Repressionsdiskurs im Bermudadreieck

David Weigend

Die Fernsehtechniker des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) haben heute Nachmittag in der Löwenstraße die Sendung "Ländersache" aufgezeichnet. Sie wird heute um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Es geht hauptsächlich um das Thema "Komasaufen und Schlägereien". Das strittigere Thema "Belästigung durch Gruppentrinkerei" wurde dabei ausgeklammert.



SWR Bermudatalk

Genau in der Mitte des Dreiecks zwischen BurgerKing, Schlappen und Nachtschicht hat das SWR-Team einige Stehtische aufgebaut. Um 16 Uhr richten sich die Scheinwerfer auf die Menschen, die sich um diese Tische versammelt haben: SWR-Moderator Clemens Bratzler, OB Dieter Salomon, Joachim Metzger, der stellvertretende Leiter der Polizeidirektion Freiburg sowie Irene Vogel, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Unabhängigen Frauen Freiburg.

Was nun folgt, ist im Wesentlichen eine Wiederholung der Pressekonferenz, die am 5. November im Rathaus stattgefunden hat. Zwar kommen auch einige Kritiker zu Wort, doch dient Herrn Salomon die Veranstaltung in erster Linie dazu, sein im Gemeinderat mühelos durchgesetztes Alkoholverbot für Bermudadreieck und Funpark bürgernah und telegen zu präsentieren.

Anfangs wurden die Statements des Bürgermeisters von kritischen Rufern untermalt ("Freiburg, grüne Polizeiburg!"). Moderator Bratzler bemühte sich sogleich, diese Kritik zu unterbinden: "Sprechchöre gibt's heute nicht! Kamera Schnitt, wir fangen nochmal neu an." So ist es der Inszenierung des SWRs zu danken, dass man die kritischen Rufe in der Aufzeichnung heute Abend nicht hören wird.



Straßensaufen Pro und Contra

Die Meinungen der etwa 200 Zuschauer und Passanten vor Ort waren vielfältig, sowohl Gegner als auch Befürworter des befristeten Alkoholverbots am Platze. Dem Beifall nach zu urteilen waren die Gegner des Alkoholverbots in der Überzahl. Diese Haltung hat Irene Vogel von den Unabhängigen Frauen verbalisiert. Das Alkoholverbot sei scheinheilig, so Vogel, da man zu wenig die gesellschaftlichen Ursachen des Alkoholmissbrauchs untersucht hätte; vielmehr sei eine Kampagne für die Ächtung der Sauferei sinnvoll gewesen.

Vogel sprach sich für eine Verteuerung von Alkohol aus und sagte: "Mit diesem Verbot sorgen wir nicht dafür, dass der Alkoholmissbrauch in der Gesellschaft zurückgeht." Außerdem passe es nicht zu einer liberalen und weltoffenen Stadt wie Freiburg, zuerst ein Verbot zu verhängen und daraufhin die Diskussion zu fordern. Diese Reihenfolge hätte umgekehrt sein müssen.



Salomon argumentierte: "Es geht uns gar nicht darum, Alkohol zu verbieten. Wir wollen den vernünftigen Umgang mit Alkohol fördern. Und wir wollen die Gewalt in der Innenstadt zurückdrängen."

Salomon betonte erneut den Experimentalcharakter des Verbots. "Wir können nicht ausschließen, dass sich das Problem verlagert. Dann müssten wir die Sache im Sommer neu überdenken." Desweiteren titulierte sich Salomon als liberaler Mensch. "Aber Liberalität muss ihre Grenzen haben, sobald die Gesundheit von Menschen gefährdet ist."

Unvollständige Diskussion

Wenig konkret wurde Polizeichef Joachim Metzger, als er nach der konkreten Umsetzung des Alkoholverbots gefragt wurde. "Bei uneinsichtigen Personen müssen wir die Situation dann eben anders lösen." Die Frage nach dem "Wie?" verkniff sich der SWR-Moderator.

Unerfreulich war außerdem, dass der eigentliche Aufreger der Gemeinderatssitzung am Dienstag nicht zur Sprache kam: Nach heftiger Debatte und knappem Ergebnis darf die Polizei nun gegen Gruppen vorgehen, deren öffentliche Trinkerei geeignet ist, "Dritte erheblich zu belästigen." Dieser Persilschein birgt die Gefahr von Polizeiwillkür und hätte wahrlich einer Diskussion bedurft. Doch dieses Thema war den "Ländersache"-Machern wohl ein wenig zu speziell.



Lieber ließen sie vor laufender Kamera -im weitesten Sinne- Suchtexperten zu Wort kommen: Einen Tankstellenbetreiber, den Schlappenwirt, die Leiterin der Freiburger Drogenhilfe und einen Vertreter der Freiburger Schülerunion ("Freiburgs Jugendliche fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt"). All die Meinungsäußerungen bewiesen immerhin: die öffentliche Debatte zum Thema Alkoholverbot ist in vollem Gange.

Mehr dazu: