Regiodrom: 24 Stunden interaktives Spiel im Theater

Frank Zimmermann

Von Freitag- bis Samstagnachmittag wird das Theater Freiburg zum interaktiven Spielfeld. Der Besucher von "Regiodrom" wird für 24 Stunden zum Bewohner eines von zwei Dörfern und somit zum Mitspieler. Was ihn erwartet, darüber sprach Frank Zimmermann mit den beiden Regiodrom-Machern, dem Regisseur Klaus Gehre und dem Spieleautor Lev Ledit.



Was muss man sich unter Regiodrom vorstellen?

Lev Ledit: Regiodrom ist ein wirklich seltenes Format. Es ist auf keinen Fall ein Rollenspiel, Weltsimulation finde ich einen stimmigen Begriff. Denn es gibt keine Level und keine dieser berühmten Rollenspielfiguren, man hat als Spieler ganz einfach die Fähigkeiten, die man als Mensch hat.

Was muss ich als Besucher können, um mitzumachen?

Lev Ledit: Die einzige Anforderung ist, dass man nicht erwartet, das Übliche im Theater zu erleben. Man braucht keine Kraft, es ist gemütlich – man kann am Sandstrand liegen, man kann alles kaufen, was man braucht zum Leben. Niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Das ist wichtig zu wissen, weil viele Angst haben, irgendwo mitspielen zu müssen.

Wie geht's los? Der Besucher bekommt am Eingang eine Rolle zugeteilt?

Klaus Gehre: Jeder bekommt einen weißen Anzug gestellt, ordnet sich einem von zwei Dörfern zu, bekommt einen Clan-Namen und lebt dort für 24 Stunden. Ob die beiden Dörfer miteinander oder gegeneinander spielen, entscheiden sie selbst.

Lev Ledit: Wie im wirklichen Leben sucht man sich seine Rolle im Dorf. Wenn man nicht arbeiten will, kann man auch Bettler werden. Es gibt diese Rolle offiziell zwar nicht, aber wenn man will, kann man in unserem Spiel durch die Welt gehen und hoffen, dass man von den anderen das kriegt, was sie im Überfluss haben.

Klaus Gehre: Es liegt an jedem selbst, wie er sein Leben gestaltet.

Was sind die wichtigsten Spielregeln?

Lev Ledit: Man kann sich nichts einfach nehmen, sondern muss mit Blüten bezahlen; das ist die interne Währung. Wie viel diese Wert ist, hängt von den Spielern ab – davon, wie sehr sie untereinander zu handeln anfangen und wie sehr sie an sie glauben. Für bestimmte Sachen im Spiel bekommt man Blüten, und bestimmte Sachen, die wir hergeben, kosten Blüten.

Wo bekommt man sein Geld her?

Klaus Gehre: Von der Bank, die es im Theater geben wird. Man kann arbeiten, zum Beispiel Sand abbauen oder nach Gold schürfen. Und für das Gold und den Sand bekommt man Aktien, die man bei der Bank gegen Geld eintauschen kann oder mit denen man handeln kann. Es gibt Arbeitsplätze, man kann aber auch selbst unternehmerisch tätig werden und beispielsweise einen Marktstand aufmachen und Kaffee verkaufen oder Taschen nähen.

Lev Ledit: Es gibt Angestellte: Der Goldanmaler macht aus Steinen wertvolle Nuggets, es gibt jemanden, der Sandsäcke zuknöpft. Man kann sich für 30 Minuten anstellen lassen und bekommt ein fixes Gehalt mit allen sozialen Absicherungen. Es wird aber nie irgendjemand vom Theater kommen und sagen „Tu jetzt dies oder das.“ Was allerdings nicht geht, um an Blüten zu kommen, sind Überfälle.

Sind die Spielregeln sakrosankt?


Lev Ledit:
Es gibt auch Regeln, die man im Spiel verändern kann. Das können die Bürgermeister machen. Sie haben sehr viel Macht: Sie müssen gewählt werden, können aber auch abgewählt werden. Man kann sich aber auch als Bürger mit anderen zusammentun, selbst eine Regel aufstellen und den Bürgermeister absetzen.

Klaus Gehre: Jedes Dorf hat einen Bürgermeister; dessen Amtszeit dauert zwei Stunden. Wenn der Glücksindex innerhalb dieser Zeit gefallen ist, muss das Dorf einen neuen wählen. Dieser Index wird ermittelt, indem alle Spieler immer wieder nach einer Skala von 1 bis 10 befragt werden, wie glücklich sie sind. Jeder kann Bürgermeister werden – wer die meisten Stimmen sammelt, wird’s,  und dann kann er Gesetze beschließen. Ein Bürgermeister kann zum Beispiel Steuern verändern, Kredite aufnehmen, Dinge anschaffen, Grundeinkommen einführen. Damit ein Bürgermeister kein Diktator wird, gibt es auch Veto-Möglichkeiten der Siedler.

Muss man 24 Stunden durchhalten oder kann man eine Pause einlegen?

Klaus Gehre: Man kann nicht ein paar Stunden heimgehen und dann wiederkommen. Wer das Spiel verlässt, kann nicht zurück. Wir zäunen das Theater ein – der ganze Vorplatz wird Spielfläche sein. Aber im Spiel kann man Pause machen, so viel man will.

Lev Ledit: Eine wichtige Regel gibt es noch: Man darf nicht in die Unterwelt. Man weiß, dass es sie gibt und dass dort Spieler sind, aber man weiß nicht, wie man hineinkommt. Sie ist sehr anders als die Oberwelt – in der Unterwelt geht es um sehr viel Geld und ums Zocken

Klaus Gehre: Es gibt dort jedoch keine Geldscheine mehr, sondern nur Schecks und Kredite. Ein Bürgermeister kann die Unterwelt schließen, was aber den Nachteil hat, dass keine Steuern mehr von unten hochkommen, die für jeden Scheck anfallen.

Welche Rolle spielen die professionellen Theaterschauspieler?

Klaus Gehre: Die Schauspieler, Statisten und Sänger sind diejenigen, die die Welt mit erzeugen, in der die Besucher hineinkommen: Sie sind Bankdirektor und Bankangestellte, Konzerndirektor und Konzernangestellte...

Was ist das Ziel des Spiels?

Klaus Gehre: Dasjenige Dorf hat gewonnen, das über die gesamten 24 Stunden am glücklichsten war und dabei nicht Konkurs gegangen ist. Das Glück wird, wie gesagt, jede Stunde per Befragung ermittelt.

Lev Ledit: Alles baut auf Geld, Glück und Nachhaltigkeit auf und wie man das alles unter einen Hut bringen kann.

Gibt es eine Vorlage für dieses Spiel?

Klaus Gehre: Die Idee geht zurück auf die Regionalwert-AG von Christian Hiß aus Eichstetten, der eine Aktiengesellschaft gegründet hat, um Ökolandschaft neu zu denken. Vor zwei Jahren haben wir angefangen, daran zu arbeiten – mir war relativ schnell klar, dass das ein Spiel werden muss, so eine Mischung aus Monopoly und Dschungel-Camp.

Was muss man mitbringen?

Klaus Gehre: Zahnbürste, Handtuch, Schlafsack und einen Gürtel für den Anzug, den man bekommt.

Kann man auch etwas gewinnen?


Klaus Gehre:
Ja, es gibt die Chance, richtiges Geld zu gewinnen. Jede Stunde wird ein Euro-Optionsschein versteigert. Wer ihn am Ende des Spiels besitzt, kann ihn gegen reales Geld eintauschen.

Lev Ledit: Das kann mehr sein, als man Eintritt zahlt.



 

Zur Person


Klaus Gehre
(Bild oben links), 44, ist freier Theaterregisseur. Er lebt in der Nähe von Frankfurt. Am Theater Freiburg hat er bislang „Fluch der Karibik“, „Terminator“ und „Liebesgrüße Temesvar“ inszeniert; zudem hat er an den Stadttheatern in Frankfurt, Heidelberg und Marburg Regie geführt.

Lev Ledit, 41, stammt aus Graz in Österreich und lebt in Wien. Er ist Gamedesigner/Spieleautor und entwickelt alle Arten von Spielen – am Brett, am Computer und jetzt eben auch am Theater.

Mehr dazu:

Was: Regiodrom
Wann: Freitag, 19. Juli, 15 Uhr, bis Samstag, 20. Juli, 15 Uhr.
Wo: Einlass am Freitag von 15 bis 17.30 Uhr über die Sedanstraße, Kleines Haus.
Eintritt: Tickets kosten 50, ermäßigt 35 Euro (inklusive Essen und Trinken für 24 Stunden); ein Gruppenticket (4 zahlen, 5 kommen) für 200/ermäßigt 140 Euro; Insgesamt können 250 Spieler mitmachen.

[Bild: Michael Bamberger]