Räuber flüchtet kurz vor Urteilsverkündung

David Weigend

Gestern ist es bei einer Verhandlung im Freiburger Amtsgericht ein wenig hektisch geworden. Kurz vor der Urteilsverkündung kehrte der Angeklagte von einem angeblichen Toilettenbesuch nicht mehr zurück. An der dreijährigen Haftstrafe, die er nun verbüßen muss, ändert seine Flucht nichts.



Der Tathergang

Erdan A. ist 23 und bereits Vater von vier Kindern. Vor drei Jahren flüchtete der Kosovare aus seiner Heimat nach Deutschland. Seit Erdan hier ist, beschäftigt er die Freiburger Polizei. Zwar ist er verheiratet, doch hat er neben seiner Gattin eine Freundin namens Rafaela W., mit der ihn eine Art Hassliebe verbindet. Erdan und Rafaela stehlen Kleider in Geschäften der Innenstadt, geraten an einem langweiligeren Tag in Streit, woraufhin Erdan in ein Auto steigt und mit Wucht von hinten in Rafaelas geparkten Fiat draufcrasht.

Erdans Art, Beziehungskonflikte mit Rafaela zu lösen: Er dringt in ihre Wohnung ein, schrottet die Bildröhre ihres Fernsehers, zerschlitzt ihre Kleidung, klaut Kosmetika sowie ihre Wagenschlüssel, die er ohne Fahrerlaubnis benutzt.

Aber das dient hier bloß Erdans Charaktersierung und steht gar nicht zur Verhandlung, denn der bullige Kerl hat diese Taten bereits gestanden. Zu dem, was am 7. und 9. September 2005 in einem Haus der Knopfhäuslesiedlung am Messplatz passiert sein soll, äußert er sich nicht. Nach der Vernehmung der Zeugen ergibt sich folgender Tathergang:

Siebter September 2005, ein warmer Sommerabend. Boris B., 25, HIV positiv und arbeitslos, sitzt mit seinem Kollegen Lazarus K., 23, in seiner Wohnung am Messplatz. Gegen 19 Uhr klingelt an der Tür. Boris erkennt durch den Spion nur schwammig eine Person, die um Einlass bittet. Kaum hat Boris die Türe geöffnet, stellt der Besucher einen Fuß in den Türrahmen. Außerdem erscheinen drei weitere Personen im Treppenhaus. Zu viert stehen sie dann in Boris' Wohnung.

Boris kennt sie angeblich nicht. "Gib uns die Nummer vom Flo", fordern sie. Boris versteht nicht recht, denn einen Flo kenne er nicht. Daraufhin zwingen die unliebsamen Gäste den Hausherrn, sich hinzusetzen. Sie stellen die Wohnung auf den Kopf und werden in einem Seitenfach von Boris' DJ-Tasche fündig: 380 Euro frisch abgehobene Sozialhilfe. Die Männer, unter ihnen auch Erdan, nehmen das Geld an sich und sagen: "Wir kommen morgen wieder. Wenn du uns dann die Nummer von Flo gibst, kriegst du das Geld zurück."



Gesagt, nicht getan. Es verstreichen zwei Tage, bis die Albaner, diesmal sind es drei, erneut vor der Tür stehen und sich Zutritt verschaffen. Boris hat die Nummer des einzigen Flos, mit dem er vor Jahren sporadisch Kontakt hatte, hervor gekramt und die Ziffern auf einen Zettel notiert. Erdan nimmt, das beweisen die Fingerabdrücke, den Zettel in die linke Hand, scheint sich aber nicht weiter für die Nummer zu interessieren, sie wird zurückgelassen.

Dafür geht das barsche Trio diesmal ans Eingemachte: es entwendet zwei Verstärker, einen DVD-Player, ein Laptop und einen MP3-Player sowie andere Elektronika. Außerdem drohen sie Boris. Einer nimmt eine Kneifzange vom Tisch und sagt: "Damit schneide ich dir die Finger ab." Erdan klopft mit einem Schraubenzieher dem geschockten Boris auf den Kopf herum. Ein anderer fuchtelt mit dem Küchenmesser, sagt was von "Hals abschneiden". Schließlich zieht das unrühmliche Trio mit dem Diebesgut ab.

Die Ungereimtheiten

Im Laufe der Verhandlung stellt sich heraus, dass Boris in Sachen Betäubungsmittelkonsum und Cannabishandel kein Unbekannter ist. Der Verdacht, dass der ganzen Geschichte ein Rauschgiftgeschäft voran gegangen ist, liegt auf der Hand, kann aber nicht bewiesen werden. Dass Boris die Eindringlinge nicht kannte, ist sehr unwahrscheinlich.



Das Urteil

"Der Mandant ist auf Toilette, hoffe ich", sagt der Anwalt nach der Verhandlungspause. Die Richterin lächelt ein wenig spöttisch und sagt: "Ich enthalte mich jeglicher Interpretation, weil das Leben viele Facetten hat."

Wenig später kommen in einem kurzen Zeitintervall jeweils ein durchtrainierter Justizvollzugsbeamter in den Saal IV gestürmt, aus der Puste und mit leeren Händen: "Der isch weg." Dem Beobachter geht kurz durch den Kopf, dass der Angeklagte Erdan A. vor zwei Wochen in Untersuchungshaft einen Suizidversuch unternommen hat. Wie auch immer, er kann die Urteilsverkündung nicht hören: Insgesamt drei Jahre Haft ohne Bewährung wegen schweren Raubs und Diebstahls und den eingangs geschilderten, anderen Delikten.

Das schönste Zitat

Richterin zum Zeugen: "Mit welchem Messer aus Ihrem Küchenset sind Sie denn bedroht worden?"