Radu Lupu in der Musikhochschule Freiburg: Husten, Schnauben, Weltentrückung

Manuel Lorenz

Mittwochabend kam einer der großen, verkannten Pianisten unserer Zeit nach Freiburg: der 66-Jährige Rumäne Radu Lupu. fudder-Redakteur Manuel konnte sein Glück nicht fassen, denn Lupus Schubert-Box enthält seine absoluten Lieblingstonträger. Was er dann erlebte: Weltentrückung zwischen Hustern und Schnauben.



Sie hustet. Immer und immer wieder. Und immer und immer wieder reagiert Radu Lupu darauf: Mit Kopfschütteln, mit unverständlichen Worten, die er in seinen Vollbart murmelt, mit rhythmischen Verzögerungen, mit lautstarkem Schnauben, mit eigenem Husten. Ich möchte in keiner der beiden Rollen stecken: weder in jener der Husterin, noch in jener von Herrn Lupu. Die Husterin konzentriert sich komplett darauf, nicht mehr zu husten, und genau deshalb hustet sie immer wieder. Und Herr Lupu konzentriert sich vollständig darauf, das Husten zu überhören, und genau darum nimmt er es immer wieder wahr.


Pianisten sind bekannt dafür, Konzerte schon mal abzubrechen, wenn die Husterei überhand nimmt. Alfred Brendel zum Beispiel, der das Publikum dann adressierte und sagte: "Entweder Sie husten oder ich spiele." Man mag das Kleinlich nennen. Wenn man aber Radu Lupus Pianissimo kennt, seinen Anschlag, der zwar genau, aber auf der Schwelle zum Unhörbaren liegt, wird beipflichten, dass hier jeder Huster, jedes Knistern und Knarren den Hörgenuss augenblicklich zerstört. Radu Lupus Klavierspiel ist eine Hochleistungsübung - für den Pianisten wie fürs Publikum in gleichen Maßen. Heute: Schuberts Impromptus D935 (Opus 142) und die Sonate B-Dur D960.

Machen beide Seiten mit, stellt sich das Radu-Lupu-Gefühl ein - ein Gefühl, das dem Glenn-Gould-Gefühl und dem Arthur-Rubinstein-Gefühl ähnelt. Das Gefühl, das sich einstellt, wenn ein Pianist einen Komponisten so interpretiert, als wäre er der Komponist selbst. Bei Lupu ist das Schubert, bei Gould Bach, bei Rubinstein Chopin.

Überhaupt: Der Habitus von Radu Lupu. Der Rumäne scheint aus dem Jahrhundert gefallen zu sein. Eigentlich gehört er ins 19. - so wie die Komponisten, die er spielt. Beethoven, Schumann, Schubert, Brahms. Überhaupt: Brahms. Denn wie Brahms sieht er aus. Das weiße Haar, der weiße Vollbart, der kleine Wuchs, der mächtige Bauch, das in Stein gemeißete Antlitz. Und wie Brahms bewegt er sich: bald plump, bald gravitätisch. Schon wie er auf die Bühne kommt, sich knapp und formal verbeugt und sich dann in den Stuhl plumpsen lässt. In den Stuhl! Nicht auf den Klavierschemel. Denn verschmäht er nämlich, so wie einst Gould. Dann sitzt er ganz aufrecht, lehnt sich zurück und beginnt - wie ein Gerichtsschreiber - Protokoll zu führen.

Aber was für ein Protokoll! Oh Seele, oh Schmerz! Klar, die Lupu'schen Rubati, die Temposchwankungen, die ihm manch einer übel nimmt, das eine oder andere Experiment, wenn er mal einen Lauf ganz besonders genau herausarbeitet. Sein tiefes, karpatisches Summen und Brummen, mit dem er sich - noch eine Gould-Reminiszenz? - selbst begleitet. Aber: Das alles müssen wir ihm doch verzeihen! Weil er uns mit Schubert umarmt und macht, dass wir wollen, dass nie wieder etwas anderes erklingt.

Dann: Das Andante sostenuto der B-Dur-Sonate. Lupu setzt an, spielt ein paar Takte - aber dann wieder das Husten, und Lupu bricht ab. Er fällt in sich zusammen und dreht sich zum Publikum. Man muss wissen: Lupu ist bekannt für seine Öffentlichkeits- und Publikumsscheue. Seit Jahren hat er kein Interview mehr gegeben. Er verbietet es, ihn während seiner Konzerte zu fotografieren. Nie richtet er irgendwelche Worte in den Saal. Er kommt, spielt und geht. Und das circa 80 Mal im Jahr. "Man hustet, und ich kann mich nicht konzentrieren." Applaus. Und was dann kommt, ein hustenfreies Andante sostenuto, ist Weltentrückung.

Allein, der Majestro vergisst nicht. Zum Finale des letzten Sonaten-Satzes, dem Allegro ma non troppo, holt er schniefend Anlauf und donnert sein zorniges Lupu-Fortissimo in die Tasten. Und bringt - ich bin mir sicher: mit trotziger, böser Absicht - darin zwei, drei falsche Noten unter. Beim Aufstehen ist er noch so benommen - oder wütend? - dass er beinahe über ein Stuhlbein stolpert.

Natürlich: Tosender Applaus. Dann, artig: eine Zugabe. An anderen Abenden spielt er schon mal zwei. Und spätestens jetzt wird klar, dass Lupu sich im Dunkeln am wohlsten fühlt. Und im Langsamen, Leisen. Er spielt nämlich eine der vielen Schubert'schen Weltschmerz-Melodien: den Moment Musical Nr. 2 in As-Dur (Andantino). Und noch einmal seufzt und brummt er uns in andere Sphären. Und verschwindet dann selbst ganz schnell hinter die Bühne.

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