Rezension: Die Bettleroper

Maximilian Vogelmann

Im Stadttheater singen Obdachlose und Hartz IV-Empfänger vor der Freiburger Bourgeoisie und bauen damit eine Brücke über eine soziale Kluft. Maximilian hat sich an den Thementagen 'Capitalism Now' des Theater Freiburg die "Bettleroper" für uns angeschaut.

 
In einer Reihe stehen sie vor dem Publikum und singen ein Lied mit dem Titel „Das Geld ist weg“. Es sind zehn Freiburger Obdachlose und Hartz IV-Empfänger, die so mutig waren, als Amateure in einer Inszenierung von Regisseur Christoph Frick mitzuwirken.


Ein alter Mann, der ein bisschen an den Weihnachtsmann erinnert und gelegentlich seinen Text vergisst. Eine Frau in Latzhose mit Heidi-Zöpfchen. Ein junger Mann in Stiefeln und mit Glatze. Ganz verschiedene Menschen sind es, die da auf der Bühne stehen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie die Härten eines Lebens in Armut kennen.

Der größte Teil des Publikums hingegen dürfte in dieser Hinsicht eher unbeleckt sein, entstammt er doch eher dem „bürgerlichen“ Milieu. Es sind zwei sehr verschiedene Welten, die da in der „Bettleroper“ einander gegenübergestellt werden. Dadurch wird zunächst einmal eine Kluft spürbar, der man sonst eher aus dem Weg geht.

Doch in der „Bettleroper“ kann man nicht wegsehen, die Menschen, denen man sonst eher aus dem Weg geht, stehen direkt auf der Bühne. Anstatt Armut zu inszenieren, wird sie dokumentiert. Das eine oder andere Gesicht kennt man aus der Freiburger Innenstadt - zum Beispiel von den Verkäufern und Verkäuferinnen des „Freien Bürgers“, der Freiburger Obdachlosenzeitung.



Die „Bettleroper“ schafft jedoch mehr als nur ein Bewusstwerden dieser Kluft, sie schafft sogar eine Überbrückung. Dies geschieht mit allen möglichen Mitteln: Eine wichtige Rolle dabei spielen die Schauspieler des Freiburger Theaters, sie füllen Hartz IV-Anträge auf der Bühne aus, lassen sich erklären, wie man richtig bettelt oder geben buchstäblich ihr letztes Hemd an Vater Staat, um die Kriterien für staatliche Hilfe zu erfüllen und flitzen dann nackt vor dem Theater herum.

Damit lassen sie sich auf eine Art und Weise auf das Tabuthema „Armut“ ein, die einen als Zuschauer einfach mitreißt, so dass man sich dann auch mit der eigenen Situation auseinandersetzen muss: Was würde ich tun? Wie weit bin ich vom Abgrund entfernt? Wird mich die Wirtschaftskrise zum Abstieg zwingen?

Die fetzige Musik von Elektrorock-Tigerin Bernadette la Hengst verhindert dabei, dass sich diese Ängste allzu sehr ausbreiten. Die Botschaft ist: Auch auf der Straße bleibt man Mensch und kann sich des Lebens freuen. Das Publikum ist gebannt von dem Spektakel, dass so viel mit den alltäglichen Ängsten und Nöten zu tun hat.
Nach dem Applaus wird weiter an der Brücke gebaut: Es gibt live on stage zubereiteten Chili con Carne aus der Suppenküche für alle, Tische werden zusammengerückt, Stühle aufgestellt, und das Publikum eingeladen, auf der Bühne zusammen mit den Darstellern zu essen und sich zu unterhalten.

Zur weiteren Information wird eine Bettlertour angeboten, von einem der sich auskennt, wo und wie das am besten geht in Freiburg. Die „Bettleroper“ zeigt, wie wichtig das Theater als Ort der Begegnung und des Austausches sein kann, wenn man es richtig nutzt. Ein großer Erfolg!



Mehr dazu:

Web: Bernadette La Hengst
Was:
Bettleroper, mit der Musik von Bernadette La Hengst
Wann: Freitag, 13. März 2009 und Sonntag, 22. März 2009, jeweils 20 Uhr 
Wo: Kleines Haus, Theater Freiburg

[Fotos: Maurice Korbel]