Rapport von Nord: Der SC Freiburg fertigt Schalke 04 ab

Clemens Geißler

"Der SCF ist wieder da". Mit 2:0 besiegte der Sportclub die Schalker Millionentruppe. Der erste Heimsieg, ein wunderschönes Spiel - und noch dazu gegen die Mannschaft, die uns unseren Christian Streich wegkaufen wollte. "Oh, wie ist das schön!":

Vor dem Spiel…

ist es noch immer Klein gegen Groß, ist es Klassenkampf gegen internationale Ansprüche, sind es 8.000 gegen 130.000 Mitglieder. Perlendes Rothaus gegen schales Veltins, Rot gegen Blau, Solardach gegen Gazprom. Ehrensache also, dass beim nachhaltigen Sportclub am heiteren Tag die Flutlichter mit der Sonne um die Wette strahlen. Zum Anpfiff grüßt Professor Röntgen.



Vor zwei Jahren war ebendiese Paarung ein Endspiel um den Einzug in die Championsleague. Eingezogen ist damals Schalke, ausgezogen sind seitdem viele, die Kruses, die Rosenthals, die Baumanns, Ginters und Caligiuris, aber auch die Stevens' und die Kellers. Und natürlich "Hotte" Heldt, umtriebiger und stets etwas schmallippiger Manager des Revierklubs, welcher unseren Christian Streich in einem Baden-Badener Luxushotel mit Millionen und Abermillionen in den Kohlenpott lotsen wollte. Der Freiburger Kulttrainer blieb standhaft. Hat er es nun verdient, bis kurz vor 15:30 mit Queens "We will rock you" beschallt zu werden?

Das Spiel

Ohne Ohren-, vor allem aber auch ohne Fracksausen gelingt heute ein hochverdienter Heimsieg. 19-11 Torschüsse, eine Vielzahl klarer Möglichkeiten, das flüssigere Kombinationsspiel und eine sichere Abwehr dürfen die Einheimischen für sich verbuchen. Es ist der dritte Pflichtspielsieg in Folge und einer mit vielen Lichtblicken. Zu diesen gehören ein Mehmedi wie aus Zeiten der Vorväter, ein Johnny Schmid, der seine Torgefährlichkeit wiedergefunden hat - und das erste Bundesligator von Christian Günter.

Die Knappen enttäuschen zwar nicht vollends, aber weitgehend. Ein Mal Huntelaar, ein Mal Choupo-Moting und ein Standard ist alles, was sie im Freiburger Strafraum zu Wege bringen. Obwohl sie am Ende bei 61% Ballbesitz sind, hat man nie das Gefühl, dass sie das Spiel auch kontrollieren. So sinken die vielen königsblauen Farbtupfer auf der Gegengerade immer tiefer in ihre Sitze und möchten sich noch nicht einmal mehr über die unzähligen Pässe ihrer Mannen mokieren, die im Seitenaus, im Rücken des Mitspielers oder im Niemandsland auskullern.



Taktisch knüpft der Sportclub an das Gastspiel in Köln an. Tief stehen, dem Gegner die Außenbahnen überlassen, das Zentrum dicht machen. Wenn der Ball im Bereich der Schalker Sechser ist, wird draufgeschoben und sofort der eigene Angriff eingeleitet. Das gelingt nach fünf Minuten schon mal recht ordentlich, Freis aber scheitert aussichtsreich an Fährmann.

Der König des Platzes

Noch besser macht es bald darauf Christian Günter. Der dynamische Tennenbronner erobert den Ball von Sam und startet im Vollsprint 63 Meter in den gegnerischen Strafraum durch. Mit dem Rücken zum Tor verarbeitet er die Flanke von Freis – es steht 1-0 für den Sportclub. Ein Linksverteidiger in Mittelstürmermanier! Und endlich steht da auch mal jemand im gegnerischen Fünfmeterraum. Noch toller: Es ist Günters erstes Bundesligator. Damit öffnet Günter, der überdies die meisten Ballkontakte aller SC-Akteure hat, die Dose für ein Freudenfest bei Jung und Alt.

Die 68. Minute

Das 2-0 in dieser Phase ist wichtig. Erstens, weil ein Tor immer wichtig ist und zweitens, weil der Sportclub davor einige gute Gelegenheiten leichtfertig verschlampert. Günter, Schmid an die Latte, Darida aus Reihe zwei, alles schön und gut, aber alles nicht fürs Tableau. Und nicht erst seit Wontis Sparschwein wissen wir: Wer sie vorn nicht macht, kriegt sie hinten. Deswegen Danke, Dennis (Du bist ein Freiburger!), für die doppelte Kopfballvorlage und immer wieder Danke, Johnny, für diesen Hammer in den Winkel. 2-0!

Die Fans ...

... aus Freiburg-Nord zeigen sich anfangs noch etwas ungeduldig, aber immerhin nicht überkritisch. Nach der Führung tauen sie auf und reißen das Stadion zu mehreren Steh-Ovationen mit. In dieser Phase wartet das Team dann auch mit einigen Kabinettstückchen auf. Zwischendurch wird ohne Zusammenhang gegen einen Brausehersteller gewettert, auch das "Oh, wie ist das schön" war vielleicht noch zu hellstimmig. Aber in der Tat: "Der SCF ist wieder da".

Während über das ganze Stadion verteilt eher verhaltene Gästefans sitzen, dreht die Ruhrpottsippe im Gästeblock völlig ab. Dauerhüpfen, Hin- und Herwogen, Grölen, Singen. Kriegen die vom Spiel eigentlich gar nichts mit? Surrealer Siedepunkt nach dem Spiel: Etliche Oben-Ohne-Supporters auf dem Zaun heizen die Gästekulisse zu frenetischen Choreos an, die an den Gewinn der ersten Meisterschaft seit 58 erinnern. Selbst die eigenen Spieler wirken ratlos.  

Fazit



Nein, hier hat keiner den Kittel zu heiß gewaschen. Es gibt auch einen anderen Verein, der im nächsten Jahr sein 111-Jähriges feiert. Gern auch wieder in der Bundesliga. Denn nach einem ordentlichen Start mit wenigen Punkten, einer weniger ordentlichen Fortsetzung mit gar keinen Punkten sind wir nun – nach einer taktischen Neuausrichtung - wohl in der Phase echt ordentlicher Leistungen mit ordentlich viel Punkten. Bei Schalke ist nach zwei Niederlagen in Folge vielleicht bald schon wieder di Matteo fällig. Gut, dass der Rapporter SC-Fan ist.

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