Redshape im Drifter's: Live-Spielen als erotische Kunst

Bernhard Amelung

Die Veranstaltungsreihe Somebody Scream steht für elektronische Clubkultur der höchsten Güte - und feiert am Freitag ihr zweijähriges Bestehen. Zur Feier der Nacht kommt der Berliner Techno-Hochkaräter Redshape ins Drifter's. Bernhard hat den Mann mit der roten Maske zu seiner Musik befragt.

 

Redshape, seit nunmehr sechs Jahren genießt du als der große Unbekannte mit der roten Maske weltweite Bekanntheit. Wie schwer ist es für dich inzwischen geworden, deine Anonymität zu wahren?

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es Überhaupt noch um die Wahrung von Identitäten und nicht um den Nimbus der Maske an sich geht. Ab einem gewissen Level ist es faktisch unmöglich, Anonymität zu schützen. Allerdings ist das meistens auch gar nicht notwendig, da das Publikum in meinem Fall anscheinend absichtlich nicht so genau hinsieht.

Dein Künstler-Alias "Redshape" hat sich dabei über die Jahre zu einer starken persönlichen Marke entwickelt. Inwieweit erfüllt das Pseudonym hierbei noch seine Funktion als Deckmantel?

Bei der Wahl eines Pseudonyms geht es erst mal nicht um einen Deckmantel, sondern vielmehr dient es ja als Titel oder Begriff der eigenen künstlerischen Sprache. Bei Redshape ist genau das und nichts anderes die Basis. Das addieren der Maske transformiert diese dann hin zu einem Schutz, kommt ihr aber generell nicht in die Quere.

Genauso ausdrucksstark wie dein Künstlername selbst ist auch deine Musik, ein warmer und roher Techno aus analogen Maschinen. Wie und womit würdest du jedoch deinen Sound einem gehörlosen Menschen nahebringen?

Obwohl ich eine gewisse mir ferne Esoterik aus diese Frage entnehme, würde ich sagen: mit Farben. Bewegungen dunkler, lose strukturierter Oberflächen, unterbrochen von einzelnen aufglimmenden hellen Mustern.
Nähert man sich deiner Musik beschreibend an, kommt man nicht umhin, auch eine der Geburtsstätten des Techno, die US-amerikanische Stadt Detroit, zu  erwähnen. Welche Bedeutung misst du selbst dem Klang dieser Stadt und ihren Künstlern für dein Schaffenswerk bei?

Bis auf wenige europäische Ausnahmen würde ich das Gefühl dieser Stadt immer noch als Hauptbestandteil meiner Vorstellung von elektronischer Musik bezeichnen. Dabei geht es mir weniger um die tatsächlichen Faktoren als mehr um die romantische, ja fast schon sentimental wirkende Beziehung zu der Musik, die die Künstler aus Detroit seit jeher inspirierte und in die Zukunft blicken ließ.

In welchem Umfang erfüllt dabei Detroit für dich die Funktion eines musikalischen Sehnsuchtsortes?

In keinem, da bis auf diverse Hiphop- und Rap-bezogene Inhalte Detroit immer ihre eigene Sehnsucht auf eine Art Utopia gerichtet hat, und so die Stadt niemals selbst Zentrum dieses Gefühls war. Die kompromisslose Auseinandersetzung mit dem rohen Gefühl in der Musik und die dadurch entstehenden Räume sind das, was ich selbst als Sehnsuchtsort bezeichnen würde.

Welche weiteren musikalischen und nicht-musikalischen Einflüsse sind für deine Musik verantwortlich?

Eine unüberschaubare Menge an Dingen. Aus Bildern, Texten, Gefühlen, Gefühlen mit Musik, Erfahrungen, Erkenntnissen und nicht zuletzt aus der wunderbaren Sicherheit, etwas verstanden zu haben und damit nun machen zu können, was man will.

Wie hast du deine Vorliebe für die elektronische Musik entdeckt? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Tendenziell würde ich sagen haben die wenigen Schallplatten meiner zwei älteren Brüder, Alphaville, Aha und Frühneunziger-Synthesizer-Eskapaden à la Jean Michel Jarre und Cosmic Baby eine gewisse Rolle gespielt.

Und was war der Anstoß, eigene Musik zu produzieren?

Das war flüssig. Einen Anstoß gab es nie. Vielmehr wollte das schon immer raus aus mir, und meine Eltern haben mir früh die Werkzeuge in die Hand gegeben.  

Gibt es ein Gerät, Synthesizer oder Drum-Maschine, mit der du am liebsten arbeitest? Und warum?

Das wäre dann wohl die EMU SP-1200. Sicherlich, weil diese Schleuder seit meinen Anfängen immer mein Traum war, aber dank ihres haarsträubenden Preises fast zehn Jahre brauchte, um den Weg zu mir zu finden. Das Gefühl sich in den kinderleichten Strukturen dieses Samplers zu bewegen, ist für mich eines der schönsten in meinem Produktionsprozess.

In deinen Stücken tun sich oftmals düstere und melancholische Klangwelten auf. Wie kommen diese Färbungen in die Tracks?

Wie kommen diese Färbungen in mich? Ich schätze mal sie sind einfach da.

Seit Mitte der Neunziger Jahre bist du DJ, als Redshape spielst du aber vorwiegend live. Was fasziniert dich am Live-Spielen?

Das Momentum, die direkte Verbindung zwischen mir und meiner Musik, das hat etwas Erotisches, Nahes und ist an manchen Abenden einfach das ehrlichste Ding auf der Welt.

Was gehört zu deinem Set-up?

Das Setup versuche ich immer natürlich zu halten. Seit meinen ersten Gehversuchen als Liveact gab es für jede Funktion im Set ein dezidiertes Gerät beziehungsweise eine Bedienoberfläche. Ich habe versucht, diese Herangehensweise ins Jahr 2011 und ins Verhältnis zu meinen vielen Reisen zu setzen. Also ein Controller für Main Drums, ein Controller beziehungsweise Mischer für Harmonie und Einzelspuren sowie ein extra Live-Tool. Das kann ein Drumcomputer oder Sampler oder auch extra Synthesizer sein, beispielsweise eine TR-909 oder ein Octatrack oder Tempest oder Moog-Synthesizer. Dazu kommt noch ein zusätzlicher Mischer, um das alles zusammen zu führen.

Und wie bereitest du dich auf deine Auftritte vor?

Ich pausiere alle anderen anliegenden Projekte und ärgere mich zwei Wochen mit Files, dem Klang, den Live-Einflussmöglichkeiten und dem Timing rum, um schlussendlich wieder alles zu verwerfen und zu entscheiden, eher eine Art Mixtur aus meinen neuen Ideen und dem schon vorhandenem Material zu forcieren. Von daher ist mein Set ein fast schon organisches sechs Jahre altes Wesen.

2011 hast neben Veröffentlichungen auf Running Back und deinem eigenen Label Present mit Palisade auch ein Projekt für housigere Klänge gestartet. Worauf können wir uns 2012 freuen?

Auf ein neues Album. Ich bin gerade dran und hoffe, es bis Ende März zu schaffen. Ansonsten gilt: It’s done when it’s done. Palisade bekommt auch noch etwas Liebe, ansonsten muss ich den Neujahrskater noch überstehen und fange dann im Februar an zu planen.

 

Mehr dazu:

Was: 2 Jahre Somebody Cream mit Redshape. Support: Agent Schwiech, Shaddy und Kowski
Wann: Freitag, 13. Januar 2012, ab 23 Uhr
Wo: Drifter's Club

[Foto: Ragnar Schmuck]