René Walters Nerdcore: Ein Blog- und Blogger-Portrait

Björn Grau

Nerdcore.de ist eines der drei erfolgreichsten Blogs in Deutschland und dabei einzigartig. "This Blog about very cool stuff. Und so." lautet die Eigendefinition und vereint Aliens, Zombies, Comicbibeln, ungewöhnliche Wissenschaftsnews, Futurismus, Mashup-Kunst, Steampunk, Astrobiologie und jede Menge anderes schräge Zeug. Björn Grau mit einem Blog und Blogger-Porträt über René Walters Nerdcore.



Nerdcoreist ein Exot unter den deutschsprachigen Top-Blogs, die vor allem die Bereiche Netzpolitik und Medien abdecken. René Walter, der Mann hinter Nerdcore, erklärt sich das so: „Mein Blog ist zum Ausspannen, für den Feierabend. Wenn die Nerds mit Programmieren fertig sind, lesen sie bei mir die Themen, die sie sonst noch interessieren.


Allerdings lesen nicht nur klassische Computer-Nerds bei Nerdcore. René Walter zählt zu seinen Lesern alle, die sich für einen abseitigen Mix aus Popkultur, und Kuriosem interessieren. Dazugehören auch Designer, Schüler, Studenten verschiedenster Fächer, sogar Wissenschaftler. Letztere melden sich über die Kommentare in letzter Zeit vielleicht häufiger zu Wort, da Nerdcore gerade von René Walters aktuellem Interesse für Zukunftstechnologien, die Mensch und Maschine bis in die Gedanken hinein vernetzen, dominiert wird.

Dennoch wird daraus bei Nerdcore kein Fachmagazin, Mensch-Maschine-Vernetzungen werden ja nicht nur aktuell erforscht und erprobt, sie sind popkulturell längst durchgespielt, beispielsweise mit den Borg aus Star Trek.

Science Fiction gesellt sich bei Nerdcore neben den Hinweis auf einen „ernsten“ Artikel aus einem Wissenschaftsmagazin und wird eingerahmt von einem Musikvideo und einem Beitrag zur Übersetzung der Bibel in LOLSpeak, einer interneteigenen und katzenlastigen Verballhornung des Englischen.

Es ist genau dieser Mix, der René fasziniert. Wenn Themen ineinander greifen, Fiktion in die Realität übertritt oder sich Zukunft und Vergangenheit vermengen. Zombies sind spannend, wenn sie am Wochenende durch die Einkaufsstraßen der Städte ziehen, Steampunk fasziniert ihn, weil hier aktuelle technische Errungenschaften in den Retroschick eines Futurismus wie bei Jules Vernes gesteckt werden.

Es gibt auch Themen, die René Walter nicht oder kaum auf Nerdcore stattfinden lässt. Auf die Frage, wie viel René in Nerdcore steckt, antwortet er: „Auf Nerdcore passiert nichts, was mich nicht interessiert. Aber nicht alles, was mich interessiert, passiert auf Nerdcore.“ Wenn er ein spannendes Geschichtsbuch gelesen oder wie letztens einen Podcast zur Geschichte von Byzanz gehört hat, findet das keinen Eingang bei Nerdcore. Sein Faible für Historisches lässt sich aber erahnen, Vintagefotografien und -Illustrationen postet er nämlich ganz gern.



Früher fand auf Nerdcore auch mehr Persönliches statt, kleine und große Geschichten aus René Walters Leben. Doch zum einen, meint er, sei vieles erzählt. Zum andern interessiert ihn dieses Feld gerade genauso wenig wie beispielsweise Neuigkeiten aus dem Star Wars-Universum. Zum dritten ist er mit der Reichweite von Nerdcore vorsichtiger geworden mit privaten Anekdoten. An Spitzentagen schauen 14.000 Leser auf sein Blog.

Die Eckdaten zu seinem Leben gibt René dennoch preis:Der 35-jährige, der seit einem Jahr in Berlin lebt und zuvor in der Nähe von Frankfurt am Main wohnte, ist gelernter Grafik- und Webdesigner und hat als solcher auch in Agenturen und Verlagshäusern gearbeitet. Heute arbeitet er freiberuflich immer noch als Designer und schätzt, dass er ungefähr die Hälfte seiner Arbeitszeit fürs Bloggen aufwendet. Bloggen ist für ihn aber nicht nur Nerdcore.

René bloggt auch bei Fünf Filmfreunde und bei Spreeblick. Und er könnte allein vom Bloggen sogar knapp leben; René finanziert Nerdcore durch dort geschaltete Anzeigen.

Den Drang, interessante Geschichten zu sammeln und selbst zu publizieren, hatte René schon früh. Mit zwölf Jahren legte er sich einen Ordner an, in dem er aus der Zeitung ausgeschnittene „schräge Stories“ archivierte. Einige Jahre später, in den 1990ern, brachte er ein selbstkopiertes Technofanzine heraus. Seit 2005 gibt es Nerdcore und René Walter ist immer noch begeistert vom Ins-Internet-Schreiben: „Bloggen ist eine sensationell einfache Form des Publizierens!“

Seine Themen findet der Nerdcore-Macher, in dem er rund 500 andere, vor allem us-amerikanische, Blogs beobachtet. Die Dinge, die ihm interessant erscheinen, veröffentlicht er möglichst früh und schnell und in einer möglichst abwechslungsreichen Mischung, fast immer begleitet durch einen persönlichen Kommentar bei Nerdcore. 10 bis 15 Beiträge sind sein tägliches Ziel, dabei soll es inhaltlich möglichst vielfältig zugehen, um die Leser zu fesseln.



Als Designer ist ihm dann aber noch ein zweiter Punkt wichtig: Die Information sollte möglichst ästhetisch spannend zu vermitteln sein. Ein trockener und langer, gleichwohl spannender Text schafft es also eher nicht als eigener Beitrag auf Nerdcore, erscheint aber in der täglichen Linkliste. Immer wieder fällt es beim Lesen von Nerdcore auf und auch im direkten Gespräch mit René Walter ist es zu merken: Letztlich treibt ihn eine spielerische Begeisterung an, diesen schrägen Themenmix auf Nerdcore und den ästhetischen Anspruch dahinter zu verbinden und so für vieleLeser interessant zu machen.

René selbst zögert erst, als er diese Einschätzung hört. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er auf Nerdcore eine Fotoserie mit toten Vögeln, die an menschlichem Plastikmüll verendet waren. Ist dasnoch spielerisch? Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas, ja. Denn es ist nicht die kalte Darstellungtoter Vögel. Es ist der kreative Umgang eines Fotografen mit der Umweltverschmutzung. Eine ernste Botschaft verbindet sich mit Kreativität und Ästhetik.

In stetig veränderten Gewichtsanteilen ist das Nerdcore.

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