Reichspogromnacht in Freiburg: Ein Augenzeuge erinnert sich

David Weigend

Als Helmut Schwarz vor genau 71 Jahren auf seinem Schulweg zum Bertholdgymnasium unterwegs war, brannte die Synagoge. Die "Reichskristallnacht" war das erste Glied einer Kette von Ereignissen, die dem jungen "Halbjuden" Schwarz zusetzten. Im Gespräch berichtet er von all dem, das heute so schwer vorstellbar ist.



Zur Person

Helmut Schwarz, 82, war bis zu seiner Pensionierung evangelischer Pfarrer in Heidelberg und in Elzach. Er stammt aus einer evangelischen Familie, im väterlichen Familienzweig finden sich jüdische Vorfahren. Nach Verständnis der Nationalsozialisten war Helmut Schwarz ein sogenannter Halbjude.

Herr Schwarz, können Sie sich an den 10. November 1938 erinnern?

Wie immer ging ich morgens zur Schule. Ich war zehn Jahre alt, wir wohnten in der Oberau. Die Wallstraße ging ich runter, dann die Rempartstraße bis zum Rotteckring. Dort, wo jetzt die UB steht, war damals das Rotteckgymnasium. Gegenüber davon, etwas zurückgebaut, stand die Synagoge. Sie brannte, Rauch stieg aus den Fenstern. Aber die Feuerwehrmänner standen untätig davor herum und unterhielten sich mit Parteimitgliedern, die sich den Brand ebenfalls seelenruhig anschauten. Die Wasserschläuche waren leer. Auf den Schläuchen war kein Druck. Ich verstand nicht, warum die Feuerwehr nicht eingriff. Verwirrt ging ich weiter zur Schule, ins Bertholdgymnasium. Das stand damals gegenüber vom Theater, neben dem heutigen Polizeirevier Nord. Ein großer Kasten.

Wurde in der Klasse darüber gesprochen?

Der Lehrer sagte in der ersten Stunde: „An so einem Tag wie heute können wir die vorgesehene Klassenarbeit nicht schreiben.“ Sie fiel aus. Auf dem Heimweg kam ich wieder an der Synagoge vorbei. Die Fensterhöhlen waren schon völlig verrußt. Die Feuerwehrmänner standen immer noch da, ohne einen Finger zu rühren. Hausfrauen waren hinzugekommen und blickten auf das zerstörte Gebäude. Die waren auch fassungslos. Eine von ihnen, eine Katholikin, sagte: „Wie kann man nur ein Gotteshaus anzünden? Wann werden wir wohl drankommen?“ Es herrschte eine Stimmung der Angst. Ich ging nach Hause, erzählte den Eltern davon. Die Mutter verbat mir, am Mittag noch mal in die Stadt zu gehen und zu schauen, was da los ist.



Sie hatten auch Juden in ihrer Verwandtschaft. Was erlebten sie in dieser Nacht?

Mein Onkel Weil lebte in Mannheim. Die Parteimitglieder kamen zu ihm nach Hause, demolierten alles und schmissen seinen Steinwayflügel raus auf die Straße. Ein anderer Onkel war Erfinder in Karlsruhe. Im Herbst 1938 war er auf Geschäftsreise. Er hatte im Dachgeschoss eine kleine Wohnung mit vielen Gegenständen, die mich als Kind sehr interessierten. Den kleinsten Lautsprecher der Welt zum Beispiel, mit Schalltrichter, nicht viel größer als ein Daumennagel. In der Reichskristallnacht drangen die Nazis in seine Wohnung ein und stellten alle seine Sachen auf die Straße. „Nehmen Sie mit, was Sie wollen“, sagten sie zu den Passanten.

Ist Ihnen ein weiteres Schicksal aus Freiburg in Erinnerung?

Ja, dort lebte ein Justizrat, ein feiner Herr, der wunderbar Violine spielte. Zu ihm kamen sie auch mit ihren Knüppeln und demolierten die Wohnung. In diesem Tohuwabohu nahm er die Geige und hielt sie hoch, ein altes, wertvolles, italienisches Instrument. „Die bitte nicht“, sagte er. Da kam einer von den Parteileuten, nahm die Geige und zerbrach sie überm Knie.

Durften Sie als "Halbjude" während der NS-Diktatur überhaupt noch die Schule besuchen?

Im Juli 1942 wurde eine Verordnung erlassen. Darin stand, dass "Halbjuden" nur solange die Schule besuchen dürfen, wie sie schulpflichtig sind, also bis zur Vollendung des 14. Lebensjahrs. Am 20. Oktober 1942 wurde ich vom Unterricht im Bertoldgymnasium ausgeschlossen.

Wie lief das ab?

Nach der großen Pause stand der Hausmeister im Klassenzimmer: „Schwarz, zum Rex!“ Mir dämmerte schon, was kommen würde. Als ich an der Tür des Rektors stand, herrschte er mich an: „Willst du wohl reinkommen, wie es sich für einen deutschen Jungen gehört?“ Ich kam rein, schloss die Tür, musste den Hitlergruß zeigen, ging zum Schreibtisch. „Willst du wohl Haltung annehmen?“, rief er wieder. Hacken zusammenschlagen, Hände an die Hosennaht. „Ich habe dir zu eröffnen, dass du sofort die Schule zu verlassen hast. Du weißt ja: Als Halbjude bist du für die Schule nicht tragbar.“ Mich packte die Wut, aber was willst du in so einer Situation machen? Du bist ohnmächtig. Allein stand ich da. Es war mir den Klassenkameraden gegenüber sehr unangenehm, denn die waren sehr nett und hatten teilweise einen durchaus obrigkeitskritischen Geist. Dennoch hatten auch sie die Goebbels-Propaganda im Hinterkopf: „Alles Jüdische ist verachtenswert. Juden, die sind unser Untergang. Schlimmer als Ungeziefer. Juden gehören mit Stumpf und Stiel ausgerottet.“



Als einer, der ausgerottet werden sollte, gingen Sie also runter ins Klassenzimmer.

Genau. Doch die ganze Klasse begleitete mich auf dem Rückweg durch die Stadt, vorbei am Zeitungsverkäufer, der das Naziblatt „Der Alemanne“ anbot. Einige brachten mich bis an die Haustür. Später luden sie mich ein zu ihren Gartenfesten. Auf diese Freundschaften war Verlass.

Ihre Freunde mussten an die Front oder an die Heimatflak. Und Sie?

Am 3. November 1944 bekam ich ein Schreiben vom Arbeitsamt. Darin stand, dass ich mich bereit zu halten hätte für den Arbeitseinsatz bei der Organisation Todt. Ein Kommando für besondere Einsätze. Die haben zum Beispiel Feldflugplätze gebaut und Minen geräumt, gefährliche Manöver, bei denen es nicht auf Menschenleben ankam. Am 30. November sollte ich mich einfinden, zum Stollenbau nach Oberschlesien. Ein Feldgeschirr sollte ich mir besorgen, das erledigte ich bei Sport Bohny. Die Eltern sagten: „Wir wissen nicht, ob wir dich wiedersehen werden.“ Heute ist bekannt, dass diese Aktion unter dem Motto „Töten durch Arbeit“ stand. Aber als ich zum Arbeitsamt kam, um den Dienst anzutreten, hieß es: „Wir können Euch nicht in Marsch setzen, da die Eisenbahn kaputt ist.“ Wir wurden erst eingesetzt, um die Eisenbahn wieder flott zu kriegen. So war ich Aushilfswerker am Hauptbahnhof bis Kriegsende.



Die Gleise wurden von der fünften britischen Bomberflotte am 27. November 1944 beim Angriff auf Freiburg zerstört. Wie haben Sie den erlebt?

Ich war 16 und beim Gruppenabend der evangelischen Jugend in der Wiehremer Christusgemeinde. Der kleine Sohn von Schreibers, 10 Jahre alt, war auch dabei. Hans hieß er. Mit seinen Eltern war vereinbart, dass ich ihn abhole und nach dem Treffen wieder heimbegleite.

Sie waren also im Gemeindesaal in der Maienstraße.

Exakt. Das erste Lied hatten wir noch nicht zu Ende gesungen, da ging der Fliegeralarm los. Es fielen die Bomben, wir rannten in den Luftschutzkeller. Nach einiger Zeit ging das Licht aus. Ich kam mir vor, wie auf einer Schiffsschaukel. Der Druck der Explosionen drückte aufs Trommelfell und verwirrte den Gleichgewichtssinn. Nach 20 Minuten nahmen die Detonationen ab. Wir gingen raus und sahen den unheimlichen Lichtschein über der Altstadt.



Sie sprachen gerade vom kleinen Hans Schreiber.

Ja, den wollte ich nach Hause bringen. Es war 20.30 Uhr. Wir konnten noch durch die ganze Kaiser-Joseph-Straße laufen, vom Martinstor bis zum Siegesdenkmal und dann rüber zur Merianstraße. Dort ging es nicht mehr weiter. Die Häuser brannten lichterloh, die Hitze war zu stark zum Durchlaufen. Wir schlugen uns über einen Umweg zum Haus von Schreibers. Es war von einer Luftmine getroffen worden. Da war nur noch ein Schutthaufen. Hans sagte: „Meine Eltern sind nie in den Luftschutzkeller gegangen.“

Und dann?

Ich brachte ihn in die Jacobistraße zu einem anderen Freund unserer Gemeindejugend. „Könntet Ihr ihn aufnehmen? Ich guck' nach seinen Eltern. Vielleicht finde ich sie ja irgendwo“, sagte ich. Ich kam am Rückweg über den Karlsplatz, half dabei, Verletzte auf Baren ins Lazarett Sankt Urban raufzubringen. Währenddessen gingen die Zeitzünder los. Feuerfontänen, Häuser stürzten zusammen.

Hans hatte also seine Eltern verloren.

Warten Sie. Am nächsten Tag ging ich von unserem Haus, das den Angriff überstanden hatte, in die Herrenstraße. Von der war nicht mehr viel übrig. Es waren lauter Berge und Täler. Schuttberg rauf, Schuttberg runter. Als ich den Schuttberg hinaufgehe, sehe ich oben am Kamm einen Helm hochkommen. Dann sehe ich das Gesicht. Es war der Vater von Hans. „Wir sind durch einen Durchbruch ins Nachbarhaus gekommen und dann ins Jägerhäusle hoch geflüchtet.“ So kam die Familie Schreiber wieder zusammen. Ich konnte übrigens tagelang meine Haare nicht mehr frisieren, die waren verklebt. Und meine Haut hatte lauter schwarze Pünktle vom Funkenflug.



So verheerend der Bombenangriff für Freiburg auch war: letztlich führte er dazu, dass Sie nicht zum Todeskommando nach Oberschlesien geschickt werden konnten. Oder?

Ja. Für mich war diese Nacht die Lebensrettung. Das ist etwas, was mich sehr stark bewegt hat. 3000 Freiburger sind umgekommen, damit ich nachher leben kann. So kann man es sehen, wenn man es auf die Spitze treibt. Warum habe ich überlebt und die anderen nicht? Was bedeutet das? Inwiefern trage ich Verantwortung?

So, wie Sie Ihr Verhalten unmittelbar nach dem Angriff geschildert haben, gingen Sie ein hohes Risiko ein, um ihren Mitmenschen zu helfen.

An mögliche Gefahren hat man in diesem Moment nicht gedacht. Es war eben nötig, zu helfen. Was einem vor den Füßen liegt, muss man machen.

Was geschah mit ihrem Vater Otto, der jüdischer Abstammung war?

Er ist mit dem letzten Transport ins KZ Theresienstadt deportiert worden.

Wie ging das vonstatten?

Er sollte sich am Freitag, den 13. Februar 1944, im Zimmer 13 der Turnseeschule einfinden, zwecks Arbeitseinsatz. Essen und Kleidung seien mitzubringen. Ich wollte lieber allein und zu Hause Abschied nehmen von ihm und nicht an der Turnseeschule. Dort standen viele Gaffer, die wussten, dass die Teilnehmer dieser Fahrten dem Tode geweiht waren.



Ihr Vater überlebte das Konzentrationslager. Was erzählte er Ihnen, als er zurückkehrte?

Nicht viel. Er hatte wenig zu essen, musste mit der Zahnbürste das Straßenpflaster kehren und andere Schikanen über sich ergehen lassen. Aber er erzählte auch, dass es in Theresienstadt herrliche Konzerte gegeben hatte, es waren ja sehr gute Musiker dort gewesen. Er hörte von einer Frau, die Asche in die Eger schüttete, Asche aus einer Urne mit einer vielstelligen Nummer. Und er sah die Festung, einen Ort für diejenigen, die in besonderer Art in Ungnade gefallen sind. Dort durfte man nur im Laufschritt essen. Es gab dort auch eine Wand, an der Erschießungen stattfanden.

Gibt es ein Bild aus der Nachkriegszeit, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

An der Schwabentorbrücke haben die Aliierten große Plakattafeln aufgestellt mit vergrößerten Aufnahmen aus Konzentrationslagern: Leichenhaufen auf großen Wagen, ausgemergelte Gestalten. Da haben viele gesagt: „Das ist nur Gegenpropaganda.“ Man hat es nicht fassen können. Es war noch viel schlimmer, als man gedacht hatte.

[Fotos: Weigend, dpa; das Bild mit der brennenden Synagoge wurde in Hannover aufgenommen]

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