Reisen 2.0: Zwischen Service und Entmündigung

Christoph Müller-Stoffels

Während der Vater die Reiseführer von früher anschleppt, verzieht sich sein Sohn zur Reiseplanung hinterm Bildschirm. Bei aller Erleichterung, die das Internet dafür bieten kann: brauchen wir wirklich Spaziergänge in 3D-Optik durchs Urlaubsziel und weiterreichende Empfehlungsversessenheit? Eine kritische Überlegung.



„Nach Italien willst du? Warte, ich hab’ da noch ein paar Bücher.“ Jedes Mal, wenn ich mich zu einer Reise ins europäische Ausland aufmache, bekomme ich von meinem Vater diesen Satz zu hören. Dann schleppt er Bücher und Reiseführer aus dem frühen 15. Jahrhundert an – oder zumindest aus einer Zeit, als die Länder noch so klein waren, dass sie zwischen zwei Buchdeckel im Groschenromanformat passten. Dabei habe ich längst meine eigenen Reisehelfer gefunden – im Web 2.0.


Während mein Vater noch blättert, reite ich schon die virtuelle Welle. Im Internet erfahre ich, wann ich mit welchen Temperaturen zu rechnen habe, welche Gegenden empfehlenswert sind und wo ich günstige Campingplätze oder Hostels finde, nahezu tagesaktuell. Ein eindeutiger Vorteil gegenüber Vaters Reiseführern.

Billige Flüge oder im Flughafen übernachten?

Natürlich gibt es im Internet viel Müll. Gleichzeitig aber bietet es alles, was zur Planung von Reisen jeder Art hilfreich ist. Seit unter dem Label Web 2.0 alle Internetnutzer aufgerufen sind, ihre Erfahrungen zu mitzuteilen, ist die Informationsflut noch größer geworden. Empfehlungsportale etwa gibt es wie Sand am Meer. Wie aber kann ich sicher sein, dass es nicht immer die Besitzer selbst sind, die ihre Hotels loben?



Ich habe mir angewöhnt, die Seiten anhand von Orten zu überprüfen, die ich selbst gut kenne. Kann ich hier den Beschreibungen zustimmen, vertraue ich auch den anderen. Denn Vertrauen ist unabdingbar – schließlich plane ich meine Reise nicht über ein Reisebüro, welches ich hinterher für falsche Versprechungen verantwortlich machen kann. Ich habe mich für die Gegend rund um Venedig entschieden. Mein Blick fällt auf Vaters Reiseführer „Italien“.

Einer der ersten Polyglott-Reiseführer von 1960. 305 Mark kostete damals der einfache Flug von Berlin nach Mailand. Heute suchen Suchmaschinen wie kayak.com für mich nach dem günstigsten Flugangebot – Flüge für wenige Euro mit Billigairlines.



Tipps zu Reisezielen, Reisezeiten und Hotels

Günstige Übernachtungsmöglichkeiten dazu bietet die Seite sleepinginairports.com. Hier erfahre ich, welche Flughäfen und Bahnhöfe sich zu einer Übernachtung eignen – und mir folglich viel Geld für ein Hostel sparen. Ich klicke mich durch ein paar Einträge auf realtravel.com, wechsele zu cosmotourist.de und komme über pervan.de zu travelpod.com.

Auf all diesen Seiten lese ich Tipps zu Reisezielen, Reisezeiten, Hotels und lustige Erlebnisse. Noch immer halte ich auch den alten Reiseführer in der Hand, stelle ich mir vor, wie Anfang der 1960er Jahre meine Großeltern Italien erkundet haben. Die wenigen Informationen, die zur Verfügung standen, haben die Spannung, in ein fremdes Land zu reisen, sicher noch vergrößert. Und heute?

Wenn everyscape.com seinen Service ausgebaut hat, kann ich virtuelle Spaziergänge in 3D-Optik durch mein Urlaubsziel machen. Auf Google-Maps und Flickr betrachte ich bis dahin hunderte Fotos meines Urlaubsortes.



Nach dieser Reizüberflutung wende ich mich von Reiseführern und Computer ab und greife nach dem „Tod in Venedig“, der Erzählung von Thomas Mann. Das ist zwar nicht die aktuellste Reisevorbereitung, aber vielleicht liegt ja gerade darin der Reiz. Denn hier lese ich nicht, was mich erwartet, sondern wie es einmal für jemand anderen gewesen sein könnte. Eigentlich nichts anderes als in den  Millionen Blog-Einträgen. Brauche ich all diese Informationen wirklich?

Dass das Wetter gut sein wird im vorgesehenen Reisezeitraum, habe ich herausgefunden. Den Rest möchte ich bitte selbst erleben.