Raus aus der Schublade: Eine Zeitschrift nur für Hausarbeiten

Martin Jost

Hausarbeiten an der Uni interessieren niemand - außer den Prof, der so tut, als ob er sie gelesen hat. Dabei arbeitet man wochenlang an ihnen, gibt für sie sein Herzblut her und freut sich, wenn am Ende das Deckblatt aus dem Drucker kommt. Eine Studi-Zeitschrift aus Berlin will das jetzt endlich würdigen und spannende Hausarbeiten vor dem Schubladentod retten. Ihr Name: Anwesenheitsnotiz.



Eine Handvoll Studenten der Freien Universität Berlin (FU) wollte zumindest ihre „Sahnestücke“ nicht nur für eine Schublade im Uni-Archiv geschrieben haben. Im Oktober 2009 gründeten sie die Zeitschrift „Anwesenheitsnotiz“, in der sich Hausarbeiten „vom Schubladenmedium zu einem wissenschaftlichen Aufsatz“ wandeln.


Studenten der Geistes- und Kulturwissenschaften aus dem ganzen deutschsprachigen Raum können jederzeit ihre vorzeigbarsten Seminararbeiten an das Lektorat schicken. Die Redaktion meldet sich bei den Autoren zurück, und passt der Text ins Heft, befreit man ihn gemeinsam von zu gezwungenen Seminarbezügen. Auch ein wissenschaftlicher Beirat aus FU-Dozenten liest die Texte und korrigiert mögliche Faktenfehler.

Seinen Lesern bietet „Anwesenheitsnotiz“ eine Chance, über den Tellerrand des eigenen Fachs zu schauen. Was machen die da eigentlich, in Musikwissenschaft, Literatur oder Philosophie? Christoph Hümmer zum Beispiel deutet Lars von Triers „Ring der Nibelungen“-Inszenierung, Dominik Wurnig spürt den „kulturellen Konstruktionen“ Deutschlands und Frankreichs in einer Arte-Sendung nach und Moritz Schumm interpretiert Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“.

Innen ist das Heft für gute Lesbarkeit gestaltet: Klassische Typographie, stabile, aber anschmiegsame Serifenschrift und großer Zeilendurchschuss. Äußerlich ist es schlicht und seriös gehalten: Einfarbiger Umschlag in gedeckten Farben, auf dem wie in Tag-Wolken einige Schlagworte der Ausgabe zu lesen sind. „Anwesenheitsnotiz“ wird gratis verteilt - an vielen Unis in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch die dortigen Fachschaften.

Die Druckkosten für zunächst fünf Ausgaben à 600 Stück hat die Ernst-Reuter-Gesellschaft, die Alumni-Vereinigung der FU, übernommen.

Mitte Mai erscheint das Sommersemester-Heft; die Texte für diese Ausgabe stehen schon fest und werden in den Ferien lektoriert. Aus Freiburg gab es übrigens noch keine Einsendungen. Wird wohl nicht daran liegen, dass hier kein Herzblut in Hausarbeiten flösse. Auch freiwillige Verteiler an der hiesigen Uni oder den Hochschulen können sich bei „Anwesenheitsnotiz“ melden.  

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