Reisetipps für Warschau

Tim Steins

Kalter, grauer Sozialismus-Moloch? Unter dieser Fassade ist Warschau ein bunt-quirliger, gastfreundlicher, mitreißender Strudel. fudder-Autor Tim Steins hat dort knapp zwei Jahre studiert und verrät uns, was man in Berlins kleiner, cooler Schwester nicht verpassen darf!


Hinkommen Fliegend geht’s für Freiburger am besten ab Basel: Leider nicht direkt, sondern mit Umstieg in Paris oder London. Dementsprechend sind die Preise auch bei Billig-Airlines relativ hoch.

Bis vor Kurzem konnte man von Freiburg aus bequem und direkt mit dem Nachtzug nach Warschau fahren. Dieser startete in Zürich und endete in Moskau - mit einigen Zwischenstopps. Seit Freitag existiert dieser Zug aber nicht mehr. Jetzt fährt man mit dem Zug zum Beispiel über Berlin, muss mindestens einmal umsteigen und braucht circa zwölf Stunden.

Übersehene Sehenswürdigkeit Tipp: Wer auf eigene Faust die Stadt erkundet, sollte Abstecher in die Hinterhöfe machen. Hier finden sich oft interessante Schleichwege, improvisierte Altäre mit Marienbildern und sehr viel Ostblock-Architektur im klassischen Grau-Grau.



Generell ist Warschau abseits der Altstadt und des sogenannten Königswegs relativ touristenunfreundich und daher wahrscheinlich die Hauptstadt der übersehenen Sehenswürdigkeiten. Allerdings kommen beispielsweise Spaziergänge durch das vom Krieg relativ verschonte, dafür jetzt umso heftiger gentrifizierte Praga langsam auf die Agenda der Touri-Führer. Sehenswert sind die Stadtteile Muranów (ehemals jüdisches Viertel / Ghetto) und Mokotów. Es gibt auch spezielle Street-Art-Touren und Warschau hat in dieser Hinsicht einige beeindruckende Überraschungen in der Hinterhand.



Wer zufällig am 1. August in die Stadt kommt, hat die Chance, die Gedächtnisveranstaltungen zum Jahrestag des Warschauer Aufstands gegen die deutschen Besetzer 1944 zu besuchen. Wegen der Unmengen an aufgestellten Kerzen ist das Ganze sehr eindrucksvoll bei der am Zentralfriedhof stattfindenden Feier.



Abgesehen davon bietet es sich aber auch an, einfach auf die Straße zu gehen: Pünktlich um 17 steht die ganze Stadt für eine Minute still.

Kaffeepause Die Kaffeepause in Warschau wird süß: Die Firma Wedel versorgt die polnische Hauptstadt seit 1851 mit Schokolade, und in der Ul. Szpitalna 8 gibt es das, was bei Starbucks und Konsorten wohl Flagship-Store heißen würde. In dem schicken Kaffeehaus sollte man auf jeden Fall die heiße Schokolade probieren, in der der Löffel beinah senkrecht stehen bleibt. Für polnische Verhältnisse nicht ganz billig, aber definitiv einen Besuch wert.

Wenn es auf jeden Fall Kaffee sein soll, empfehlen sich die netten Studentencafés rund um die Uni (zum Beispiel Kafka oder Grawitacja).

Magengrummeln Eigentlich unverzichtbar für jeden Polenreisenden: ein Mittagessen in einer Milchbar (Pl: 'Bar Mleczny'). Die meisten entstanden noch während des Sozialismus, was sich in Dekor und Freundlichkeit der Angestellten, aber glücklicherweise auch in den Preisen widerspiegelt. Die für Touristen am günstigsten gelegenen sind „Familijny“ (ul. Nowy Świat 37) und Pod Barbakanem (ul. Mostowa 27), direkt am Eingang zur Altstadt. Etwas moderner und etwas teurer kommt die Milchbar-Kette Mleczarnia mit mehreren Restaurants in Warschau daher.

Ebenfalls mehrfach vertreten ist die Kette Zapiecek, die einen guten Einblick in die polnische Küche gibt und sich auf den Klassiker Pierogi (vergleichbar mit kleinen Maultaschen mit verschiedensten Füllungen) spezialisiert hat. Außerdem bietet die Karte eine Vielzahl an Naleśniki (Pfannkuchen) oder Placki (Reibekuchen). Für den großen Hunger bieten sich die tschechisch angehauchten Podwale 25 und U Szwejka mit ihren lächerlich-riesigen Fleischtellern an.



Obwohl die polnische Küche generell sehr fleischlastig ist, gibt es sehr gute vegetarische und vegane Alternativen, zum Beispiel bei GreenPeas in der ul. Szpitalna 5.

Der Döner, wenn auch in etwas anderer Form (und ganz polnisch mit viel Kraut) ist allgegenwärtig. Zur Not findet man genügend Pizza-Restaurants (man achte auf die polnische Eigenart, große Mengen extra-Soße, meistens Ketchup, auf die Pizzen zu kippen) und die üblichen amerikanischen Fast-Food-Ketten.

In unmittelbarer Nähe zum Plac Zbawiciela und der Metrostation Politechnika liegt etwas versteckt das Okienko mit den besten Fritten der Stadt und täglich wechselnden, hausgemachten Soßen. Belgien kann einpacken!

Museum und Kino Warschau ist lebende Geschichte, besonders der zweite Weltkrieg ist an jeder Ecke präsent. Daher ist ein Besuch im Museum des Warschauer Aufstands (MWA) oder im „Pawiak“ beinahe unverzichtbar. Das MWA ist eines der Haupt-Tourismusziele, während das Pawaik meiner Meinung nach einen viel intensiveren Eindruck des Lebens in Polen von 1939-1945 widergibt: In dem ehemaligen GeStaPo-Gefängnis werden Ausstellungsstücke nach Themenfeldern geordnet in einzelnen rekonstruierten Häftlingszellen gezeigt. Gänsehaut garantiert.



Das gerade neu eröffnete polnische Nationalmuseum bietet polnische Kunst aus dem frühen Mittelalter bis zum frühen 20. Jahrhundert. Dienstags ist der Eintritt frei. Auch neuere Kunst ist mit der Zachęta und zahlreichen weiteren Galerien gut vertreten.

Hinsichtlich Filmen hat Polen gegenüber Deutschland den Vorteil, dass nahezu alle ausländischen Filme im Original (mit polnischen Untertiteln) gezeigt werden. In den meisten Malls der Hauptstadt gibt es moderne Kinos mit teilweise riesigen Sälen, die die aktuellen Blockbuster zeigen. Wer es etwas alternativer mag, sollte sich das Programm des „Kino Kultura“ näher ansehen.

Mobilität Das vermutlich übersichtlichste Metro-System der Welt (es gibt genau eine Linie) wird gerade um eine West-Ost-Achse erweitert. Die Riesenbaustelle nervt seit Jahren, und die geplante Fertigstellung verzögert sich regelmäßig. Das Straßenbahn- und Busnetz ist aber mehr als ausreichend, um schnell überall hinzukommen. Praktischerweise gelten in allen drei Verkehrsmitteln die selben Tickets.

Tages- oder Dreitages-Tickets machen Sinn, da viele Sehenswürdigkeiten weit voneinander entfernt liegen. Außerdem sind die Ticketpreise für den deutschen Geldbeutel angenehm schonend. Nachts fahren spezielle Nachtbusse (halb-)stündlich in Rundfahrten vom/zum Hauptbahnhof. Somit kommt man zu jeder Tages- und Nachtzeit immer gut und relativ schnell an.

Beste Bar der Stadt/Nachtleben Der Klassiker, das Przekąski Zakąski, existiert nicht mehr, bzw. entsteht gerade neu. Die Grundidee von „alle Getränke für 4 zł (circa 1 Euro), alle Speisen (polnische Klassiker wie Schmalzbrot, Hering oder Würstchen) für 8 zł“ lebt aber in vielen anderen Kneipen weiter - zum Beispiel in der Pijalnia Wódki i Piwa („Wodka und Bier“, da weiß man, was man hat...) oder auf der angrenzenden Ul. Chmielna.

Sowohl bei Studenten als auch bei jungen Touristen erfreut sich das Indeks – direkt neben dem Haupttor der Uni gelegen – größter Beliebtheit. Trotz zahlreicher Unannehmlichkeiten (der Keller ist relativ ungemütlich, der Biergarten oben auf der Straße wenig ansprechend und die generelle Sauberkeit des Ladens suboptimal) ist immer viel los und die Preise für Bier, Wodka und Essen sind sehr konkurrenzfähig.

Etwas alternativer und hipper, was Getränke, Publikum und Musik angeht, wird es um den Plac Zbawiciela herum (Plan B, Spotkanie ze Szpiegłem und Warszawska). Eine riesige Ansammlung an Kneipen und Klubs findet sich in den Hinterhöfen von ul. Nowy Świat 22-28 und ul. Dobra 9 (einfach durch einen der Torbögen laufen, keine Angst haben und sich dann überraschen lassen!). Bei Interesse an verrückter Genital-Deko ist das Klaps (Nowy Świat 22) zu empfehlen, für gepflegtes Tanzbeinschwingen Powiększenie. Radio Miasta und Huśtawka sind immer für ein Getränk in entspannter Atmosphäre gut.



Darüber hinaus bleibt nach wie vor das ehemals verrufene Praga mit seinen Kneipen und Klubs, insbesondere auf der ul. Ząbkowska (Stichwort "W Operach Absurdu") und der ul. 11 Listopada (z.B. Skład Butelek) Hauptanlaufpunkt für die Nacht. Gerade am Wochenende kann man sich hier einfach treiben lassen und auf den unglaublichsten Partys enden.

Um auf Nummer sicher zu gehen, bietet sich Donnerstag-Sonntag das Klubokawiarnia in der Innenstadt an: Man tanzt unter Lenin-Büsten und sonstigem Sozialismus-Dekor. Deswegen - und dank Lonely Planet - ist das Klubo eine klassische Austauschstudenten- und Touri-Disko mit verlässlichen Partykrachern im Sinne von 80er/90er-Parties. Sehr zu empfehlen für betrunkene Gruppen.

Obwohl es nicht mehr wirklich ein Geheimtipp ist, sollte die stylishste Bahnhofs-Kneipe der Welt nicht unerwähnt bleiben: Am PKP-Bahnhof Powiśle trifft sich besonders im Sommer die Hipster-Jugend Warschaus und der Welt, um bei verschiedensten Flaschenbieren (oder inzwischen auch Club Mate und Fritz Cola) im Sonnenstuhl unter den mächtigen Bögen der Poniatowski-Brücke (Pl: 'Most Poniatowskiego') zu entspannen und ab und zu ein bisschen zu klettern. Wie lange sich die Stadt, die Nachbarn und die Polizei sich das weiterhin tatenlos ansehen, ist seit Längerem ungewiss.

Nachtlager Es gibt eine Reihe an Hostels, die sich sowohl preislich als auch qualitativ wenig unterscheiden. Lauter kann es im New World Street Hostel oder Fabryka werden, die beide direkt an den Partymeilen liegen. Der Backpacker-Klassiker ist Nathan's Villa in der Nähe des Plac Konstitucji.

Für Romantiker Den Sonnenuntergang und die Skyline am Weichselstrand von der „anderen“ Seite des Flusses aus genießen: Einfach zum Nationalstadion fahren, dann runter zum Ufer spazieren. Man ist hier sicher nicht alleine, aber das Gebiet ist groß genug, sodass man zumindest ein wenig ungestört sein kann. Bisher hat die Polizei am Strand bzgl. des Alkoholverbots im Freien ein Auge zugedrückt.



Kleiner Geheimtipp für weniger Romance, dafür mehr Bromance: nach einer durchzechten Nacht kurz im Meta (ul. Foksal) halten und ein Flaschenbier mitnehmen, dann die Straße bis zum Ende laufen und im anschließenden Mini-Park auf die Mauer klettern, um den Sonnenaufgang mit Blick über die Dächer auf's Stadion zu genießen.

Shop till you drop Shopping in Warschau beschränkt sich größtenteils auf die allgegenwärtigen Malls (Arkadia, Złote Tarasy, etc.). Hier und im Zentrum (Hauptsächlich auf und um Nowy Świat & Chmielna) finden sich größtenteils bekannte internationale Läden. Den alten, sagenumwobenen Trödelmarkt am Stadion, an dem man früher angeblich ALLES kaufen konnte, gibt es leider nicht mehr. Eine gute Alternative findet man auf dem Koło Bazar (ul. Obozowa 99).

Aber auch hier sind die Händler, die „zollfreie“ Zigaretten oder liegengebliebene Nazi- und Sowjet-Andenken verhökern, seltener geworden. Der Markt versprüht trotzdem ein ganz eigenes „Wilder Osten“-Flair und man kann ja mal spaßeshalber fragen, was die verrostete Tuba da hinten oder das Dutzend Schnürsenkel hier vorne kosten. Auch andere Märkte (z.b. Targowisko Bakalarska) bieten immer wieder interessante/skurille aber durchaus auch brauchbare Dinge.



Meet the Locals Das Beruhigende vorweg: In einer Stadt, in der die Hauptstraßen „Krakowskie Prezdmieście“ oder „Świętokrzyska“ und ein Platz gar „Trzech Krzyży“ heißen, ist die Kommunikation auf Englisch (und manchmal auch auf deutsch) normalerweise kein Problem. Besonders in den oben genannten Bars ist die Studentendichte sehr hoch und Englisch wird von nahezu jedem gesprochen.  

Um die „Locals“ zu treffen, kann man die gesamte Altstadt getrost umgehen. Kein Warschauer hält sich hier unter wildknipsenden Touristen (und den dazugehörigen Abzocke-Preisen) freiwillig für längere Zeit auf. Wer sich traut, sollte sich ein Spiel eines der zwei großen Fußballclubs ansehen, um mit (meist männlichen) Warschauern in Kontakt zu kommen. Legia ist berühmt-berüchtigt für den unglaublichen Support seiner Fans, die aber auch oft durch krassen Rassismus und Schlägereien auffallen. Spiele von Polonia sind meistens etwas entspannter.

Der Tippgeber Tim Steins lebte und studierte insgesamt knapp zwei Jahre in Warschau, ist jetzt regelmäßiger Besucher und trotz aller Versuche weiterhin Polnisch-Legastheniker.

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