Rapport von Nord: Der SC Freiburg beschenkt Hannover 96 reichlich

Clemens Geißler

Als der Sportclub in der 81. Minute das 2:0 schoss, war alles super - nach Abpfiff dann alles wie immer. Der Entstand: unentschieden, unser Autor: verzweifelt. Er flüchtet sich in den Konjunktiv und stellt fest: Freiburg könnte Dritter sein...



Der Sportclub geht als Tabellenletzter in die Winterpause und das, obwohl man an der Dreisam schon viel, viel schlechtere Vorrunden mitanschauen musste. Betätigen wir uns also - die Realität ist einfach zu bitter - als Träumer und lassen den guten alten Konjunktiv mal wieder zu Wort kommen:


Wenn der Sportclub nicht fünf Mal in den letzten Minuten ein Gegentor bekommen und zugleich bei weiteren zwei torlosen Remis nicht noch den Elfmeter verschossen hätte, dann - ja, dann - hätte er jetzt 14 Punkte mehr und wäre damit Dritter (!).

Unter diesen Umständen könnten wir Woche für Woche frenetisch unsere Jungs bejubeln, wir könnten Witze über andere Teams machen, denen wir es auch schon mal ordentlich eingeschenkt haben und wir könnten gar halb im Ernst durch Europas Ligen schielen, um die kommenden Gegner in der Champions-League herbeizuwünschen. In Minute 85 hätten wir ganz laut und nicht bloß schüchtern singen können: "Ihr seid besser als der BVB!" und obendrein Leverkusen, Schalke und Gladbach hinter uns gelassen.

Alle würden dem Team von Christian Streich eine gute Entwicklung attestieren und die Einzelkritik wie folgt lauten:
  • Bürki - ein rundum sicherer Rückhalt, der Baumanns Weggang vergessen machte
  • eine stabile Defensive mit einem druckvollen Günter (gegen Hannover Vorlagengeber) und einem hoffnungsvollen Marc-Oliver Kempf (diesmal Torschütze), außerdem mit einem Pavel Krmas, dessen Knochen sich wohl inzwischen so anhören wie sein Nachname, der aber gleichwohl krampfgeschüttelt bis zum Schluss der Turm in der Schlacht ist
  • im Mittelfeld Strippenzieher Darida, auch gegen die Niedersachsen omnipräsent, und vorn trifft immer irgendeiner, sei es der weitgehend wiedererstarkte Mehmedi, der noch etwas wechselhafte Schmid, der erstaunlich abgebrühte Mike Frantz oder zur Not auch Freisens Sebastian
Nach dem Abpfiff wäre es nicht totenstill gewesen im Stadion, niemand wäre mit ausdrucksloser Miene auf seinem Platz verharrt, es hätten keine Heerscharen paralysierter Radfahrer den Dreisamradweg befahren, mit Tunnelblick unter dunklen Kapuzen, nichts mehr wahrnehmend, nur noch wie Lemminge dem Vordermann gleichgültig ins Schwarz nachfolgend.



Niemand hätte sich als Tier verkleiden müssen, um Spaß im Stadion zu haben. Keiner hätte sich fragen brauchen, warum der Dino mit dem Turnbeutel da ist ("Vielleicht kommt er vom Yoga"), ein Leopard mit der Flecktarnmütze ins Gefecht zieht, ein anderer - es soll wohl ein Bär sein - ziemlich viel Glühwein trinkt und dabei kaut, obwohl er nichts isst, und schließlich der ganze Zoo (mitsamt einer Banane) Mitte der zweiten Hälfte vom Freund und Helfer nach draußen geleitet wird. Tierschutz in Freiburg? Das war einmal!

Keiner hätte gelangweilt aufgestöhnt, weil in der Halbzeit Chris Rea anlässlich des Hohen Festes musikalisch nach Hause gefahren ist und niemand Beschwerde geführt, weil das Opus von "Wham" leider allzuoft auf "Last Christmas" reduziert wird. Warum die 96-Fans einige Male "HSV" sangen, wäre hingegen wohl auch so auf ewig Mysterium der Menschheit geblieben.

Wir hätten nicht trauern müssen um die verpassten Chancen (Frantz’ Pfostenschuss nach Blitzstart in Hälfte zwei, Mehmedis Lattenknaller bald darauf), nicht über die spielerisch überschaubare Darbietung (in der Summe zu viele hohe Bälle gegen Hannovers Hünen) und hätten Schiedsrichter Perl nicht beschimpfen brauchen, obwohl er bei drei, vier Szenen völlig indisponiert war.

Vielleicht wäre die Stimmung sogar so harmonisch gewesen, dass auf Nord keine Banner erschienen wären, die Ordnungsamt und Polizei mangelnde Verhältnismäßigkeit vorwerfen. Womöglich wären gar Einsatzleiter und Oberultra zum friedvollen Weihnachtsselfie im Tannenreisig zusammengekuschelt. Hätten Fans aller Tribünen sich die Hände gereicht. Hätten HoGeSa und Salafisten mit Pegida Lambada getanzt. Hätte Nordkorea…

Was immer passiert wäre, ist ziemlich sicher tausend Mal besser als das, was wir am Sonntag und in dieser Hinrunde anschauen mussten.

Der Weihnachtsbaum wird in Freiburg deswegen nicht brennen. Vermutlich wäre es auch das falsche Signal, jezt alles zu hinterfragen. Klar ist aber auch: Wenn die Akteure weiterhin in den entscheidenden Situationen eines Spiels diese einzigartige Mischung aus Pech, Unvermögen, Nervosität und mangelnder Cleverness an Tag legen, blasen sie sich selbst die Bundesligakerze schon sehr bald aus.

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[Fotos: Clemens]