Rapport von Nord: SC Freiburg gegen VfL Wolfsburg

Marius Buhl

So traurig: Der SC Freiburg hat gestern mit 0:3 gegen Wolfsburg verloren. Der Rapporter bekam ob dieses melancholischen Saisontiefpunkts einen intellektuellen Höhenflug. Was die Heimspielniederlage mit aristotelischem Theater gemeinsam hat:



Ich stehe auf Nord und friere, als mir plötzlich hochtrabende Gedanken in den Sinn kommen: Das SC-Spiel gegen Wolfsburg könnte ein Stück aristotelischen Theaters sein, klassifiziert als Tragödie. 90 Minuten Melancholie, Untergangsstimmung, Konflikte, am Ende ein Tränenmeer.


In den Hauptrollen: eine desolate Verteidigung, die Streitereien der Fans auf Nord, vergebene Chancen und, wie so oft im Kampf gegen diesen Mistkerl Abstieg, der Schiedsrichter. Alles in allem: 5 Akte des Grauens.

1. Akt: Die Exposition

Die Ausgangslage ist gut, Hoffnung keimt auf in Südbaden. Ein Sieg gegen Liberec, ein sehr gutes Spiel gegen Leverkusen, der Schimmer am Horizont ist grün. „Der SCF ist wieder da“, hat selbst der grummelige Rapporter nach dem DFB-Pokal Achtelfinale festgestellt. Doch oh weh: ein Konflikt zeichnet sich ab, in dieser gerade wieder heilenden Welt.

Hauptbeteiligter ist Fallou Diagne. Jener SC-Verteidiger, der sonst mit Boubacar-Diarra-Stoik Stürmer zur Weißglut bringt, steht heute völlig neben sich. Nach acht Minuten schaut Diagne zum Ball, schaut, schaut, schaut. Und merkt eines nicht, nämlich, dass Gegenspieler Maximilian Arnold längst frei vor dem Tor steht, Diagne mehrere Meter entfernt. Der Ball landet bei Arnold; 0:1.



Ist das ein Déjà-vu, verdammt? Wieso können SC-Spieler nicht von Anfang an konzentriert sein?

2. Akt: Steigende Handlung mit erregendem Moment

Der zweite Akt ist in der Dramentheorie ein Akt mehrerer Handlungen, die allesamt das Geschehen in eine bestimmte Richtung lenken – in der Tragödie zum Schlechten hin. Kaum drei Minuten nach dem ersten Schock folgte der zweite: Ballverlust Diagne an der Eckfahne, ein bisschen Wolfsburger Tralala im Strafraum – 0:2 durch Ivica Olic.

Danach allerhand Handlungen, die das Ganze noch schlimmer machten: Ein reguläres SC-Tor wird aberkannt, die Ultras schweigen wegen der Klatschpappen, die anderen Fans singen „Kindergarten, Kindergarten“ wegen der Ultras, viele rufen „Ultras raus“.



Kurz: Das unkonzentrierte, vom Pech noch bestrafte SC-Spiel sorgt für Unruhe, alte Gräben werden neu gezogen, manch ein „Fan“ gewährt dem inneren Schweinehund freien Auslauf und zeigt mit Stinkefinger und Hasstiraden, dass er nicht weiß, was Fan-Sein bedeutet. Zur Mannschaft halten, hoffen, auf bessere Tage warten, treu sein. Wenn nicht wir zum SC halten, wer denn dann?

3. Akt: Hoch- und Wendepunkt (Klimax und Peripetie)

Es erscheint komisch, aber der vermeintliche Wendepunkt im Spiel war die vielleicht schlechteste Nachricht: Francis Coquelin verletzt sich böse, muss mit der Trage abtransportiert werden. Auf den Rängen auf einmal wieder eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl, alle klatschen für Coquelin. Die Nord stimmt an: „Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los.“ Fast.



Matthias Ginter hätte es retten können, er hatte es auf dem Fuß: den Anschlusstreffer, die Einheit im Fanblock, die bedingungslose Unterstützung, das Ergebnis. Es war die 69. Minute im Spiel, und die Fans jubelten schon, doch Ginter brachte es fertig, völlig freistehend und aus nur einem Meter Torentfernung den Ball noch über das Tor zu schießen. Es hätte die Wende sein können – spätestens jetzt war aber klar, in welche Richtung dieses Spiel laufen wird. Oder?

4. Akt: Fallende Handlung mit retardierendem Moment

In der Tragödie ist die Hauptperson nun meist auf dem Weg ins Verderben, nichts scheint mehr möglich. Doch dann, ganz kurz, flammt noch einmal Hoffnung auf, alles könne sich doch noch zum Guten wenden – das retardierende Moment. Beim SC-Spiel schlüpfte Sebastian Kerk gestern in die Rolle des späten Retters. Zwei-, dreimal hatte er gute Chancen, den Sportclub noch einmal heranzubringen – und vergab ein ums andere Mal.

Das war aber auch klar, denn nur so führt sich die Tragödie fort mit dem letzten Akt.



5. Akt: Die Katastrophe

90. Minute. Das 0:3 durch Marcel Schäfer, der Deckel auf den Topf. Jetzt ist die Niederlage besiegelt. Die Fans sind traurig, die Mannschaft auch. Was macht da noch Hoffnung? Vielleicht, dass es nur ein Spiel ist und dass das nächste schon ansteht. Mit einem Sieg gegen Sevilla am Donnerstag könnte man die Stimmung nachträglich kippen und alles zum Guten wenden - dann würde aus der Tragödie noch eine Komödie.