Rainald Grebe auf dem ZMF: Zwischen Wahn und Schauspiel

Nina Braun

Er gilt als Intellektueller und Anarchist der deutschen Kabarett- und Comedy-Szene: Rainald Grebe, der mit seinen Hymnen auf "Thüringen" und "Dörte" bekannt wurde, spielte am Samstag auf dem ZMF im ausverkauften Spiegelzelt. Carina war dabei und hat sich den Mann mit den hochgezogenen Augenbrauen angesehen.



Er ist ein Irrer und ein Schauspieler, oder vielleicht auch nur eines von beidem: Rainald Grebe, 37, steht auf der Bühne, lässt die Augäpfel aus ihren Höhlen treten, schwitzt und schreit und stiert ins Publikum. Seit Wochen ist das Spiegelzelt für diesen Abend schon ausverkauft. Die Jünger kamen in Scharen und in Erwartung eines großen Auftritts – und sie werden nicht enttäuscht. Grebe ist in Bestform.


Der Mann hat eine schier unerschöpfliche Energie, er schreit, er röchelt, er röhrt sich scheinbar bis zur völligen Entkräftung, um sich im nächsten Moment mit ruhiger Stimme wieder den Zuschauern zuzuwenden, einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen oder ein Lied anzustimmen.

Wie immer lebt Grebes Darbietung dabei auch an diesem Abend von seiner entwaffnenden Eloquenz und den herrlich unvorhersehbaren, oft ebenso unsinnigen wie nachvollziehbaren Reimen („Ich heiße Ludwig, ich bin ein Vogel Strauß / ich sehe schon von weitem flugunfähig aus“); zugleich ist es auch sein rastloses Spiel und der schnelle Wechsel zwischen laut und leise, bitterböse und heiter, Nonsens und Tiefgang, der das Publikum nicht zur Ruhe kommen und während des gesamten zweieinhalbstündigen Auftritts kaum Raum für Längen lässt.



Inhaltlich steht, ohne Anspruch auf einen roten Faden, unter der Überschrift "Die 68er" der Wandel der Zeit im Allgemeinen auf dem Programm. In einem kleinen historischen Rundumschlag geht es zunächst vom Titelthema („Vorher waren alle Menschen froh, alle Menschen waren hetero“), übers Mittelalter („Franz von Assisi, du Assi, du Assi-si“) in ganz gleich auch welches Jahr („scheißegal, Guido Knopp war vorher da!“). Schnell löst sich der Auftritt dann aber von jeglichem Dramaturgiezwang, auch wenn das Verhältnis von Früher und Heute noch mehrmals thematisiert wird – sei es ganz konkret beim Song „Die Neu-neu-Neunziger“, oder eher subtil, wenn Grebe über die Entwicklung in den Berliner Stadtteilen spricht, über die Pangasius fressenden „Bionade-Biedermeier“ vom Prenzlauer Berg oder die Angst der „Mitte-Chics“, provinziell zu wirken.

Das Programm wird angenommen, von Anfang an ist die Stimmung bestens. Grebe gelingt es, gänzlich ohne angestrengte Maßnahmen die Distanz zwischen Bühne und Zuschauern zu überbrücken. Seine Mimik, die Mimik eines Wahnsinnigen, ist bis in die letzten Reihen zu erkennen. Mit ihr hält er alle Augen auf sich gerichtet; nicht einmal die kaum zu überhörenden Bässe von „Wir sind Helden“ aus dem Nebenzelt vermögen abzulenken.

Er singt Lieder über den Bundespräsidenten, er spielt Keyboard und Bassgitarre, er stülpt sich ein Kondom über den Kopf und brüllt. Ebenso zünden aber auch die ruhigeren Momente, wie etwa die wohlgesetzten Erniedrigungen seiner beiden offensichtlich zum Schweigen verdammten musikalischen Mitstreiter von der Kapelle der Versöhnung, Martin („Jahrgang 71 – ein Spießer!“) und Markus („Jahrgang 1965. Du warst doch mit dabei. Wie hast du das erlebt, Zeitzeuge? Wie hast du dich gefühlt? Warum hast du es nicht verhindert?“). Neben zahlreichen Spitzen zu aktuellen Themen (Rauchverbot) hat der Kabarettist sein Programm zudem für Fans der Geisteswissenschaften mit einigen Anspielungen auf Adorno, Horkheimer und die Dialektik gespickt.



Mit diesem Zusammenspiel von Anspruch und Brachialität ist Grebe in eine Nische geschlüpft, die jenseits der stadionfüllenden Komik eines Mario Barth oder Atze Schröder liegt. Er ist ein bewusst Unkonventioneller, eine Art intellektueller Schlächter unter den Comedians. Sein Publikum ist vielleicht ein ähnliches wie das von Helge Schneider, dessen reduziertem Ausdruck er aber eine aufreibende Mischung aus Getriebenheit und Hemmungslosigkeit entgegen setzt.

So ruhelos und sprunghaft der Auftritt auch wirkt, bleibt Grebe jedoch in allem, was er tut, professionell. Er bewegt sich sicher im Raum zwischen schambefreiter Selbstdarstellung und Publikum, kontrolliert das Unkontrollierte und gibt in keinem Moment die Zügel aus der Hand. Vor allem anderen gelingt ihm das große Kunststück, auch nicht ansatzweise das Gefühl aufkommen zu lassen, um die Gunst seiner Zuschauer zu buhlen. Grebe weiß um seine Wirkung. Er zeigt genau das Maß an übersteigertem Selbstbewusstsein, das einen solchen Auftritt für das Publikum entspannt macht.



So entspannt gar, dass er kaum ein Ende nimmt. Die Helden sind schon längst gewesen, da gewährt der Kabarettist im Spiegelzelt noch immer die lautstark geforderten Zugaben, er zeigt Gefühl und Haut, singt die „Dreißiger-Pärchen“ und bängt als Bengt: Eine letzte Verausgabung und der angemessene Abschluss eines mitreißenden Abends.

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Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung: Website & MySpace