Referendum in Katalonien: Wie eine Katalanisch-Dozentin der Uni Freiburg darüber denkt

Dora Volke

90 Prozent der Wähler haben beim Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien für eine Loslösung von Spanien gestimmt. Das spielt auch in Freiburg eine Rolle: Anna Subarroca doziert an der Uni Katalanisch.

Die 34-Jährige Anna Subarroca ist Dozentin für Katalanisch an der Uni Freiburg. Katalanisch ist, anders als viele denken, kein Dialekt des Spanischen, sondern eine eigene Sprache. Sie wird von etwa zehn Millionen Menschen in Spanien (Katalonien, Balearen und Valencia), Andorra, Südfrankreich und auf Sardinien gesprochen. Anna Subarroca, fühlt sich wohl in Freiburg – zumal die Deutschen den Katalanen nicht ganz unähnlich sind. Kultur spielt bei ihr nicht nur im Kursraum eine Rolle, sondern wird in ihrer Heimat Katalonien zum politischen Machtfaktor.

Anna Subarroca fühle sich zwar eindeutig mehr Katalanisch als Spanisch, könne aber das eine vom anderen auch nicht ganz trennen, zumal es viele kulturelle Gemeinsamkeiten gebe. "Aber in letzter Zeit muss man sich entscheiden: Katalanin oder Spanierin? Eigentlich müssten wir doch beides sein können. In Deutschland musst du doch nicht aufhören, Deutscher zu sein, um Bayer zu sein."

In ihrer Funktion als Dozentin versucht Subarroca, den Schwerpunkt auf die Kultur zu legen. Aber: "Jeder Text, jedes Lied, das ich im Unterricht einsetze, ist irgendwie eine Positionierung. Kultur kann nicht unpolitisch sein."

Katalonien strebt die Unabhängigkeit an

Die Beziehungen zwischen Barcelona und Madrid sind seit einigen Jahren angespannt. Bei einem Unabhängigkeitsreferendum haben sich 90 Prozent der Wähler für eine Loslösung von Spanien ausgesprochen – so das Ergebnis aus der Nacht von Sonntag auf Montag. Das Referendum war von Anfang an umstritten: Die Regionalregierung in Barcelona hatte es trotz eines gerichtlichen Verbotes und gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid durchgezogen. Die spanische Polizei hatte versucht, mit Gewalt die Abstimmung zu verhindern. Dabei wurden 844 Menschen verletzt, einige von ihnen schwer.

Bereits 2014 stimmten etwa 80 Prozent für die Unabhängigkeit. Doch wie damals weigert sich die spanische Regierung, das Referendum anzuerkennen. Anna Subarroca findet: "Wichtiger als die Unabhängigkeit ist die Demokratie. Wir haben das Recht abzustimmen, egal wie das Ergebnis ist!" Das Problem, denkt Subarroca, geht auf das Ende der Diktatur zurück. Man habe nach 1975 die Demokratie eingeführt und dabei den Bürgerkrieg und die Diktatur nicht richtig aufgearbeitet: "Wir wissen noch immer nicht, wo unsere Toten sind. Im Juli wurden zum Beispiel in meinem Dorf Massengräber gefunden: 17 Leichen."

Kulturelle Identität im heutigen Europa

In einer Zeit, in der die Europäische Union von Rechtspopulismus und dem Brexit bedroht wird, wirkt dieser katalanische Unabhängigkeitskampf wie ein weiterer kleiner Krisenherd. Kulturelle Identität wird hier gelebt wie in kaum einer anderen Region. "Die Sprache ist ein wichtiger Teil der Identität", so Anna Subarroca. Die eigene Sprache bestärke das Gefühl einer eigenständigen Kultur. "Aber die Tatsache, dass wir Teil von Spanien sind, führt dazu, dass wir nicht nur zweisprachig sind, sondern irgendwie auch zwei Identitäten haben."

Meistens gibt es eine emotionale Verbindung: Ein Auslandssemester oder el Barça

Das Unterrichten bereitet Anna Subarroca sichtlich Freude. Auch ihre Studierenden mögen sie: "Sie ist immer gut gelaunt und herzlich. Bei ihr lernt man viel und das mit Spaß." Die Zahl an Katalanischstudierenden ist eher gering, pro Jahr fangen zwischen 10 und 15 an, schätzt Subarroca. "Viele, die schon Spanisch können, halten es nicht für nötig, Katalanisch zu lernen. Meistens gibt es eine emotionale Verbindung, ein Erasmus, der FC Barcelona, el Barça, oder der Freund." Die emotionale Verbindung bringt die Studierenden und Anna Subarroca dann auch meist näher: "Natürlich weiß sie über jeden Studenten auch was Privates, was das Verhältnis zu ihr total angenehm auflockert", findet eine Studentin.

Subarroca, die selbst sechs Sprachen spricht, meint, für ein Leben in Barcelona müsse man nicht unbedingt Katalanisch sprechen. Mit Spanisch käme man auch durch. "Aber man verpasst einen großen Teil der katalanischen Kultur." Bei bestimmten Volkstraditionen wie beispielsweise den Castells, den Menschentürmen, sei das Publikum eben hauptsächlich katalanischsprachig, "und wenn man sich vor der Sprache verschließt, verpasst man etwas."

Die Deutschen haben einen ähnlichen Ruf wie die Katalanen: verschlossen, arbeitsam und geizig

Freiburg, seit einem Jahr Subarrocas Wahlheimat, gefällt der Katalanin sehr gut. "Ich habe in einem kleinen Dorf und im großen Barcelona gelebt. Hier hat man ein sehr großes kulturelles Angebot, aber es ist trotzdem alles nah. Und die Menschen sind sehr offen und tolerant." Nichtsdestotrotz vermisst sie ihre Heimat: "Was mir am meisten fehlt, ist das Meer und die Sonne." Ganz unähnlich seien die Deutschen den Katalanen jedoch nicht: "Man sagt bei uns, was die Deutschen in Europa sind, sind die Katalanen in Spanien: aus dem Norden, nicht ganz so offen, eine ähnliche Arbeitsmoral. Außerdem sagt man uns nach, wir seien geizig."

In ganz Europa gibt es 105 Universitäten, an denen man Katalanisch lernen kann, in Deutschland sind es 21. In Baden-Württemberg sind das außer Freiburg noch Tübingen, Konstanz, Mannheim und Heidelberg. Die katalanische Regierung fördert über das Institut Ramon Llull die katalanische Sprache und Kultur außerhalb Kataloniens. Neben solchen Lektorenstellen wie Annas gibt es auch finanzielle Unterstützung für katalanische Künstler und Autoren.

Die Kultur wird zum politischen Faktor

Das Institut Ramon Llull ist vergleichbar mit dem deutschen Goethe-Institut. "Wir sind aber in einer ungewöhnlichen Situation, weil wir kein eigenes Land sind", schränkt Anna ein. "Die katalanische Regierung entsendet uns, aber das müssen sie mit der spanischen Regierung absprechen." Kultur wird zum Politikum und damit zu einem sehr sensiblen Thema in Katalonien. Die Steuern aus der Region gehen nach Madrid. Dort werde dann entschieden, wie viel Geld zurückfließt. Anna berichtet von Problemen im Kulturbereich: "Seit der Wirtschaftskrise haben sie jedes Jahr weniger Geld."

Etwa 40 Prozent der Spanier leben in einem Gebiet, in dem außer Spanisch noch eine andere Sprache gesprochen wird. Dazu gehören auch Galizien oder das Baskenland. Als 1978 die Verfassung beschlossen wurde, habe man das Thema der kulturellen und sprachlichen Vielfalt Spaniens nur sehr oberflächlich behandelt. Die Regionen hätten nur sehr wenig Spielraum in der Selbstverwaltung. "Wenn das System föderaler wäre, so wie in Deutschland, wären die Katalanen zufriedener und ruhiger", glaubt Anna.

Katalanisch in Freiburg

  • Institut Ramon Llull in Berlin, Newsletter mit Veranstaltungen in Deutschland: LLull.cat