Rennradprofi Julian Kern: "Es ist absoluter Schwachsinn, wenn Leute behaupten, dass man nur gedopt gewinnen kann"

Maren Windfelder

Alkohol, Zigaretten, Junk Food: Der Rennradprofi Julian Kern muss auf vieles verzichten. Aber es zahlt sich aus: Seit Anfang des Jahres fährt der 23-jährige Freiburger für das französische Protour-Team Ag2r-La Mondiale. Und das, obwohl er schon mal aufgegeben hatte. Ein Porträt.



Das Thema Doping nervt Julian. „Es darf nichts über Radsport berichtet werden, ohne dass gleichzeitig über Doping berichtet wird.“ Julian ist Radsportprofi beim französischen Team Ag2r-La Mondiale. Radsport ist seine große Leidenschaft. „Wichtig ist für mich, dass man sich bei den Rennen wohlfühlt, dass man sich wirklich darauf freut und die Rennen nicht als Zwang ansieht. Das ist für mich der Weg ins Ziel.“


Erst Anfang des Jahres wechselte Julian vom Leopard Team zum französischen Protour-Team Ag2r-La Mondiale. „Da Ag2r-La Mondiale ein Profiteam ist, fiel mir die Entscheidung zu wechseln relativ einfach. Wer möchte schon in der dritten Klasse fahren, wenn er auch in der ersten Klasse fahren kann“, sagt Julian. Mit seinem Team ist Julian sehr zufrieden. Auf der weltweiten Rangliste der Profiteams steht sein Team momentan auf Platz sechs. Die Tour de France wird Julian dieses Jahr wahrscheinlich noch nicht mitfahren. Als Team-Neuling muss er erst einmal langsam an die großen Rennen herangeführt werden. Sein Ziel für 2013: "Ich möchte unbedingt meinen dritten Platz in der deutschen Meisterschaft von letztem Jahr toppen."

Obwohl Julian für ein französisches Team fährt, trainiert und wohnt er in Freiburg. Seine Teamkollegen sieht er nur bei den Rennen oder im Trainingslager. Auch seinen italienischen Trainer bekommt Julian nur selten zu Gesicht. Die beiden stehen aber täglich in E-Mail- oder SMS-Kontakt, damit Julians Trainer ihm regelmäßig Übungsanweisungen geben kann. Heute: "20 Minuten normaler Puls, dann fünf Minuten, in denen du abwechselnd 20 Sekunden sprintest und 40 Sekunden mit dem dicken Gang fährst." Sein Training umfasst teilweise bis zu sieben Stunden am Tag.



Doping. „Es ist absoluter Schwachsinn, wenn Leute behaupten, dass man ein Radrennen heutzutage nur gewinnen kann, wenn man gedopt ist.“ Mit den Dopingskandalen verbindet er den Radsport der neunziger und der frühen nuller Jahre. Heute sehe die Situation anders aus: Der Radsport habe angefangen, Doping effektiv zu bekämpfen. „Andere Sportarten machen das nicht“, sagt Julian, „bei der Leichtathletik, beim Triathlon oder beim Fußball, da bekommt man nur so wenig vom Doping mit, weil dort weniger kontrolliert wird.“

Drei Wochen 'Tour Down Under' in Australien, ein paar Tage später die 'Tour de Mediterran' und jetzt gerade Frankreich: Julians Terminkalender ist proppevoll. „Als Radsportler muss ich auf vieles verzichten“, sagt Julian. Alkohol, Zigaretten, Junk Food. „Ich bin sehr viel unterwegs. Meine Freundin wünscht sich, dass ich öfters zuhause bin.“ Aber nicht nur seine Freundin muss zurückstecken. Auch das Lehramtsstudium an der Uni Köln brach Julian ab, als 2011 das Leopard Team an die Tür klopfte. Man stellte ihn vor die Wahl: Studium oder Radsportkarriere. Für Julian war sofort klar, dass er sich für den Radsport entscheiden würde.

Er selbst sei mit Doping noch nie in Kontakt gekommen. „Ich weiß nicht, ob das meine eigene Naivität ist, oder ob ich da einfach einen Bogen drum herum gemacht habe“, sagt Julian. Für eventuelle Dopingkontrollen muss er für jeden Tag Zeit und Ort angeben, an dem er theoretisch überprüft werden könnte. Die meisten Radprofis würden die Zeit zwischen sechs und sieben Uhr morgens angeben - da sei man auch wirklich immer zuhause. „Es darf ein- oder zweimal passieren, dass die Kontrolleure kommen und man nicht am angegebenen Ort ist", sagt Julian. Beim dritten Mal sei es vorbei. „Dann ist man gesperrt.“



Julian hat schon große Enttäuschungen hinnehmen müssen und war mehrere Male kurz davor, alles hinzuschmeißen. Nach seinem Realschulabschluss brach er erst einmal mit dem Radsport. Seine Noten reichten nicht aus, um ein Berufsgymnasium zu besuchen, und auch seine Radrennen verliefen weniger erfolgreich. Julian entschied sich, ein Jahr in die USA auf eine High School in Chicago zu gehen.

Bei seiner amerikanischen Gastfamilie standen gesunde Ernährung und Sport allerdings kaum auf dem Programm. Er war entsetzt. „Oft bringen einen nicht die positiven Erfahrungen weiter, sondern die negativen“, erzählt Julian rückblickend. „Das war bei mir in den USA der Fall. Meine Gastfamilie hat ein Leben geführt, das für mich selbst völlig inakzeptabel war. Das zu sehen, hat mich wieder motiviert, zu lernen und radzufahren." Zurück in Deutschland fing er an, hart zu trainieren, schaffte es zum ersten Mal aufs Podium und holte das Abi nach.

Drei Jahre später, bei der Tour de l'Avenir 2011: Ernüchterung. Julian musste das Rennen in der dritten Etappe abbrechen. Aber nicht wegen akuten körperlichen Problemen, sondern, weil er sich zu viel Druck gemacht hatte. „Das hat mich sehr enttäuscht", sagt Julian. „Wenn man im Kopf versagt, mental versagt, ist das deprimierender, als wenn der Körper nicht mehr mitmacht." Dass Profiradrennen nicht ganz ungefährlich sind, zeigt Julians Narbe an der Stirn. Bei der 'Tour Down Under' in Australien hatte Julian einen schweren Sturz. Zehn Kilometer vor dem Ziel ging es plötzlich in eine scharfe Linkskurve. Einige Fahrer vor Julian hatten den Radius falsch eingeschätzt. Sie stürzten zu Boden; Julian fuhr mit voller Geschwindigkeit in sie hinein. "Das passiert schnell", sagt er.

Julian wünscht sich, dass der deutsche Radsport zu seiner ursprünglichen Höhe zurückfindet und wieder geschätzt wird - so wie in Frankreich und Italien. Einen ersten Schritt in diese Richtung sieht er in der Wiederherstellung eines deutschen Profiteams erster Liga. Denn solange es hierzulande keine Vorbilder gibt, an die die Menschen glauben können, wird der deutsche Radsport weiterhin im Desinteresse der Gesellschaft dahinschwinden.

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[Fotos: Benedikt Nabben]