Redlightcenter: Ich im Internet-Bordell

David Harnasch

fudder schmuddelt! Im Internet gibt es neue Plattformen, die Sex und Cyberspace zusammen bringen. Da ist zum Beispiel Redlightcenter.com, eine Seite, die als Multi-User-Erotik-Community Cybersex mit Pixelgeschöpfen und (weitere Dienste aus Bits und Bytes) verspricht. David Harnasch (links) hat alle Virenscanner auf Vordermann gebracht, um für fudder knallhart im virtuellen Rotlichtmilieu zu recherchieren: Ich im Internet-Bordell.

Der Auftrag klang wie der feuchte Traum eines VW-Betriebsrats: Ein „Bordellbesuch“ auf Spesenrechnung. Weil es sich hierbei um eine Reportage für unser Digitalien-Ressort handelt, musste fudder-Autor David Harnasch nicht mal das Haus verlassen für seine Recherche im Cyberpuff Redlightcenter.com.


Internet-Bordell Erfahrungsbericht

Bevor ich die virtuelle Rotlichtmeile betreten kann, muss ich die Zugangssoftware installieren. Der 100-MB-Download dauert eine knappe Stunde. Für solche Datenmengen erwarte ich entsprechend sensationelle Effekte. Der Anbieter verspricht sinngemäß: „Das ‚Red Light Center’ erschafft eine virtuelle Umgebung die den Umgang miteinander im Internet auf eine natürlichere Art ermöglicht und erleichtert. Hierfür kann man sich eine individuelle Identität (Avatar) erschaffen, auf natürliche Art miteinander interagieren und über Voice Over IP (Internet-Telefonie) kommunizieren.

Außerdem stehen Möglichkeiten wie File Sharing zur Verfügung.“ Das klingt zunächst nicht spektakulär, aber der Name lässt hoffen, dass mein Avatar im „Red Light Center“ andere Erlebnisse machen kann als etwa in „Second Life“, dem neuen, super-hippen Riesencyberspace.

Unmittelbar nach dem Programmstart stelle ich fest, dass es leider keine Möglichkeit gibt, mit einem halbwegs gutaussehenden Avatar loszuziehen – also bekommt er so peinliche Klamotten, dass das Gesicht noch sein kleinstes Problem ist (unten).



Da es vier Uhr früh ist, nenne ich mein virtuelles Alter Ego „Insomniac“. Das Erklärungsvideo funktioniert ebenso wenig wie der angekündigte VOIP-Chat, mein Avatar latscht auf gut Glück los. Es ist nicht viel Leben auf der architektonisch bedenklich gestalteten Hauptstraße, also erkundet Insomniac zunächst mal die Gegend: Sehr übersichtlich, gerade mal viereinhalb Straßenzüge. Trotzdem boomt die Immobilienwirtschaft hier noch nicht, allerorten bekommt man leere Geschäfte angeboten.



Ein überaus mutiger Entrepreneur hat sich bereits niedergelassen. In seinem äußerst spärlich eingerichteten Laden „Blue Whale“ (oben) bietet er grässlichen Wandkitsch (der seltsamerweise dennoch ausverkauft ist) und ein einziges Buch: „The Minerva Virus“. Der „High-Tech-Fiction“-Schmöker stammt von einem Brian Shuster, dem Chef von Utherverse Inc. – der Betreiberfirma des Cyberstrichs und wohl auch dieses Ladengeschäfts.



In der Apotheke nebenan wird erwartungsgemäß Viagra angeboten – wobei sich mir nicht erschließt, in wieweit diese Quelle seriöser ist, als die etwa vierzig, die täglich in meinem Spam-Filter um Aufmerksamkeit buhlen. Nach einem kurzen Spaziergang steht Insomniac im Pornokino „The Palace“, das vollmundig „The hottest XXX Movies in the world“ verspricht – allerdings nur für VIPs.



Höchste Zeit also für ein Wichtigkeitsupgrade! Für 20 US-Dollar auf VISA ist Insomniac ab sofort einen Monat lang wichtig – und ich bin meinem meinem Steuerberater einige Erklärungen schuldig. Im VIP-Bereich hängen Standbilder, die der geneigte Leser sich jetzt bitte einfach vorstellt, an der Wand. Wer auf eines klickt, startet das entsprechende Filmchen im Media Player. Wow! Ähnliches habe ich schon deutlich übersichtlicher, preiswerter und mit wesentlich weniger Aufwand in anderen Schmuddelecken im Netz gefunden.

Doch das ist nur eine von vielen neuen Optionen, die meinem hässlichen Alter Ego jetzt offen stehen – denn nur VIP-Avatare können sich ausziehen und vor allem – Sex haben! Allerdings nicht im Pornokino, sondern ausschließlich in speziellen Räumen. Auf der Suche nach der Cyberorgie latscht der Schlaflose ins Aquarium, eine höchst seltsame Attraktion (unten).



Man kann hier, ohne zu atmen, ewig zwischen eckig animierten Fischen schwimmen und ein Schiffswrack erkunden, in dem rein gar nichts ist. Es erschließt sich mir allerdings nicht, warum man das wollen sollte. Mich interessiert, wer hier sonst unterwegs ist. Der öffentliche Chat ist exakt so belanglos wie jeder andere auch, aber als VIP kann ich ein ausführliches Profil mit Fotos anlegen und die anderer User ansehen. NotgeilVZ statt StudiVZ. Vor der „Red Light Gallery (in der „erotische“ Bilder in Airbrushoptik feilgeboten werden, es fehlt eigentlich nur der obligatorische Delphin-Kunstdruck) steht der Avatar von „Kelly22“, er bzw. sie sieht aus wie eine Nutte im Schulmädchenkostüm (unten). Dahinter verbirgt sich laut Profil eine hübsche 22jährige Lesbe aus Missouri – wer’s glaubt.



Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand tatsächlich echte Bilder von sich in diesem Kontext veröffentlicht. Um so mehr schockiert mich das Profil von „Mrs.Jess86_KayHan“: Die Zwanzigjährige aus Buffalo hat jede Menge Fotos hochgeladen. Neben einem gynäkologisch höchst detaillierten Bild findet sich eins ihres Mannes – und eins der zweijährigen Tochter. Ich glaube, dass diese Präsentation ihrer Beliebtheit in der High School eines Tages eher abträglich sein könnte.

Es wird Zeit, dass Insomniac zu Potte kommt. Auf dem Weg zu einer einschlägig beschriebenen Lokalität lasse ich ihn ein paar Plakate aus der Nähe betrachten und wundere mich, dass in einer Umgebung, in der Englisch die Lingua Franca ist, Veranstaltungen beworben werden, die „Prater G’schicht’n“ heißen, „Gletscher im Treibhaus“ und „Arlecchino spielt verrückt“.
Die „Passion Pit“ (unten) ist eingerichtet, wie ich mir eine geschmacklose Großraumdiskothek in den Siebzigerjahren vorstelle – abgesehen von den Betten, auf denen Avatare es miteinander treiben.



Nach einem ebenso kurzen wie belanglosen Dialog (sie nennt ihn „Hun“, denn laut Profil ist er Deutscher – offenbar genießen Europäer Exotenbonus) kommen Insomniac und Nikki23 zur Sache. Das sieht genauso erotisch aus, wie die vögelnden Marionetten aus „Team America“, ist aber nicht halb so lustig – bis ich die Funktion „Strap On Doggy“ auswähle. Was mein Avatar nun erleben muss, möge sich der Leser bitte selbst vorstellen.



Während Insomniac übelst verräumt wird, frage ich mich, ob der Mensch hinter seiner „Sexualpartnerin“ das jetzt scharf findet. Falls ja, wäre es eigentlich traurig. Die Zukunft des zwischenmenschlichen Umgangs erhoffe ich mir jedenfalls deutlich anders. Das Gejammer um Sicherheitslücken beim StudiVZ erscheint mir nach wie vor lächerlich, da jeder selbst entscheidet, welche Daten er im Internet veröffentlicht – aber die Leichtfertigkeit, mit der manche User Nacktfotos und wirklich intime Informationen dem „Red Light Center“ zur Verfügung stellen, erschreckt mich. Ob mit solchen Diensten mittelfristig Geld verdient werden kann, bezweifle ich, aber wenn ich wieder mal einen Cyberpuff betreten sollte, dann als Cyberzuhälter.