Rapport von Haupt: SC Freiburg gegen Hertha BSC Berlin

SC-Rapporter

Gestern spielte der SC Freiburg gegen die Hertha aus Berlin. Ein Blick auf die Tabelle machte klar: So langsam muss mal endlich ein Sieg her! Warum daraus nichts wurde, hat unser SC-Rapporter von der Haupttribüne aus beobachtet - dort findet er's unaufgeregter und kuscheliger als auf Nord, meint er.



Vor dem Anpfiff

Mann, das könnte ein richtig geiler Tag werden: Kaiserwetter plus die Möglichkeit, Kaiserin Merkel vom Thron zu stoßen. Ich gehe in mein Wahlbüro in der Freiburger Innenstadt, mache meine zwei Kreuze, schau noch mal schnell zuhause vorbei, zisch mir 'n Bierchen rein und steige auf der Schwabentorbrücke in die Straßenbahn.

Schweizer mit SC-Freiburg-Mützen, eine Musikstudentin mit Geigenkasten auf dem Rücken, Franzosen, drei Herthaner. Und natürlich the usual Freiburg-Fans.

Das Stadion

Ein Hauch von BVB gegen SSC Napoli - nur ohne den BVB, den SSC Napoli, die Champions League und Bengalos. Nord und der Berliner Gästeblock machen richtig Stimmung, stimmen Wechselgesänge an, die sie von einem Ende der Arena zum anderen werfen - und wieder zurück. Monteverdis Mehrchörigkeit ist dagegen Pillepalle. Der Markusdom der Stunde heißt: Dreisamstadion.

Schön auch das gemütliche Publikum auf der Haupttribüne. Ich bin immer wieder gerne hier. Es geht unaufgeregter zu als auf Nord - wenngleich nicht unemotional -, man muss nicht die ganze Zeit stehen, was meinem lädierten Knie und meine Launigkeit zugute kommt, und es ist kuscheliger.

Rechts von mir zwei fesche Blondinen, die mich schlechte Witze, in den das Wort "Bälle" vorkommt, denken lassen; links von mir ein 70-jähriger Hanseat großen Stils, der wahrscheinlich jahrzehnte lang an einem humanistischen Gymnasium Latein und Griechisch unterrichtet hat; vor mir eine Gruppe gesetzter Herren, die natürlich keine Trikots oder Schals tragen, dafür aber kleine SC-Wappen an ihre Schiebermütze oder ans Revers angebracht haben - sie brabbeln fortwährend dialektal gefärbte Fußballkommentare in ihre Bärte; hinter mir der "Besserwisser" - so will ich ihn nennen -, der das ganze Spiel über abwechselnd den SC und die Hertha beschimpft, lautstark, am Ende dann aber eigentlich doch für die Heimmannschaft ist.

Irgendwer hat ziemlich starkes Aftershave aufgelegt. Es riecht so, als ob sich ein Berliner Freier aus dem Wedding in den B-Block verirrt hat. Die Oranienburger Straße ist anderswo! Scher dich zu deinen Miezen im Gästeblock!, möchte ich dem Unbekannten schon entgegenrufen.

Das Spiel

Es muss ein Sieg her. Endlich. Der SC muss in der Saison ankommen. Endlich. Darüber sind sich alle einig. Und die ersten 15 Minuten sieht's ganz so aus, als ob diese Forderung heute ihre Entsprechung findet. 6. Minute: Mehmedi macht das 1:0 für den Sportclub! Tor! Tor! Tor! Freude! Ja! Ja! Ja! Und ausgerechnet der Mann, der sich gegen Liberec diesen Wahnsinns-Schnitzer erlaubt hat! Jetzt nur so weiter, Jungs! Heute geht das klar! Heute reißt ihr's!



Aber der Berliner Skjelbred dämpft kurz vor der Halbzeitpause die Euphorie: 38. Minute kommt ein langer Einwurf irgendwie vors Tor, Kuddelmuddel, und der Ball ist drinnen. Scheiße.

Das Spiel wird nicht besser. Freiburg ist verunsichert, findet keine Anspielstationen, spielt immerzu hintenrum, ist unkonzentriert, spielt ungenau, spielt Fehlpässe. Business as usual in dieser Saison. Die Hertha ist heute zum Glück genauso mäßig drauf, schafft's nicht, daraus Profit zu ziehen.

Die 90. Minute

Gegen Ende dreht der SC noch mal richtig auf. Und in der 90. Minute geht ein Raunen durchs Stadion. Ein Raunen? Ach was: ein #aufschrei!

Fernandes spitzelt den Ball vorbei an Hertha-Torwart Kraft und trifft ... den linken Pfosten. Nein! Nein! Nein! Nein! Das kann doch nicht wahr sein! "Den muss die Pfeife doch reinmachen!", brüllt der Besserwisser hinter mir in Richtung Spielfeld. Die Altherrenrunde vor mir brabbelt engagiert irgendwas Unverständliches in ihre Bärte - ich nehme an "Jessesgott" oder ähnliches -, der Hanseat lächelt ironisch, rückt seine randlose Brille gerade und schüttelt ungläubig seinen Kopf.

König des Platzes

Der Hanseat. Stilvoller kann man ein Spiel nicht verfolgen. Weiter so, Herr Professore, auf dass Sie noch viele Partien im Dreisam-Stadion erleben!

Fazit

Ein Hertha-Fan in voller Montur fasst das Spiel zusammen: "Mensch, Freiburg is' so varunsichat, und wir Doofköppe nutzen ditt nich' aus!"



Wieder zuhause treffe ich im Hausflur meinen Vermieter. "Waren Sie auch im Stadion?" - "Ja. Eine Katastrophe. Wissen Sie, wie oft Freiburg zum Baumann zurückgespielt hat?" - "Keine Ahnung." - "Ich hab mitgezählt: Über 50 Mal." - "Über 50 Mal?" - "Ja. Über 50 Mal."

Hm. Man kann dem Sportclub nicht vorwerfen, dass er nicht kämpft. Er ist voll dabei und wirft sich mit voller Wucht in die Spiele. Aber durch seine Unsicherheit, Ungenauigkeit und Unkonzentriertheit ist er das, was die letzten Ergebnisse zeigen: eine Remis-Mannschaft. Dass ihnen dann auch noch das Quäntchen Glück fehlt, um zu gewinnen, lässt das Drama ins Tragische kippen.

Mehr dazu:

Badische Zeitung: Remis im Heimspiel: Freiburg und Hertha trennen sich 1:1