Rezension: Christoph Schlingensief "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!"

Patrick Spät

Beim Gemüsehändler. Sellerie, Paprika und Karotten für 10,16 Euro eingekauft. Alltägliche Nichtigkeit? Langweilig? Nicht für jemanden, der nach dem 'Totalcrash Krebs' seiner Freiheit beraubt worden ist. Denn die Krankheit Krebs relativiert alles. Was ist schon eine Zugverspätung von 20 Minuten oder ein Absturz des Computers, wenn das ganze Leben abstürzt? Davon handelt Christoph Schlingensiefs "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! - Tagebuch einer Krebserkrankung".



Christoph Schlingensief
ist bekannt für seine provozierenden Theateraufführungen, Filme und Protestaktionen wie die „Church of Fear“ in Venedig. Dabei ist dem heute 48-Jährigen meist nichts zu peinlich – wenn er beispielsweise während „U3000“ im Adamskostüm durch die Berliner U-Bahn rennt. Dass ihm nichts peinlich ist bezeugt auch sein neues Buch. Diesmal keine (Selbst-)Inszenierung, sondern ein bewegendes Dokument über die nackte Realität: Im Januar 2008 wird bei Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert.


Mit dieser grausigen Nachricht setzt die in Tagebuchform gehaltene Dokumentation über seine Erlebnisse und Gedanken ein. Was sich hier so nüchtern liest, ist Himmel und Hölle zugleich: Auf unverblümte und höchst ehrliche Weise schildert Schlingensief seine Ängste und seelischen wie körperlichen Qualen, die mit der Diagnose, der Entfernung eines Lungenflügels und der Chemotherapie einhergehen. Der Dämon Krebs kreist.

Den Tod ständig vor Augen denkt Schlingensief über Gott nach, kritisiert die Kirche und setzt sich – angriffslustig wie eh und je – mit seinem verstorbenen Vater, der modernen Kunst und dem Medienzirkus auseinander.



Es ist keine Ode ans Leben: Weder verklärt Schlingensief den Krebs – der ist ein Dreck, der aus dem Körper raus muss. Noch begegnen einem lyrisch gedrechselte Sätze, sondern vielmehr eine lebendige Sprache, die direkt aus dem Diktiergerät zu kommen scheint, das der Autor immer bei sich trug. Keine Ode also, aber ein Bekenntnis zum Leben: „Ich will auf alle Fälle leben. Aber nicht, um wieder in diesen blinden Trott zu verfallen, noch schneller, noch mehr, sondern ich will ein Leben leben, das einen Sinn ergibt und sich den Menschen nähert.“

Die Welt kommt zum Stillstand, alles Oberflächliche und Gehetzte, alles Geld- und Prestigefixierte gleitet ab. Der 'alte Halligalli-Christoph' sucht nach einem sinnvollen Grund seines kreisenden Lebens, er träumt von einem Opernhaus in Afrika und schreibt in ergreifenden Worten von der Liebe zu seiner Verlobten Aino.

So ist dieses Buch keinesfalls nur für Erkrankte und deren Angehörige geschrieben, sondern auch für ‚Gesunde’ äußerst lesenswert: Mit jeder Zeile wird einem bewusst, was das Leben ausmacht. Es öffnet einem (wieder) die Augen für die kleinen und großen Freuden des Lebens, ganz gleich, ob man beim Gemüsehändler einkauft oder in den Armen eines geliebten Menschen einschlafen kann.

Mehr dazu:

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 254 Seiten, 18,95 Euro
ISBN 978-3-462-04111-8