Revolverheld - Fangirls galore

Carolin Buchheim

Wären wir fudderites böse Menschen die ihre Vorurteile lieben, dann würden wir heute einen Text über Teenager in kleinen rosa T-Shirts [Aufdruck: 'Revolverheldin'] schreiben. Oder einen Text über Frauen Mitte zwanzig, die vorallem wegen der Attraktivität von Frontsängern auf Konzerte gehen und über die demotivierten Partner, die sie zu diesen Konzerten mitschleppen. Oder vielleicht auch einen Text über die korrekte Definition des Terminus 'Rockmusik' oder einen Text über die Auswirkungen eines Majorlabelvertrags auf eine junge Band.



Aber wir sind ja keine bösen Menschen, und unsere Vorurteile lassen wir gerne auch mal fallen. Oder wegrocken. Und rocken taten sie, gestern Abend im Jazzhaus, die fünf Herren Revolverheld aus Hamburg. Weg mit den liebevoll gepflegten Vorurteilen!


Vorurteile gegenüber Revolverheld hatten wir reichlich. Wie das halt so ist, wenn man eine Band nur vom gelegentlichen Zappen durch den Musiksender SMS-Votingsender Viva Plus und vom Gerede anderer junger Bands, junger Bands ohne Majorlabelvertrag, junger neidischer Bands also, kennt.

Als wir um viertel nach Acht gestern Abend ins Dreiviertel volle Jazzhaus kamen, da hüpften sie bereits, die vielen Mädchen unter Zwanzig. Nico, Peter und Robin, zusammen: Wir aus Endingen hatten auf ihrem bisher prestigeträchtigsten Gig die Revolverheld-Fangirls mit ihrer Musik (ungefähr: Echtmeets Muff Potter, wirklich vielversprechend) innerhalb kürzester Zeit voll unter Kontrolle gebracht. Wir fragten sie am Ende des Abends, ob da in den ersten Reihen eigentlich Schulkameradinnen oder sonstige Bekannte als de-facto Cheerleader zum Anheizen eingeschmuggelt gewesen wären, Frontmann Nico verneinte dies, zweifelsohne selbst überrascht ob der eigenen Fähigkeit, die Mädchen mit Musik zum hüpfen zu bringen. Respekt!



Als die Herren Revolverheld um kurz vor Neun auf die Bühne kamen, mussten sie nicht mehr viel tun, denn die Fangirls waren willig, ihr Mitgesang textfest und ihr Kreischen laut (und wir froh, doch noch für 50 cent an der Garderobe Gehörschutz erworben zu haben) und alle hatten festes Schuhwerk an. Zum Hüpfen.

Ein bisschen ausgeschlossen fühlten wir fudderites uns, waren wir doch, neben den wenigen anwesenden Eltern, so ziemlich die Einzigen, die nicht mitsingen konnten (und wollten), und dementsprechend emotional ein wenig abwesend. Und trotzdem mussten wir all unsere liebevoll gepflegten Vorurteile revidieren.

Wir hatten eine von Ihrem Majorlabel gehypte Band aus Hübschen Jungs? erwartet, kaum in der Lage ihre Instrumente zu spielen, nur auf CD im Gesang erträglich und überhaupt insgesamt ziemlich clean und charmefrei und gekünstelt.

Revolverheld sind all das nicht. So gar nicht.

Nun gut. Hübsch sind sie, oder eher: hübsch ist er, der eine Mann, den man anguckt, wenn man Revolverheld anguckt. Sänger Johannes (25) i st, das müssen wir einfach mal so deutlich sagen, verdammt attraktiv, und zwar auf ganz unprätentiöse Art und Weise, einfach so von Natur aus, und nicht, weil ein Stylist ihm die Haare gestylt und Klamotten für ihn ausgesucht und ihm für ein Musikvideo falsche Tränen ins Gesicht getropft hat. Und -viel wichtiger- singen kann er auch noch. Und zwar wirklich gut singen.

Natürlich fragen wir uns immer noch, ob jemand der privat Richard Ashcroft, Eddie Vedder und Niels Frevert (!) verehrt, eigentlich wirklich für weibliche Teenager auftreten will, aber er kann singen, richtig gut singen. Selbst mit gerade im Bandkollektiv durchgestandener Grippe, die die Band zwei Tage zuvor zur Absage eines Gigs in Köln veranlasste, trägt er mit seinem Gesang und Auftritt diese Band. Dem Fencheltee on stage sei dank.



Die Herren die er um sich schart, Niels und Kristoffer an den Gitarren, Flo am Bass und Jakob am Schlagzeug sind nicht nur routinierte Musiker und ein eingespieltes Team sondern auch nach monatelangem Touren noch enthusiastisch am Start. Da wird im Kollektiv gehüpft, und eng zusammen mit dem Rücken zum Publikum gespielt und überhaupt scheinen die Herren sehr genau zu wissen, wie viel Glück sie haben, das hier miteinander machen zu können, das Musikding, und so erfolgreich noch dazu.

Wenn Sänger Johannes mit einer kleinen Kamera das Publikum filmt 'um in zehn Jahren beim auf der Couch sitzen sagen zu können 'schau was wir gemacht haben, vor zehn Jahren', dann ist das nur halb gewitzelt. Man scheint keine grossartigen Illusionen ob der Härte des Musikgeschäfts zu haben, und deswegen den Moment besonders zu geniessen.

Musikalisch gesehen waren die Herren krachig und gitarrig und laut und eindeutig zum Hüpfen und Armeschwenken. Einmal quer durch das Self-titled Debütalbum ging es, immer begleitet vom extrem hohen Publikumsmädchenchor, der jede Zeile kennt. Die Highlights des Abends waren eindeutig die Singles 'Die Welt steht still' (auch wenn wir bei diesen Worten immer an den Song 'Symphonie' von Silbermond denken müssen), 'Generation Rock', die aktuelle Single 'Freunde bleiben' und der ganz zuletzt gespielte Fussballsong 'Heimspiel'.

Uns gefiel die erste Zugabe am besten: beim unplugged gespielten 'Mit Dir Chillin' mussten sogar wir alten Zyniker ein bisschen mit den Knien wippen.

Das Netteste und Schönste an diesem Abend im Jazzhaus, nein, das war nicht der attraktive Herr Frontmann, sondern die vielen Fangirls, die er und seine Band glücklich gemacht haben. Da war Alysha (14), die mit Naomi (13), das ganze Konzert über ganz ergriffen und selig lächelnd in der ersten Reihe direkt vor Sänger Johannes stand. Papa Markus (37), war auch mitgekommen, hielt sich aber geduldig im Hintergrund auf, und wartete ab, bis die Mädels Johannes nach dem Konzert auch endlich 'Hallo' gesagt hatten. Oder Nicole (28), die Revolverheld schon vor Jahren in Hamburg bei einem Band Contest gesehen hatten. Oder Christine und Nicole (19), die extra aus Schenkenzell (bei Freudenstadt) angereist waren, weil Ihnen Revolverheld schon im letzten Jahr als Vorband von Die Happy in Rottweil so gut gefallen hatte. "Die will man einfach so knuddeln, und Johannes ist total scharf." meinten sie, und waren nach dem Konzert beide zufrieden ob der langen Show. "Viel besser, als nur als Vorband, natürlich."

Viel besser als erwartet, hätten wir hinzufügen können.

Danke fürs Vorurteile wegrocken, die Herren, und viel Erfolg noch. Auf dass Sie in zehn Jahren immer noch auf Bühnen stehen, vielleicht vor Leuten, die eher ihrer Altersklasse entsprechen, und Musik machen, und eben gerade nicht auf dem heimischen Sofa sitzen und Videos angucken müssen. Von Auftritten im Jazzhaus in Freiburg.

Photosbei Flickr.

Außerdem vertreten Revolverheld nächste Woche mit ihrer neuen Single 'Freunde bleiben' beim TV TOTAL Bundesvision Song Contest als Hamburger Jungs das Bundesland Bremen. Sie werden sich ganz schrecklich über jeden für sie abgegebene Stimme freuen.

Die Jungs von Wir nehmen am 4.März im Haus der Jugend am Music Star(t) Band Contest teil.