Rezension: Annette Pehnt - Hier kommt Michelle

Anna Leiber

Das Leben an der Uni ist nicht einfach, erst Recht nicht seit der Einführung der Bologna-Reformen. Diese grausame Wahrheit muss auch Michelle erfahren, als sie ihr Studium an der vielgerühmten Universität Sommerstadt beginnt. Die "reizende junge Abiturientin mit einem schmalen, flinken Körper" ist die tapfere Heldin des Campusromans "Hier kommt Michelle" von Annette Pehnt. Anna hat Probe gelesen.

Wagemutig kämpft sich Michelle sich durch ihren Alltag, vorbei an einem gemeinen Exfreund, der einfach nicht aus ihrem Leben verschwinden will, Demonstrations-und Wir-Sind-Gegen-Alles-geneigten Kommilitonen sowie ignoranten Dozenten, die ihr Leben ohne Wenn und Aber der Wissenschaft gewidmet haben.


Weil all diese Dinge natürlich extrem belastend sind, erleidet Michelle eine Krise pro Modul - mindestens. Dabei hat der Leser oft das Gefühl, nicht nur die bösen Alltagsprobleme sondern auch Michelles eigene Gedanken stellen sich ihr in den Weg.

Ohne Punkt und Komma dreht und wendet sie die Dinge, springt von einem Thema zum nächsten und es scheint so, als gebe als für sie kein Entkommen aus ihrem Dilemma. Doch die Erzählerin, deren Sicht dem Leser an einigen Stellen vor Augen geführt wird, hat Mitleid mit ihrer frisch erschaffenen Figur und daher wächst Michelle mit jedem Tiefpunkt.

Nagte zu Beginn des ersten Moduls so ziemlich alles an Michelles Nerven - von A wie Anglistik bis Z wie Zentrum für Schlüsselqualifikationen - so ist sie am Ende des Buches (Modul 4) mit sich und ihrem Studentenleben vollkommen im Reinen.



Leichte Kost ist dieser Roman nicht. Das liegt nicht etwa an seinem Inhalt, sondern an der Art, wie Annette Pehnt das Geschehen, die verschiedenen Charaktere und ihre Gedanken darstellt. Ähnlich dem Kleist'schen Schreibstil ziehen sich lange Sätze über mehrere Zeilen, wobei sich zwischen jedem Komma eine neue Anspielung, humoristische Überzeichnungen oder spitzzüngige Kritik finden lässt. Dabei äußert sich das mal in Form eines deutlich übertriebenen Klischees, mal liegt das eigentliche Anliegen aber auch versteckt zwischen den Zeilen.

Daher benötigt man als Leser - ebenso wie die Romanheldin - ein paar Seiten, um sich im Geschehen zurechtzufinden. Einmal an diesem Punkt angekommen, bringt einen jede neue Seite zum Schmunzeln, und wer sich je im Schoß der Alma mater befunden hat, der wird viel Bekanntes wieder entdecken.

Dass die Eliteuniversität Sommerstadt und das bekannte Studentenstädtchen unserem Freiburg sehr ähneln, dürfte nicht überraschen, denn Annette Pehnt lebt und arbeitet seit einigen Jahren hier. Seit 2007 doziert sie an der Pädagogischen Hochschule und geht nebenher ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, nach. So hat sie als freie Autorin bereits zahlreiche Romane veröffentlicht und wurde für ihre Werke unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis, einem großen Stipendium des Darmstädter Literaturfonds, sowie dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet.

„Hier kommt Michelle“ ist im Dezember 2010 bereits in zweiter Auflage erschienen, und dass dieser Campusroman mit „Band 1“ betitelt wurde, lässt eine Fortsetzung erwarten.
Als Fazit eignet sich in meinen Augen am besten die letzte Passage aus dem Vorwort, die wiederum nur so vor Ironie strotzt: „Dieser Roman ist larmoyant, verbittert, arrogant, ungerecht und unpsychologisch; er enthält Stereotypen, Versatzstücke, Gesellschaftskritik, Verhöhnungen, Polemik und ein negatives Weltbild.“

Mehr dazu:

Annette Pehnt
Hier kommt Michelle
Ein Campusroman, Bd. 1.
Edition Text-Mission
jos fritz.verlag, Freiburg 2011
140 Seiten, 9 Euro