Respektieren die Studierenden Sie trotz Ihres lockeren Lehrstils? 5 Antworten vom Englischdozenten Jason Brown

Lena Prisner

Jason Brown ist irgendwie anders: Der Freiburger Englischdozent vergleicht den ersten Semestertag mit einem ersten Date, hält nicht viel von akademischen Titeln und gibt offen zu, nicht alles zu wissen. Wir haben ihn gefragt, was er damit erreichen will und ob die Studierenden ihn trotz seines lockeren Lehrstils respektieren.



Mr. Brown, was erwartet einen in Ihrem Kurs?

Jason Brown: Der erste Tag im Semester ist fast wie ein erstes Date. Es ist meine Aufgabe, den Ton anzugeben. Wenn sich zwei Hunde treffen, dann rollt sich der eine vielleicht auf den Rücken, um zu zeigen: Hey, ich tu nichts, ich will nur spielen. Das ist genau das, was ich mache. Ich will den Studierenden zeigen, dass das hier kein normaler Kurs ist. Er wird so gut oder so schlecht sein, wie sie ihn machen.

Am ersten Tag würde ich zum Beispiel „Prof. Dr. Dr. Dr. Dr. Jason Brown“ an die Tafel schreiben, mein Buch lesen und Musik hören, während die Leute reinkommen. Auch einfach, um zu zeigen, dass in Deutschland zu viel Wert auf akademische Titel gelegt wird. In den USA kriegst du kein besseres Hotelzimmer, nur weil du einen Titel vor deinem Namen trägst.

Ich denke, es hilft den Studenten zu wissen, dass es bei mir keine Hierarchie gibt. Ich bin nicht allwissend, und ich hoffe, dass jeder im Raum etwas weiß, das ich nicht weiß. Am besten zeigt man den Leuten, dass man was vom Leben weiß, indem man nicht so tut, als wüsste man alles.

Was wollen Sie damit erreichen?

Ich will eine Vertrauensbasis im Kurs schaffen. Dass jeder weiß, wenn ich etwas sage, dann kann ich Fehler machen - aber das ist okay. Die Leute sind doch da, um zu lernen, auf Englisch Dinge auszudrücken, die sie normalerweise nicht auf Englisch ausdrücken. Indem man lernt sich auszudrücken, lernt man auch, wo seine Grenzen liegen. Man sieht, wie die eigenen Ideen von anderen aufgenommen werden.

Ich möchte, dass die Leute die Welt ein bisschen anders sehen, nachdem sie bei mir im Kurs waren. Sie müssen mich deshalb nicht besonders respektieren oder überhaupt wissen, woher diese andere Sichtweise kommt. Ich erhoffe mir, dass sie sich dadurch besser mit anderen Menschen identifizieren können.

Respektieren die Studenten Sie trotz Ihres lockeren Lehrstils?

Ich will insofern respektiert werden, als die Studenten jede Woche erscheinen und mir zuhören. Wenn welche denken, dass ich irgendein Freak bin, dann sind das meistens diejenigen, die mich nur ansehen, nichts sagen und mich still verurteilen. Ich hab das Gefühl, dass viele Dozenten auf ihre Studenten herabschauen. Das ist aber nicht der beste Weg, jemanden zum Lernen zu motivieren. Da hat mir mein Psychologiestudium sehr geholfen, weil es mir gezeigt hat, dass man Leute anders behandeln muss.

Trotzdem wird mindestens einer von 35 Studenten den Kurs total hassen. Andere werden merken: Je mehr ich mich im Kurs beteilige, umso mehr bringt er mir. Sie drücken sich aus, trainieren ihr Englisch und lernen, wie es sich anfühlt, wenn ihr Kommentar im Raum steht und jemand anderes darauf antwortet.

Hat Sie jemand in Ihrem Lehrstil beeinflusst?

Mein erster Psychologieprofessor. Er hat seine Kurse im Grunde so strukturiert: Wenn du jede Woche kommst, wirst du die Klausur bestehen. Wenn du eine gute Note willst, musst du lernen, aber du bestehst die Klausur auch sonst. Ich finde, das ist eine gute Idee, weil ich es wichtiger finde, jede Woche anwesend zu sein als zuhause für eine Stunde was zu lesen. Ich hab auch gelernt, dass es im Kurs lustig sein darf. Das entspannt die Situation.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Dozent?

In Deutschland definiert man sich durch seinen Job. Ich seh mich selbst als notwendigen, aber unwichtigen Teil der Uni. Da ich keine Kurse unterrichte, die eine Hausarbeit oder eine mündliche Prüfung beinhalten, geht es bei mir eher um den Lernprozess als um diesen Gedanken: „Was hab ich für eine Note bekommen? Das sagt alles über mich aus.“

Zu lehren definiert mich nicht wirklich – es ist nur etwas, das ich mache, um zu leben. Ich mag es, zu unterrichten. Aber ich definiere mich selbst, ich werde nicht durch die Meinung anderer Leute definiert, und ich will auch nicht nur als Englischdozent gesehen werden. Ich definiere mich durch meine Persönlichkeit, meine Kunst und meinen Lebensstil. Wobei ich sagen muss: Wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich wahrscheinlich immer noch an der Uni arbeiten, so sehr mag ich meinen Job dort. Ich habe die Chance, Leute zu beeinflussen, die offen für Neues sind.

Mir ist wichtig, dass ich immer dieselbe Person sein kann. Die meisten Menschen müssen trennen, wer sie auf der Arbeit und wer sie in ihrer Freizeit sind. Ich nicht. Ich bin mehr oder weniger immer der Gleiche – was gut und schlecht sein kann. Aber es lässt mich authentisch wirken, ganz einfach weil ich authentisch bin. Ich will keinen Job haben, bei dem ich mich anders verhalten muss als sonst. Ich will meinen Job mit Leib und Seele ausüben, und das geht nur, wenn ich ich selbst bin.

Mein Job als Dozent ist es, den Studenten das Gefühl zu geben, dass sie sich ausdrücken können. Diese Gefühle wie: „Oh, er stimmt mir nicht zu“, „Das ist ein interessantes Argument“, oder „Wow, so hab ich die Sache ja noch gar nicht betrachtet“ – darum geht es in der Uni. Lernen soll nicht nur daraus bestehen, einen Haufen Informationen in seinen Kopf zu stopfen. Es geht darum, Rahmen zu bauen, damit wir sie mit schönen Bildern füllen können.

Zur Person

Jason Brown ist 39 Jahre alt und ist vor zehneinhalb Jahren von Kalifornien nach Freiburg gezogen. Seit acht Jahren unterrichtet er an der hiesigen Uni verschiedene Englischkurse.

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[Foto: Privat]