Rapport aus Liberec: FC Slovan Liberec vs. SC Freiburg

Berti 'piercer' Vogts

Puh! fudders Rapporter musste sich am Freitag erstmal von diesem Spiel erholen. Okay, zugegeben, nicht nur vom famosen 1:2, mit dem der SC sein Schicksal in der UEFA Euro League wieder in die eigenen Hände genommen hat, sondern auch von der anstrengen Tour mit dem Bus der Fangemeinschaft in die tschechische Provinz. Wie's war:



Die Hinreise

Vor den Anpfiff zu einem Auswärtsspiel hat der Fussballgott die Reise zum Austragungsort gesetzt. Und die beträgt von Freiburg nach Liberec ziemlich genau 800 Kilometer.

Das Team reist zusammen mit Trainern und Betreuern mit dem Flugzeug. Manche Fans fahren mit Zug oder Auto an, um noch ein paar Tage Ski zu fahren oder einen Abstecher nach Dresden oder Prag zu machen.

Ich entschliesse mich zu einer Fahrt in einem der von der Fangemeinschaft (FG) gecharterten Busse. Da ich nicht zum ersten Mal in einem Fanbus reise, bin ich mir des Riskos bewusst, eventuell zehn Stunden lang Fangesängen aus  alkoholgeschwängerten Kehlen kombiniert mit der CD 'Ballermann 13 - Die heissesten Mallorcahits' aus den Lautsprechern ausgesetzt zu sein.

Doch das Schicksal meint es gut mit mir. Ich steige am Mittwochabend um 22 Uhr in einen Bus, in dem eine bunt gemischte, aber äusserst nette und hilfsbereite Gruppe Fans sitzt. Man unterhält sich freundlich, lernt sich interessiert kennen. Als wir nach der Grenze unseren ersten tschechischen Cafe trinken, leiht man mir sofort 100 Kronen, da ich vergessen hatte, Geld zu wechseln. Überhaupt: Geld wechseln! Fast ein vergessenes Ritual im Eurozeitalter!

Am Donnerstagmorgen um 8 Uhr kommen wir nach einer recht unbequemen aber Mallorca-Hit-freien Nacht in Liberec an, elf Stunden vor Anpfiff. Mehr als genügend Zeit, sich mit den Sehenswürdigkeiten Liberecs und vor allem seinen Kneipen und dem kulturell wichtigen heimischen Bier zu beschäftigen.

Um es kurz zu machen: Liberec hat einen wunderschönen, kleinen Altstadtkern mit teilweise sehr alten, zerfallenen Häusern; in so ziemlich jeder Stadt Westeuropas wären sie begehrte Objekte für Hausbesetzer - und Spekulanten, logisch. Die Temperaturen sind an diesem Tag Gottseidank ein paar Grad milder als zu Hause, einzelne Polizeistreifen patrollieren entspannt durch die Stadt, es wirkt alles recht gemütlich.

 

Vor dem Spiel

Gegen 16 Uhr treffen sich viele Fans am verabredeten Treffpunkt am Rathausplatz, um gemeinsam singend den circa 20-minütigen Fußmarsch zum Stadion zu unternehmen. Die Stimmung ist ausgelassen gut. 'Hurra,Hurra, die Freiburger sind da' - Europapokal-Atmo eben! Unter anderem wegen solcher Emotionen unternehme ich solche Fahrten. Also singe und klatsche ich mit und geniesse die Atmosphäre.

Das Stadion

Das Stadion U Nisy macht einen recht guten ersten Eindruck. Es wirkt deutlich größer, als seine 10.000 Plätze, die übrigens alle überdacht sind. Die Einlaßkontrollen sind unaufdringlich freundlich, so wie das ganze Sicherheitspersonal. Klar, die etwas sehr militärisch wirkende Polizei läßt bei manchen unangenehme Assoziationen an Sevilla wachwerden, die Beamten halten sich aber im Hintergrund. Die Toiletten sind okay und ausreichend.



Der Cateringstand verdient seinen Namen allerdings nicht. Drei freundliche, aber völlig überforderte Menschen versuchen, alkoholfreies Bier, Fanta und Cola an viel zu viele Menschen zu verkaufen, und haben zu allem Überfluß recht zügig kein Wechselgeld mehr. Ich weiß gar nicht, ob mir die Leute vor, oder die hinter dem Stand mehr leid tun. Ein Zustand wie bei einem Toten Hosen-Konzerten in Freiburg.

Das Spiel

Mehr als 1300 SC-Fans sind nach Liberec gekommen. Deutlich mehr als am vergangenen Wochenende nach Braunschweig. Und sie machen Heimspielatmosphäre. Vom Warmlaufen bis zum Verabschieden wird durchgesungen, geklatscht und angefeuert, dass es eine wahre Freude ist.



Direkt zu Beginn des Spiels werden im Freiburger Fanblock Bengalos gezündet. Zur Freude von einigen, zum Ärger von anderen. Die Vereinsoffiziellen dürfte der brennende Ausdruck an Fanliebe sicher so wenig gefallen haben, wie der vermutlich fünfstellige Geldbetrag, den die UEFA als Strafe verhängen wird. Man weiss auch vom Trainer, dass er Bengalos nicht lustig findet - und wird er nach dem Schlusspfiff nicht an den Zaun zu den Fans kommen.



Aber vor dem Schlusspfiff wird ja erstmal noch gespielt. Trainer Streich hat das Team, ähnlich wie in Braunschweig, wieder ordentlich um- und gut eingestellt. Es steht kompakt, macht das Spiel breit und nimmt so das Tempo raus und bringt Ruhe rein. Ab und an wird als Nadelstich ein eigenerAngriff gestartet.  Als Sebastian Kerk dann in der 23. Minute einen Eckball tritt, welche der gegnerisch Keeper nicht festhalten kann, verwandelt der an diesem Abend wieder souverän aufspielende Mathias Ginter mit einem Rechtsschuss zum 1:0 - und die Fans sind noch mehr aus dem Häuschen.

Liberec erhöht jetzt die Schlagzahl und für die Freiburger Defensive erhöhen sich Arbeitspensum und  Druck. Das gilt auch in Halbzeit zwei. Pfostenschuss, Toraus. Freiburg hätte sich zu diesem Zeitpunkt über den Ausgleich und damit über Platz drei in der Tabelle nicht beschweren dürfen. Doch was das aktuell neu erwachende Freiburger Selbsbewusstsein auszeichnet, zeigt sich in der 73. Spielminute. Genau in dieser Phase läuft Günter sich auf Links gegen drei Spieler frei und flankt perfekt auf Francis Coquelin, der seinen ersten Pflichtspiel-Treffer für den SCF markiert. Und was für ein Wichtiger!

Gerade als ein hinter mir stehender Fan seine Begleitung daran erinnert, dass der SC gegen Liberec schon einmal mit 2:0 geführt haben, macht Mittelfeldspieler Rybalka in der 81. Minute tatsächlich das 1:2. Ich drehe mich mich zu ihm um und schaue so böse, wie ich kann. Der Rest des Spiel ist leidenschaftliches und geschicktes Verteidigen der Führung, was tatsächlich auch vorzüglich gelingt.

Wahnsinn! Crazy! Der erste Auswärtssieg des Sportclub in der Europa League - und ich bin dabe! Meine Freunde überlegen nach den Spielen von Braunschweig und Liberec, ob sie mich in den Stand eines Edelmaskottchens heben sollen. Sollen sie!



Könige des Platzes

...sind die Torschützen Ginter und Coquelin. Aber eigentlich natürlich alle Spieler im Team. Von Oli Baumann, der wieder einen hervorragenden Job macht, über die wieder neu formierte Abwehr bis hin zu Mike Hanke der als einzige Spitze manchmal ein bischen unglücklich wirkt, aber sehr viel Laufarbeit verrichtet.

Fazit

Es ist ein unterm Strich verdienter 2:1 Auswärtssieg, der dem SC nun ein sogenantes Endspiel gegen Sevilla in Freiburg verschaftt. Bis Donnerstagabend, 21 Uhr, war ich ja der Meinung, dass der Verein sich aus UEFA- und DFB-Pokal verabschieden sollte, um sich voll auf die Liga zu konzentrieren. Seltsamerweise sehe ich das jetzt wieder ein bisschen anders.



Die Rückreise

Glückliche, aber müde Gesichter wohin ich sehe. Wunderbar. Eigentlich sollte man denken, dass im Bus nun die Riesensause abgeht. Die bleibt allerdings glücklicherweise aus. Nach 36 Stunden ohne Schlaf drücke ich mich glücklich und zufrieden aber sehr müde mit einem Fläschen Bier in den Sitz und lasse den Tag noch ein bischen Revue passieren.

Den meisten Mitgliedern meiner Reisegesellschaft geht es ähnlich, manche schlafen tatsächlich. Eine Mitfahrerin erzählt mir, dass es vom Fansupport her bisher die schönste Auswärtsfahrt war.

Zehn Stunden Busfahrt später steige ich relativ zerstört, aber glücklich an der Paduaalle aus dem Bus. Erstmal Zähne putzen, ein paar Stunden schlafen. Und am Sonntag ist ja auch schon wieder Auswärtsfahrt nach Gladbach. Vielleicht sollte ich....?  

Mehr dazu: