Interview

Rausch vor der Kamera: Warum ein Freiburger Forscher ein Drogen-Experiment begleitet

Jannik Jürgens

LSD, Ecstasy, K.o.-Tropfen: Für eine Fernsehsendung testet Schauspieler Jenke von Wilmsdorff Drogen. Der Freiburger Toxikologe Volker Auwärter hat das Experiment überwacht.

BZ: Sie haben das Drogen-Experiment als Experte überwacht. Wie war es aufgebaut?
Auwärter: Es gab mehrere Experimente. Ziel war es, jede Droge in den geeigneten Kontext zu bringen. Denn jede Droge hat unterschiedliche Wirkungen, Konsumenten und Konsummuster. Jenke von Wilmsdorff wollte eine möglichst authentische Erfahrung haben. Deswegen hat er LSD in einer naturnahen Umgebung genommen. Die Abgeschiedenheit sollte störende Einflüsse vermeiden, die unter der LSD-Wirkung schnell als sehr unangenehm empfunden werden können. LSD ist nicht toxisch, aber es besteht die Gefahr, dass der Konsument die Kontrolle verliert und z. B. Unfälle passieren. Deswegen haben wir ihn begleitet und ihm einen geschützten Raum geboten.


BZ: Der Umgang mit LSD ist in Deutschland doch strafbar.
Auwärter: Dieser Teil des Experiments wurde in Portugal gedreht. Dort gibt es eine andere Drogenpolitik. Der Besitz von LSD für den persönlichen Konsum ist nicht unter Strafe gestellt.

BZ: Und was hat Jenke von Wilmsdorff noch genommen?
Auwärter: Bei einem Partywochenende in Köln hat er eine Droge genommen, die ähnlich wirkt wie Ecstasy. Es handelte sich um einen Ersatzstoff, der unter den Begriff "Legal Highs" fällt. Das sind Substanzen, die im Internet erhältlich und in Deutschland nicht verboten sind. Die Bundesregierung arbeitet grade an einem Gesetzesentwurf, der zwei Gruppen von Substanzen – synthetische Cannabinoide und Stimulanzien vom Phenethylamin-Typ, verbieten soll. Aber bisher ist das noch legal.
"Das Gefährdungspotenzial besteht darin, dass Angstgefühle aufkommen, in Panik umschlagen und dann Unfälle passieren." Volker Auwärter
BZ: Welche Auswirkungen hatten die Drogen?
Auwärter: Bei der Einnahme von LSD hatte der von Wilmsdorff über lange Phasen ein positives Erlebnis. Er hat beim Musikhören eine besondere Tiefe gespürt und viele interessante Gedanken geäußert. Das ähnelte teilweise einem mythischen Erleben. An zwei Stellen hat er negative Erfahrungen gemacht. Einmal bekam er einen Anflug von Paranoia und dachte, er könne uns nicht trauen. Ein anderes Mal hat er in einem Begleiter seinen Sohn erkannt. Das hat ihn stark bewegt. Über die Gesprächsebene konnten wir das aber aufklären und die Situation stabilisieren. Das ist ganz typisch für LSD. Das Realitätsgefüge beginnt sich aufzulösen und die Menschen reagieren unterschiedlich. Einige lachen, andere werden philosophisch. Es kann ein bereicherndes Erlebnis sein, das auch therapeutisch genutzt werden kann – kürzlich publizierte Forschungsarbeiten belegen das. Es können sich aber auch Abgründe auftun. Das Gefährdungspotenzial besteht darin, dass Angstgefühle aufkommen, in Panik umschlagen und dann Unfälle passieren. Deswegen haben wir ihn begleitet.

BZ: Wie war die Einnahme der Partydroge?
Auwärter: Zuerst war das auch ein positives Erleben. Zusammen mit erfahreneren Konsumenten illegaler Drogen ist er in unter anderem in einen Techno-Club gegangen. Die Musik dort hat ihn mitgenommen, er bewegte sich viel und er war sehr kommunikativ. Allerdings hat er es dann übertrieben und zwei Tage und zwei Nächte durchgemacht. Das machen sonst nur Hardcore-Konsumenten. Am Ende war er extrem erschöpft. Einmal von der körperlichen Strapaze. Aber auch geistig, weil das Gehirn Ruhepausen braucht. Er hat mir gesagt, dass er einige Wochen benötigt hat, um sich davon vollständig zu erholen. Die Glücksgefühle vom Wochenende werden häufig mit gedrückter Stimmung in den Folgetagen bezahlt.

BZ: Sie waren die ganze Zeit über dabei?
Auwärter: Bei dem Partywochenende war ich die ganze Zeit dabei und hab Prozesse erklärt und Hintergrundinfos gegeben. Aber ich habe natürlich zwischendurch geschlafen. Für die medizinische Überwachung war ein Rettungssanitäter anwesend. Es hätte durchaus zu Problemen mit Herz und Kreislauf kommen können. Dann waren wir noch beim Frühlingsfest in München. Dort hat von Wilmsdorff K.o.-Tropfen in Form eines als "Legal High" vertriebenen Benzodiazepins eingenommen, natürlich freiwillig. Das fällt zwar eigentlich nicht in den Bereich der Freizeit-Drogen, doch er wollte auch diese Erfahrung machen. Durch die K.o.-Tropfen wurde die Alkoholwirkung extrem verstärkt. Er war enthemmt, nicht mehr sicher auf den Beinen und konnte sich am nächsten Tag an nichts mehr erinnern. Sein Team hat ihm aus Spaß sein Handy geklaut. Davon hat er nichts mitbekommen.

BZ: Warum hat sich von Wilmsdorff an Sie gewendet?
Auwärter: Er hat vor einiger Zeit schon einmal ein Experiment mit Cannabis gemacht. Dabei habe ich ihn beraten. Wir befassen uns in der Toxikologie sehr intensiv mit dem Bereich neuer Drogen, in den auch die "Legal Highs" fallen. Beim aktuellen Beitrag habe ich Hintergrundinformationen geliefert und einige der Drogen auf die tatsächlichen Inhaltsstoffe analysiert. Wenn man ohne Fachwissen und Testmöglichkeiten im Internet bestellt, kann das schnell sehr gefährlich werden.

"Ich finde es ehrlicher, offen über die Wirkung und die Risiken von Drogen zu sprechen." Volker Auwärter
BZ: Warum haben Sie an dem Experiment teilgenommen?
Auwärter: Im Gespräch wurde schnell klar, dass es in dem Beitrag nicht um Effekthascherei gehen soll, sondern in realistischer Weise sowohl die positiven Effekte als auch die Risiken von Drogenkonsum dargestellt werden sollen. Nur so ist gute Präventionsarbeit möglich. Bisher wird bei der Prävention viel mit Repressionsdrohung und Bildern, die abschrecken sollen, gearbeitet. Doch gerade bei den besonders gefährdeten risikobereiten Jugendlichen funktioniert das nicht. Das weckt bei dieser Gruppe eher Interesse. Ich finde es ehrlicher, offen über die Wirkung und die Risiken von Drogen zu sprechen. Eine differenzierte Wahrnehmung ist wichtig. Es gibt aktuell verbotene Drogen mit relativ geringem Risikopotential, während Alkohol durchaus zu den Drogen in der oberen Gefährdungsklasse gehört, aber völlig akzeptiert ist. Drogenabhängige werden oft in erster Linie als Kriminelle wahrgenommen, nicht als Kranke. Ich würde mir eine ehrliche Diskussion über die Drogenpolitik in Deutschland wünschen und hoffe, dass das Experiment hierzu einen Anstoß gibt.

BZ: Was könnte man besser machen?
Auwärter: Aus einer Gesundheitsperspektive muss es darum gehen, die durch Drogen verursachten Schäden so weit wie möglich zu begrenzen. Dass Jugendliche Drogen ausprobieren, wird man durch repressive Maßnahmen nicht ändern können. Wichtig ist, dass diejenigen, die trotz Verbot Konsumerfahrungen machen, aufgeklärt sind und ihr Risiko managen können. So sollte es z. B. auch in Deutschland endlich die Möglichkeit für "Drug Checking" geben. In der Schweiz, Österreich und den Niederlanden kann jeder Konsument seine Drogen untersuchen lassen, wobei dazu immer ein Beratungsgespräch durch Fachleute gehört. So kann zu einem frühen Zeitpunkt Kontakt zu Konsumenten hergestellt werden und nicht erst, wenn massive Probleme auftreten. Außerdem kann vor zu hohen Dosierungen gewarnt werden – und das kann Leben retten.
Volker Auwärter ist Leiter der forensischen Toxikologie an am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Freiburg, 46 Jahre alt und wohnt in Freiburg.

Info

Die Sendung "Das Jenke-Experiment" wird heute Abend, 5. September, ab 21.15 Uhr bei RTL ausgestrahlt.

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