mehr. Es ist ungewiss, ob man überhaupt einen Studien- oder Ausbildungsplatz und hinterher einen Job bekommt; die vielzitierte "Generation Praktikum". Damit einhergehend ist auch die gesellschaftliche Veränderung. Die Wertemuster verschieben sich, die Familie ist in den letzten 20 Jahren in den Hintergrund gerückt. Es gibt viele Scheidungskinder und alleinerziehende Eltern, dadurch fehlt der Halt in der Familie. Das ist der Grund, weshalb wir Ablenkung suchen. Konsum nimmt bei uns eine viel bedeutendere Rolle ein als bei früheren Generationen. Ich finde einen Begriff sehr passend: die "perspektivlose Euphorie". Man weiß nicht, was machen soll, also macht man das beste aus dem Moment.

Welche Botschaft willst du den Lesern mit deinem Buch vermitteln?

Ric Graf: Das Buch hat keine Botschaft. Trotzdem will ich damit mir und anderen einen Spiegel vorhalten und zeigen, dass vieles, das man macht, überdacht werden sollte. Konsum und das viele Feiern ist meistens eine Art Flucht. Es ist auch unsinnig, nur Karriere im Kopf zu haben und sich großem Druck auszusetzen. Man liest oft in Stellenanzeigen, dass mit 24 Jahren Uniabschluss, Praktika, Auslandsaufenthalte und am besten noch Berufserfahrung erwartet werden. Das ist einfach übertrieben, unrealistisch und einen Job hat man damit noch nicht mal sicher. Jeder sollte sich überlegen, was er mit seinem Leben anfangen will, seinen Weg gehen und sich ausprobieren. Aber es geht bei iCool nicht um eine Botschaft, eine Aufforderung und eine überhebliches Besserwissen - sondern um die Beschreibung einiger Menschen, die vielleicht einen größeren Teil der Anfang Zwanzigjährigen widerspiegeln.

Was hast du durch iCool gelernt?

Ric Graf: Ich habe gelernt, anders mit Verlusten umzugehen, einen offeneren Umgang damit zu haben, ehrlicher mit mir zu sein und mich auch zu hinterfragen. Ich würde nicht sagen, dass ich durch das Buch jetzt auf dem total richtigen Weg bin, aber ich habe sehr viel über mich nachgedacht.

Wie unterscheidet sich die "Generation Praktikum" von der "Generation Golf", über die Florian Illies geschrieben hat?

Ric Graf: Die "Generation Golf" war natürlich wirtschaftlich gesehen besser dran. Sie war auch sehr konsumorientiert, aber in der Zeit haben die Leute noch sehr viel Geld verdient und hatten Spitzenpositionen, bevor die Krise der "New Economy" kam. Wir dagegen sind in der wirtschaftlichen Krise aus der Schule gekommen. Wir haben nicht die Chancen, die die "Generation Golf" hatte, zumindest nicht mehr in allen Berufsgruppen. Was das Lebensgefühl und die Denkweise angeht, ist vieles gleich geblieben. Der größte Unterschied ist die Ausgangslage. Wir sollten nicht mehr an die Festanstellung glauben.

Wieso ist gerade der Skandalsänger Pete Doherty ein Vorbild für dich?

Ric Graf: Kein Vorbild, aber er und seine Musik haben mich gerade im letzten Jahr begleitet. Spannend ist, dass er einen sehr individuellen Weg geht, danach verspüre ich eine Sehnsucht. In der perfekten Popmusikwelt passiert so wenig, alles ist so sauber, ohne Authentizität. Mich interessiert aber mehr seine Kunst, als das Geplänkel in der Boulevardpresse.

Auf was kannst du in deinem Leben nicht verzichten?

Ric Graf: Freunde, Zeit, Freiheit. Wichtig ist es mir auch, keine Kompromisse eingehen zu müssen, selbst wenn das naiv klingt. Unabhängigkeit ist für mich etwas ganz Entscheidendes. Was Gegenstände betrifft, sind für mich mein leicht kaputter Laptop, Bücher und CDs unverzichtbar.

Was fehlt in deinem Leben?

Ric Graf: Manchmal Ruhe. Ich neige ein wenig zu Rastlosigkeit und bin latent unzufrieden. Natürlich fehlen mir die Menschen, die ich verloren habe. Ab und zu fehlt es mir auch an Selbstvertrauen. Ich habe oft Zweifel und auch Ängste.

Wovor genau hat du Angst?

Ric Graf: Ich habe häufig das Gefühl, mich pausenlos im Kreis zu drehen und nirgendwo anzukommen. Ich habe Angst davor, dass mein Leben mit 30 genauso aussehen wird und nicht viel geschehen ist. Ich habe ganz normale Existenzängste, bin aber auch kein Sicherheitsfanatiker und somit halten die Angst-Phasen nur kurz an.

Was hat sich in diesem Jahr bei dir verändert?

Ric Graf: Ich weiß jetzt genauer, was ich machen möchte. Auf jeden Fall will ich weiterschreiben, fange jetzt an zu studieren, Literatur und Philosophie, und bin sehr glücklich verliebt.

In welcher Form willst du weiterschreiben?

Ric Graf: Ich möchte wieder mehr journalistisch schreiben und ich mache einen Weblog. Außerdem sitze ich gerade an einem neuen Buch.



Ric Graf - iCool, Sachbuch
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