Raus aus den Schulden: Wie die Jugendberatung einem jungen Schuldner geholfen hat

Anja Bochtler

Kürzlich bot die Postbank Timo L. einen Dispokredit für sein Girokonto an.Timo lehnte entsetzt ab. Sein Konto überziehen? Nie mehr. Er hat genug davon, mehr Geld auszugeben, als er hat. Timo ist 26 Jahre alt und hat Schulden. Es waren mal einige Tausend Euro, doch die Summe schrumpft. Denn er gibt jeden Monat 80 Euro von seinem kleinen Ausbildungsgehalt bei der Jugendberatung ab, wo er an einem Schuldentilgungsprogramm teilnimmt.



Wie konnte es dazu kommen? Timo L. (Name von der Redaktion geändert) redet nicht lang drum herum und sagt: „Ich bin ungeheuer blauäugig gewesen.“ In seiner Familie hatte ihm nie jemand vermittelt, wie man mit Geld umgeht, die meiste Zeit seiner Jugend verbrachte er in Heimen. 2008 fing er eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner an, plötzlich kam regelmäßig Geld auf sein Konto. Ein tolles Gefühl. Er begann, immer mehr Geld auszugeben. Einfach so, ohne groß herumzurechnen. Er schloss Verträge ab, für sein Handy und bei einem Fitnessstudio. Dann schmiss er seine Ausbildung, das hat er seitdem unzählige Male bereut. Jetzt kam kein Geld mehr auf sein Konto.


Er rief bei dem Handyunternehmen und dem Fitnessstudio an, erklärte, dass er arbeitslos geworden war. Er bat darum, aus den Verträgen aussteigen zu dürfen. Das nutzte nichts. In dieser Zeit manövrierte sich Timo L. immer weiter in neue Probleme hinein: Als ihm ein Freund einen anderen Handyvertrag und ein neues Fitnessstudio empfahl, schloss er auch da Verträge ab. Der Freund versprach, alle Kosten zu übernehmen – und hielt sich nicht dran.

Auch aus den neuen Verträgen kam Timo L. nicht mehr ’raus, niemanden interessierte es, dass er keinen Job mehr hatte, alle wollten bloß Geld von ihm. An ein paar Wochenenden, als es ihm richtig schlecht ging und ihm alles egal war, telefonierte er unentwegt übers Handy. Die Rechnungen wuchsen in astronomische Höhen.

Ganz klar: Timo L. war alles über den Kopf gewachsen. Was tun? Er entschied sich damals dafür, alles zu ignorieren. Hatte die naive Hoffnung, dass die anderen die unbezahlten Rechnungen vergessen würden. Als er das erzählt, kommt Timo L. ins Stocken und sagt: „Es ist immer noch schwer, darüber zu reden.“ Er schämt sich, dabei hat er längst wieder Kontrolle über seine Situation gewonnen. Doch für den Anstoß brauchte er einen Schock. Der kam, nachdem er viele Monate auf keine Mahnung in irgendeiner Form reagiert hatte, in Form einer Verpflichtung zu einer eidesstattlichen Versicherung beim Amtsgericht. Timo L. bekam Angst davor, was ihm drohen könnte, wenn er mit seiner Taktik, alles zu ignorieren, immer weitermachen würde. Als er dann bei der Jugendberatung Hilfe suchte, hatte er erst „ein ungeheuer mieses Gefühl“. Alles war so peinlich.

Doch es lief unproblematisch, er spürte: „Hier lacht mich niemand aus, hier muss sich niemand schämen.“ Darum, sagt Timo L., ist es ungeheuer wichtig, dass es solche Stellen wie die Jugendberatung oder die Schuldnerberatungsstellen gibt. Und es ist wichtig, dass Leute, die Schulden haben, verstehen, dass die Scham nichts bringt – dass es aber sehr viel bringt, die Probleme anzupacken, statt sie immer größer werden zu lassen.

Bei der Jugendberatung hat Timo L. einen Sozialarbeiter als Ansprechpartner, dem er vertraut. Inzwischen macht  er eine neue Ausbildung zum Landschaftsgärtner, jeden Monat wird sein Schuldenberg ein Stück kleiner. Jeden Monat macht er innerlich „einen kleinen Hopser“ vor Erleichterung. Und ganz klar ist ihm eines: „Jetzt unterschreibe ich keine Verträge mehr. Außer wenn es Arbeitsverträge sind.“

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[Fotos: Thomas Kunz, BZ; Dieser Text erscheint heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung.]