Reflexion über "Gewaltsprache" im Jazzhaus

Juri Andresen

Gestern Abend hat im Jazzhaus eine Podiumsdiskussion stattgefunden, in der es um Gewalt in Raptexten ging. Der Auslöser für dieses Gespräch war die Absage des geplanten Konzerts von Frauenarzt, der im Dezember in Freiburg auftreten sollte. Juri hat sich angehört, was die Menschen auf der Bühne zu sagen hatten.



Wie wir im November berichtet haben, verhinderte die SPD-Fraktion im Freiburger Gemeinderat das Konzert von Frauenarzt mit der Begründung: "Wir sind der Meinung, dass frauenfeindlich, rechtsfaschistisch wie auch rassistisch eingefärbte Veranstaltungen nicht mit finanzieller Unterstützung der Stadt stattfinden sollten."


Die Absage des Konzerts verursachte eine Debatte darüber, inwieweit Gewaltverherrlichung und frauenverachtende Inhalte in deutschen Raptexten von Bedeutung seien. Einen öffentlichen Beitrag zu dieser Diskussion, die von Bürgermeister Ulrich von Kirchbach eröffnet wurde, lieferten gestern Abend fünf Menschen:
  • Ariane Reiber, Betriebsleiterin im Jazzhaus Freiburg (sie sagte nichts)
  • Felix Hansen, Tourveranstalter von Frauenarzt
  • Matthias Krämer aka Beatknecht, Freiburger HipHop-DJ
  • Herbert Schiffels, Vorsitzender des Jazzhaus Freiburg
  • Michael Musiol, Geschäftsführer des Jazzhaus Freiburg



Geleitet wurde die Diskussion von Thomas Steiner, Kultur-Redakteur der Badischen Zeitung. Die Diskussion war, wie oben schon genannt, aufgrund von Protesten aus den Reihen der SPD entstanden. Die Vertreter des Jazzhaus hatten zunächst wenig Bedenken angesichts des Frauenarzt-Auftritts.

Michael Musiol wollte dem Künstler ursprünglich eine Chance geben, da Frauenarzt auf dem aktuellen Album Atzenmusik einen Imagewandel gezeigt habe. Darauf beharrte gestern auch Frauenarzt-Tourmanager Hansen: „Seine neuen Texte sind anders und nicht mehr so gewaltverherrlichend oder frauenfeindlich.“

In diesem Punkt widersprach ihm niemand. Offenbar hatte sich keiner der Frauenarzt-Gegner das aktuelle Album richtig angehört. Jazzhaus-Vorsitzender Schiffels sagte nach der Diskussion auf unsere Nachfrage: „Ich habe ein paar Tage vor dem geplanten Konzert nach Frauenarzt gegoogelt. Die Sachen, die ich von ihm gefunden habe, fand ich erschreckend.“



Im Laufe des Abends versuchte Moderator Thomas Steiner, weitere Aspekte des Themas in Frage zu stellen: Warum gibt es solche Texte? Sind sie ein Ausdruck der Gesellschaft? Wo liegen die Grenzen von Ironie zur Wirklichkeit? Also: meinen die Rapper ihre Texte ironisch oder erzählen sie ihre Lebenswirklichkeit nach? Eine der interessantesten Fragen des Abends war: Sind Rapper wie Frauenarzt authentisch oder ziehen sie alles ins Lächerliche?

„Er will ja nicht die Jugendlichen dazu auffordern, so zu leben, wie er es tut, sondern er erzählt ganz einfach aus seinem Leben“, meinte Felix Hansen, der mit dem 30-jährigen Vicente de Marco (Künstlername Frauenarzt) in engem Kontakt steht und ihn auch abseits der Bühne kennengelernt hat. „Das Problem ist auch, dass heutzutage viele Eltern mittlerweile mit vergleichbarer Musik aufgewachsen sind wie ihre Kinder“, sagte Herbert Schiffels. „Die Spirale geht weiter.“ Beispiele für diese Theorie nannte Schiffels leider keine.



Matthias Krämer erläuterte die Frage, warum Künstler wie Frauenarzt gerade bei jüngeren Hörern mit ihren expliziten Texten auf offene Ohren stoßen, eher allgemein: „Eine bestimmte Musikrichtung bringt Jugendliche in die entsprechende Szene hinein. Sie können sich dann mit dem Künstler identifizieren.“

Hansen stimmte Krämer zu und brachte die Identifikation mit einem sozialen Faktor in Verbindung: „Es bringt nichts, wenn die Kids aus sozial schwachen Gegenden von Jack Johnson hören, wie er am Strand entlangläuft und Muscheln sammelt. Die haben einfach einen anderen Hintergrund. Frauenarzt fühlt sich nicht verpflichtet, die Jugend zu erziehen. Solange man sich bewusst macht, dass solche Rapper die ganze Sache nicht so ernst nehmen, ist das doch auch okay. Dann kann man darüber auch lachen“, behauptete Hansen.

Seiner Meinung nach seien es andere Medien, die Jugendlichen ein falsches Bild von Frauen vermitteln: „Schauen Sie doch einfach mal mittags RTL oder ProSieben! Da sehen Sie die ganzen aufgeblasenen Frauen und Männer mit einem IQ von 20, das sind auch keine tollen Vorbilder.“

Hansen räumte allerdings ein, dass die Texte von Frauenarzt nicht unbedingt förderlich seien für den Sprachgebrauch der Jugend. Daher kam die Überlegung auf, dass man nur Leute über 18 solche Konzerte besuchen lassen sollte, da diese die Texte besser reflektieren könnten. „Dann kommt ja niemand mehr“, meinte Hansen dazu.

Am Ende der knapp zweistündigen Diskussion hatte man den Eindruck, man stünde wieder am Ausgangspunkt des Problems, dem man keine konkrete Lösung entgegensetzen konnte. Jedoch hatten beide Seiten, also Kritiker und Befürworter expliziter Deutschrapper, Fehler eingeräumt. Die Abstimmung unter den Zuschauern, ob man das Frauenarzt-Konzert hätte verbieten sollen, ergab allerdings ein erstaunliches Ergebnis: Drei Leute stimmten für das Verbot, 30 Leute im Auditorium dagegen. Der Rest der insgesamt etwa 50 Zuschauer enthielt sich.

Also vielleicht doch ein Ergebnis: Verbieten ist der falsche Weg. Man sollte woanders ansetzen, in der Erziehung etwa. Gefragt sind Eltern, die ihren Kindern beibringen, verantwortungsvoll mit Sprache umzugehen. Michael Musiol jedenfalls antwortete auf unsere Frage, ob er das nächste Mal ein Frauenarzt-Konzert verbieten würde: „Das werden wir dann sehen.“