Reisetipps für Berlin

Stephan Elsemann

Arm aber sexy - nicht nur dieser Slogan klingt im Ohr, wenn man Berlin hört. Die deutsche Hauptstadt hat weitaus mehr kulturelle Meisterleistungen hervorgebracht, als nur die Currywurst. Warum Berlin einen Besuch wert ist, und wo man dort etwas erleben kann, hat Stefan für euch aufgeschrieben.



Ankommen und unterwegs sein

Berlin ist richtig groß – von seiner Ausdehnung. Die Stadt hat zwar "nur" 3,5 Millionen Einwohner. Doch die haben mächtig Platz, fünfmal mehr als die Pariser auf der gleichen Fläche. Das hat den angenehmen Effekt, dass Berlin auch eine ziemlich grüne Stadt ist. Und damit hängt wohl auch zusammen, dass Berliner meistens in doppelt so großen Wohnungen leben wie die Freiburger fürs gleiche Geld.

In Berlin zu sein, heißt für mich Freunde besuchen. Gute Freunde sind Menschen, die ihre Freunde bei sich aufnehmen. Die besten Freunde wohnen in den coolsten Stadtvierteln. Und die allerbesten Freunde haben auch ein Fahrrad übrig.

Nachteile hat die Größe Berlins auch. Man merkt es, wenn nachts die letzte U-Bahn weg ist. Dann heißt es weite Strecken laufen oder teure Taxis bezahlen. Von Nachtbussen rate ich ab. Das System ist kompliziert und außerdem mit viel Umsteigerei und langen Wartezeiten verbunden.



Einem Irrglauben zufolge, der besonders unter Einheimischen weit verbreitet ist, fahren U-Bahn und S-Bahn die ganze Nacht durch. Ganz falsch! Das tun sie nur am Wochenende.

Tageskarten fürs öffentliche Verkehrsnetz sind mit 6,20 Euro recht günstig. Sehr praktisch finde ich die Fahrradmonatskarte für acht Euro, die mir erlaubt, das Fahrrad in U-Bahn und S-Bahn mitzunehmen. Die langen Strecken mit der Bahn fahren, die kurzen vom U-Bahnhof zum Ziel mit dem Fahrrad – das macht schnell und flexibel.

Ohne Stadtplan bin ich orientierungslos, denn ich war nie bei den Pfadfindern. Für Leute wie mich hat der Verlag von Gerd Gauglitz einen Stadtplan erfunden, der sich zusammengefaltet so klein wie eine Streichholzschachtel macht und doch alle wichtigen Informationen enthält. Den kann man immer dabei haben, ohne gleich als Touri aufzufallen.



Nachtlager

Wer nicht bei Freunden unterkommt, findet reichlich Auswahl an Hostels. Ideal gelegen fürs Partyprogramm ist das Ostel am Ostbahnhof, das trotz des ganzen DDR-Schnickschnacks etwas steril geraten ist (Ostel, Wriezener Karree 5 ).



Nördlich vom Hauptbahnhof, auf dem Gelände eines ehemaligen Freibads, ist die originelle Tent-Station untergebracht. Wer kein Zelt dabei hat, kann sich eins mieten. Der luftige Übernachtungsspaß ist mit elf Euro pro Nase nicht ganz so billig, wie man vermuten möchte (Tent-Station, Seydlitzstraße 6).


Ebenfalls sehr gut gelegen fürs Sightseeing ist das nagelneue Hostel im Gebäude der nordkoreanischen Botschaft in der Mohrenstraße (Glinkastraße 5, Ecke Mohrenstraße), das in den nächsten Tagen eröffnet. Gemütlicher als beim Diktator Kim Yong-Il wohnt man allerdings in Kreuzberg – in den großen Zimmern der Rock'n'Roll Herberge (Rock'n'Roll Herberge, Muskauer Straße 11) oder noch netter über der Bar mit Namen "Hotel" am Paul-Lincke-Ufer (Das Hotel, Mariannenstraße 26a).

Museen

Ich besuche gerne auch Museen, deren Thematik mich eher wenig interessiert – zum Fotografieren. Das Bode-Museum auf der Museumsinsel ist so eins – mit vielen Skulpturen in schönen Lichtinszenierungen. Vergleichbar in dieser Hinsicht ist das Naturkundemuseum. Jede Menge ausgestopfter Tiere stehen darin und auch der größte jemals entdeckte Saurier ist dort aufgestellt. Seit der Renovierung des Hauses ist er noch um einen Meter gewachsen und jetzt 16 Meter hoch. Archäologen fanden heraus, dass er in seiner alten Positur zu Lebzeiten sich nicht hätte aufrecht halten können, sondern umgefallen wäre (Naturkundemuseum, Invalidenstraße 43).



Was nicht alle wissen – in den staatlichen Museen Berlins ist donnerstags während der letzten vier Öffnungsstunden der Eintritt frei. Dazu gehört die gesamte Museumsinsel mit Nofretete und Pergamon-Altar. Doch Ausstellungsorte für moderne Kunst wie Hamburger Bahnhof und Neue Nationalgalerie fallen auch darunter und auch das sehenswerte Helmut Newton Foto-Museum am Zoo. (Helmut Newton, Jebenstraße 2)



Baden gehen

Berlin ist eine Stadt mit besonders schönen und vielfältigen Badegelegenheiten. Aufmerksamkeit hat vor allem das Badeschiff in der Spree auf sich gezogen – ganz zu Recht, wie ich finde. Denn auf den Holzplanken zu liegen und unter sich das Flusswasser gluckern zu hören, ist ausgesprochen entspannend (Badeschiff, Eichenstraße 4).

Dem Hipness-Faktor zum Trotze ist es Berlins billigstes Freibad mit nur drei Euro Eintritt. Alle anderen Bäder kosten vier Euro, auch das klassische Strandbad Wannsee, das unter dem Gesichtspunkt "Meet the Locals" einen großen Unterhaltungswert besitzt, aber wenig Badefreuden bietet. Der Wannsee ist so flach, dass man gefühlte 500 Meter hineinlaufen muss, um schwimmen zu können (Strandbad Wannsee, Wannseebadweg 25).



Wer etwas Zeit mitgebracht hat, kann auch zum traumhaft idyllischen Liepnitzsee nördlich von Berlin fahren. Das ist ein See mit einer Insel in der Mitte und einem wunderbaren Sandstrand darauf (Liepnitzinsel). Auch einige der alten Hallenbäder, vor allem die Stadtbäder Neukölln, Charlottenburg und Mitte sind unbedingt einen Besuch Wert – schon wegen der prächtigen Architektur.

Shop 'till you Drop

Sehr gern besuche ich sonntags den Flohmarkt am Mauerpark, einen Markt mit vergleichsweise urspünglichen Charakter und noch vielen Leuten, die privat ihre Sachen verkaufen. Auch die Bars drumherum sind nett und auf der großen Mauerparkwiese nebendran kommen sonntags Hunderte von Leuten zusammen (Flohmarkt Mauerpark, Bernauer Straße 63-64). Auch der Türkenmarkt am Maybachufer dienstags und freitags nachmittags ist ein netter Ort zum Flanieren und Einkaufen.



Zu Thema Mode bietet die Link-Tipp-Sammlung mit Sicherheit erschöpfende Informationen. Deshalb sei hier nur die Garage in der Ahornstraße am Nollendorfplatz erwähnt, wo man in einem riesigen Laden Kleidung zum Kilopreis erstehen kann. (Ahornstraße 2)



Magengrummeln

Berlin ist eine Stadt für preiswertes Essengehen. Berlin ist vor allem die Stadt der Currywurst. Die leckerste Currywurst habe ich bei Detlef Drescher in seinem Imbiss am Elsterplatz gegessen – zusammen mit Pommes für konkurrenzlose 2,20 Euro. (Hohenzollerndamm, Ecke Berkaer Straße, Montag bis Freitag 9:30–18 Uhr, Bus Linie 249 vom Zoo)

Gerne wird die Geschichte erzählt, dass die originale Currywurst keinen Darm hat und die Currywurst mit Darm deshalb nicht Currywurst heißen darf, sondern Dampfwurst heißen muss. Doch weil alle nur Currywurst mit Darm wollen, bekommt man automatisch eine Dampfwurst, wenn man Currywurst bestellt.



Pizza in Super-Qualität kann man in Berlin auch im Straßenverkauf bekommen.  Am stilvollsten bei Pizza Aldemir (Falckensteinstraße 6, U Schlesisches Tor), der gegenüber auch leckerstes Eis verkauft, wie eine lange Warteschlange täglich beweist. Herr Aldemir hätte als Bühnenbildner zum Theater gehen sollen. Seine Läden sind sehr stilsichere Orgien in Farbe und Form – vor allem in Rot. Die sehr frisch und fantasievoll belegten Pizza-Stücke sind ausgesprochen leicht, knusprig und lecker.

Ähnlich gut und noch einfallsreicher beim Belegen ihrer Pizza sind die Jungs von Ron Telesky, dem kanadischen Pizzaladen in der Dieffenbachstraße im Bergmannkiez. Pizza mit Ahornsirup, Süßkartoffeln, Vanille und Schokolade stehen auf der Karte (Ron Telesky, Dieffenbachstraße 62).



Mein Favorit bei den asiatischen Restaurants ist das To Loc in der Wiener Straße in Kreuzberg – wegen der wunderbar frischen Riesensuppen für fünf Euro und den tollen gedämpften Frühlingsrollen (U Görlitzer Bahnhof, Wiener Straße 61, täglich 12.30–24 Uhr).

Und wer's etwas stilvoller haben möchte, sollte das Long-An in der Prager Straße aufsuchen. Man speist sehr edel dort und wird überaus charmant umsorgt. Doch selbst hier übersteigen die Preise für ein Hauptgericht zehn Euro in der Regel nicht (täglich ab 18 Uhr, Prager Straße 2a, U Spichernstraße).



Bartime

Die Mitte-Kneipen der Marke Bergstübl und Schwarzsauer haben sich mittlerweile etwas überlebt. Sehr viele nette Bars haben in letzter Zeit in Kreuzberg aufgemacht. Die netteste vorneweg: Das "Hotel" in der Mariannenstraße von Carsten Zoltan. Jeden Abend ist es rappelvoll, unangestrengte Leute verkehren dort und gelegentlich auch einige bekannte Gesichter aus dem Fernsehen (Das Hotel, Mariannenstraße 26a).

Von hier über die Kanalbrücke spaziert, gelangt man zur bewährten Ankerklause, der das Gerücht nachhängt, dass sie von Ex-Freiburgern betrieben werde – was vom gesamten Personal entschieden und auf schwäbisch dementiert wird (Ankerklause, Kottbuser Damm 104).



Im Görlitzer Park in einem traurigen kleinen Rest des ehemaligen Görlitzer Bahnhofs ist seit gut einem Jahr das Edelweiss untergebracht. Der Name hat nichts mit Alpinistik zu tun, obwohl man von der schönen Sonnenterrasse auf die zerbröselnden Reste der Kreidefelsen des dort errichteten künstlichen Pamukkale blickt. Bei der Namensfindung hatte der Besitzer die NS-Widerstandsgruppe Edelweisspiraten im Sinn (Edelweiss, Görlitzer Straße 1-3).



Ein wunderbarer Platz für den späten Nachmittag ist das Café San Remo an der Falckensteinstraße. Letzte Sonnenstrahlen tauchen hier alles in Gold. Man schaut auf die Oberbaumbrücke und die U-Bahnen die oben darüber fahren.

Jede Menge Menschen laufen oder fahren am Café vorbei, denn es liegt an der Hauptverbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Ein magischer Platz, wohl deshalb auch trank Matt Damon in "The Bourne Identity" seinen Kaffee hier (San Remo, Falckensteinstraße 46).



Nachtschwärmer

Berlin ist die Partymetropole schlechhin mit der höchsten Clubdichte um den Ostbahnhof herum. Dort liegt auch das Berghain, einer meiner Lieblingclubs. Ein Geheimtipp ist das natürlich nicht mehr, spätestens seitdem Klaus Wowereit um halb sechs morgens herausgestolpert sein soll. Trotzdem kann ich den Club wirklich empfehlen, besonders am Freitag (Berghain, Am Wriezener Bahnhof).

Am Freitag öffnet nur der kleinere Floor, die Panorama-Bar. Man kann dort für einen 10er Eintritt Megastars der Elektronikszene wie Ricardo Villalobos erleben bei unglaublich gutem Sound. Warteschlangen habe ich am Freitag noch nie erlebt. Ähnlich ist das Maria an der Schllingsbrücke (Maria, Stralauer Platz  34–35) mit mehr Konzerten. Das Maria ist auch die Homebase des renommierten Transmediale Festivals.

Für kleine oder gar leere Geldbeutel sind die Spree-Strandclubs an der Holzmarktstraße die Alternative. In der Bar 25 (Bar25, Holzmarkstraße 25) wird elektronische Musik gespielt – sie hat sogar eine kleines Hüttendorf zum Übernachten. Im Yaam, ein paar Schritte weiter, wird Reggae und Drum 'n' Bass gespielt. Und gegenüber auf der Kreuzberger Seite in der Köpenicker Straße befindet sich der schwarze Kanal, der kein Kanal ist, sondern eine Wagenburg, auf deren Gelände ebenfalls sehr viele Parties stattfinden (Schwarzer Kanal, Michaelkirchstraße 20).



Wenn man schon mal in der Köpenicker Straße ist, kann man gleich in der "Köpi 137" (Köpi137, Köpenicker Straße 137,) vorbeischauen. Das ist ein besetzter Gebäudekomplex, in dem sich auch viel tut, vergleichbar mit der KTS, aber dreimal so groß. Ebenfalls auf der Köpenicker Straße liegt der der Tresor. (Tresor, Köpenicker Straße 70). In der Mutter der Techno-Clubs ist gut aufgehoben, wer sich's richtig hart geben will mit Blitzlicht, Trockeneis und gnadenloser Beschallung.

Kleiner und familiärer geht es im Mädcheninternat in der Prenzlauer Allee zu, das jetzt gerade seit letzter Woche wieder geöffnet ist. Der Club befindet sich einem ehemaligen Kindergarten. Drinnen ist er ausgestattet mit Teppichboden mit Bärchen-Dekor, draußen steht eine Sandkiste zur Verfügung. Feines Booking zwischen Elektro und Minimal. (Mädcheninternat, Prenzlauer Allee 246, gegenüber Ibis Hotel)



Unter dem Himmel Berlins

... kann es sehr romantisch werden. Das Licht in den frühen Abendstunden ist unglaublich rotgolden und intensiv. Diese Stimmung erlebt man am besten dort, wo sich der Sonne nichts in den Weg stellt. Viele Plätze an der Spree erfüllen diese Voraussetzung. Doch auch das breite Bündel von Bahnlinien, die von West nach Ost verlaufen, bildet eine Schneise für die Abendsonne. Auf der Modersohn-Brücke in Friedrichshain treffen sich bei schönem Wetter an jedem Abend viele Leute, um nach Westen zu schauen, die Bahngleise entlang in die untergehende Sonne.

Der Tippgeber

Stephan Elsemann lebt seit vielen Jahren in Freiburg. Er gibt sich Mühe, so viel Zeit wie möglich in Berlin zu verbringen, was ihm so einigermaßen gelingt.

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Foto-Galerie

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