Raucher contra Nichtraucher - eine Typologie

Johanna Schoener

Nichtraucherschutz auf dem Vormarsch: Im kommenden Frühjahr werden die Raucher vielleicht aus den Gaststätten vertrieben, in die letzten Winkel von Bahnsteigen und aus öffentlichen Gebäuden wurden sie bereits verdrängt. Allen Carrs Bücher über die Leichtigkeit des Nichtrauchens sind dauerbrennende Kassenschlager. Vielleicht erwirkt der weltweit prominenteste Nichtraucherprophet tragischer Weise den nachhaltigsten Eindruck dadurch, dass er vor kurzem trotz jahrelangem Rauchstopp an Lungenkrebs erkrankte (siehe Spiegel online) . Das sollte uns doch alle animieren, das Rauchen lieber heute als morgen aufzugeben und endgültig die deutschlandweite Nichtraucherzone auszurufen. Bevor die Unterscheidung in Nichtraucher und Raucher keine Bedeutung mehr hat, noch eine Typologie.

Der militante NichtraucherEr hat nach eigenen Aussagen nur einmal als Jugendlicher an einer Zigarette gezogen und fand es ekelhaft (sein Glück!). Wenn sich Rauschschwaden in seine Richtung bewegen, lösen sie sogleich heftiges Wedeln und einen angewiderten Gesichtsausdruck aus. Bei diesem Zeitgenossen hat man als Raucher keine Chance, denn Raucher sind für ihn in jeder Hinsicht verachtenswert. Will man mit ihm ausgehen, bleibt eigentlich nur Kino, ansonsten sind Konflikte vorprogrammiert. Er gehört zu denen, die Raucher an der Bushaltestelle wegen ihrer Rücksichtslosigkeit anpflaumen.Der militante Ex-RaucherIst manchmal noch schlimmer als der militante Nichtraucher, denn er hat die Hürde hin zum gesunden Leben zwar schon genommen, aber sich seinen früheren Lebenswandel scheinbar immer noch nicht verziehen (oder würde er sich manchmal doch gern wieder eine anstecken?). Er erträgt kaum den Anblick einer qualmenden Person. Wenn ihr mich fragt, alles Projektion! Er überträgt seine Selbstverachtung aus früheren Rauchzeiten auf sein Umfeld. Echt anstrengend, der Typ!Der Sucht-KrüppelHat schon vor langer Zeit vor der Sucht kapituliert. Manchmal erzählt er von seinen ersten Raucherfahrungen und seine Augen beginnen zu leuchten, wenn er sich an den Geschmack der ersten Zigarette nach Geheimnis und Verbotenem erinnert. Ob ihm Zigaretten schmecken, ist für ihn heute allenfalls noch eine rhetorische Frage, die er sich ebenso wenig wie die Frage nach dem Aufhören stellt. Der Gefahr des Scheiterns möchte er sich nicht aussetzen und raucht aus Angst davor lieber weiter. Der GelegenheitsraucherWird von vielen Rauchern und Ex-Rauchern beneidet, weil er nicht so suchtanfällig ist wie sie selbst. Aber hey, er ist ein Opportunist, denn er macht sein Rauchverhalten ausschließlich von Anderen abhängig. Stehen bei der Party die interessanteren Besucher rauchend auf’m Balkon, ist die Schachtel, die er sich vor vier Wochen gekauft hatte, ganz schnell leer. Hält die attraktivste Frau der Party ein Referat über die Gefahren des Rauchens, sitzt er mit zustimmendem Kopfnicken neben ihr auf dem Sofa. Da sind mir ehrliche Kettenraucher lieber.Der Nur-in-besonderen-Situationen-RaucherOk, der hat’s vielleicht wirklich drauf. Er bezeichnet sich selbst als absoluten Genussraucher, ganz selten überkommt ihn die Lust und er kann ihr nachgeben, ohne auf die schiefe Abhängigkeitsbahn zu geraten. Andererseits: Was bedeutet das, das er ausgerechnet in besonderen Situationen rauchen muss? Wieso braucht er ausgerechnet nach dem besten Sex seines Lebens eine Ladung Nikotin? Versteh ich nicht.

Der “Ich-rauche-gern”-Zitierer Er raucht eigentlich schon immer und man kann sich an keinen Aufhörversuch von ihm erinnern, weil er (angeblich) gern raucht und es gar nicht lassen will. Gern zählt er auch alle bedeutenden Künstler auf, die stets von einer Rauchwolke umgeben gewesen sind oder er zitiert Songs, in denen das Rauchen zu etwas Meditativem stilisiert wird oder er verweist auf die Schlüsselstellen in seinen Lieblingsfilmen, in denen die Zigarette “ein ganz wichtiges Motiv darstellt”. Wenn er raucht, kriegt er so einen antrainierten nachdenklichen melancholisch-unnahbaren Blick. Der Mit-schlechtem-Gewissen-WeiterraucherGanz anders dieser Typ. Er ist echt zu bemitleiden und es gibt verdammt viele von ihm. Tatsache, er ist süchtig, aber eigentlich würde er das Rauchen lieber heute als morgen lassen. Bei jeder Zigarette schießen ihm Bilder von Raucherlungen oder ?beinen in die Augen. Er kann sich kaum mehr entspannen, wo immer er auch den Stengel ansteckt, denn er fühlt sich bei jedem Zug als Belästigung für seine Umwelt. Die Ausgaben für sein Laster steigen stetig durch die wachsende Anzahl an Kaugummis, die er tagtäglich konsumiert. Für ihn gilt aufhören, sofort!Der Raucher aus CoolnessHeute ein Exemplar mit Seltenheitswert, denn Rauchen ist meist nicht mehr cool. Aber es gibt ihn noch, diesen bemitleidenswerten Zeitgenossen, der ehemals tatsächlich nur aus Gruppenzwang angefangen hat. Tragisch ist, dass er von der Kippe nicht mehr losgekommen ist, während seine Kumpels, die er früher mittels gekonnter Fingerübungen beim Tabakdrehen beeindrucken wollte, inzwischen längst den Absprung geschafft haben. Der notorische AufhörerMacht sich im zwei-Wochen-Takt lächerlich bei all seinen Freunden und Bekannten. Denn spätestens dann startet er seinen diesmal “echt ernst gemeinten” Aufhörversuch. Er wird von allen belächelt und das Schlimmste ist, dass er noch nicht einmal merkt, wie er sich jedes Mal auf’s Neue in die eigene Tasche lügt. Der tolerante NichtraucherUnumwunden gebe ich zu: Das sind die Besten! Sie haben selbst nie geraucht. Sie haben kein Problem damit, wenn man sie in der Kneipe zuquarzt (tun zumindest so) und man darf sogar in ihrer Wohnung in der Küche rauchen. Sie wirken als Einzige wirklich im Reinen mit der Welt und sich, zumindest was das Rauchen anbelangt. Eigentlich möchten alle anderen Typen so sein wie sie.