Radio Regenbogen: Vollplayback vor vollem Haus

Carolin Buchheim

Samstagabend, 20:10 Uhr. Hartmut Engler, Frontmann der trendresistenten schwäbischen Deutsch-Rock-Band Pur, steht auf der Bühne der ausverkauften Rothaus Arena und hört sich an, wie 8.000 Menschen seinen in einem Hitmix verquirlten Song "Indianer" mitsingen. Die erste Band der Party zum 20. Geburstag von Radio Regenbogen setzte den Trend: Vor der Bühne wurde bei der gutgelaunten Riesenparty mit Aprés-Ski-Flair mehr gesungen als auf der Bühne.



Hartmut Engler sieht fit aus. So fit wie die Marathonläufer, die in den anderen Halle der Messe Freiburg vorhin ihre Startnummern abgeholt haben, und sehr viel fitter als zu den Zeiten in den frühen Neunzigern, in denen "Lena" auf Dauer-Rotation im Radio lief. Doch Engler ist nicht zum Marathonlauf nach Freiburg gekommen, sondern zur Marathonparty von Radio Regenbogen.


Zwei Riesenkonzerte mit einem Line-Up von in C- und D-Klassen ab- beziehungsweise nie aus ihnen aufgestiegenen Chart-Künstlern der letzten 10 Jahre finden parallel in der Mannheimer SAP-Arena und der Freiburger Rothaus Arena statt. Und neun der heute auftretenden Künstler sind im Doppeleinsatz.

Die rund 170 Kilometer zwischen Mannheim und Freiburg legen Pur, die Scorpions, Kim Wilde, DJ Bobo, Marquess, Right Said Fred, die Hermes House Band und Raab-Dauer-Praktikant Elton mit Hilfe des acht Busse und 30 Autos starken Fahrdienstes zurück, um Kurzauftritte in beiden Arenen zu bestreiten.

Dank dieses kleinen Logistik-Spektakels gerät die Musik an diesem Abend leider ein wenig zur Nebensache: Heute ist allerhöchstens Halb-Playback angesagt; Instrumente dienen auf der Bühne lediglich als Accessoires. Das ist zum Teil lustig anzusehen, denn manche Musiker machen sich noch nicht einmal die Mühe, so zu tun, als würden sie ihr Instrument spielen.



Laith Al-Deens "Bassist" zum Beispiel hat den gesamten Auftritt lang alle Finger entspannt auf dem Griffbrett liegen. Damit passt er gut zum etwas müden Auftritt des Mannheimer Sängers. Morningshow-Moderator Nic, der mit seinem Team durch den Abend leitet, kündigt ihn nicht zu unrecht als „einen der besten Sänger Deutschlands“ an, und es ist schade, dass man statt Al-Deens smoother Schmusestimme nur Lippenbewegungen zum Tonband bekommt.
Hartmut Engler von Pur steckt zwar weitaus mehr Energie in sein Playback, trotzdem wirkt die Band beim Karaoke ihrer zu zwei Hitmixen verpanschten Erfolgs-Songs wie ihre eigenen Coverband.

Die Künstler, die mit Halb-Playback, also mit Musik vom Band und Live-Gesang, auftreten – darunter Jeanette, Right Said Fred und die Hermes House Band – scheinen beständig Probleme mit dem Monitor-Sound (dem, was die Musiker auf der Bühne hören) zu haben. Es gibt immer wieder verwirrte Blicke und Gesten zum rechten Bühnenrand, dort sitzt der Monitormischer.

Jeanette rupft sich noch während ihres ersten Songs "Rock my life" den Kopfhörer aus dem Ohr, über den sie den Monitorsound bekommt, und singt im Taubflug trotzdem mehr als ordentlich.

Das Publikum stört sich an den musikalischen Unzulänglichkeiten des Abends allerdings gar nicht:  8.000 Menschen feiern ausgelassen und fröhlich den Geburstag von Badens größtem Privat-Radiosender. Die Party ist ein voller Erfolg, es wird ab dem ersten Pur-Song bei bester Stimmung gesungen und getanzt. Es ist die drittgrößte Veranstaltung in der Rothaus Arena; nur bei den Ärzten und bei Billy Talent war es ähnlich voll. Und gut, woran sollte sie sich auch stören. Bei Eurodisco-Bands geht es schließlich nicht primär um Musik, sondern eine Party, und diese Party, die bekommt man hier routiniert geliefert.



Hauptziel des Abends scheint es zu sein, die Arme des Publikums in die Höhe zu bekommen, und auch das gelingt. Das Moderatorenteam, dessen weibliche Anteile aus unerklärlichen Gründen zuerst im Sex-Shop-tauglichen Krankenschwestern- und Zimmermädchen-Kostüm auf die Bühne kommen (Kommentar von Elton: "Habt ihr eine Wette verloren?"), fordert bei jeder Liveschaltung zum Mannheimer Konzert  La-Ola-Wellen, und auch die Künstler bitten immer wieder zum rhythmischen Arme schwenken.

So hat man immerhin etwas zu tun, während die vierte oder fünfte Neubesetzung von Culture Beat "Mr.Vain" lippenbewegt, die Hannoveraner Fake-Spanier von Marquess mit den Hüften wackeln und die Tänzer von Blue Lagoon mit der Sexiness eines Bauch/Beine/Po-Kurses über die Bühne hupfen.



Right Said Fred nehmen den Abend und sich selbst mit erfrischendem Zynismus. "Es ist ein Scheiß-Song, aber ihr kennt ihn alle", kündigt Richard Fairbrass an, bevor er 'Too Sexy' anstimmt. Jeanette Biedermann, die selbst mit mit Minirock, tiefem Ausschnitt und während sie ihren Hintern an der Mikrostange reibt, so gesund und harmlos wirkt wie eine Scheibe Mehrkornbrot mit Kräuterquark, liefert ihre drei Songs mit viel Energie und noch mehr Enthusiasmus. "Feiert! Trinkt viel!", ruft sie von der Bühne. "Ihr habt es verdient!"

Gut gebräunte Männer in Polohemden mit angenähten Ärmeln nehmen ihren Rat gerne an und tanzen derweil, wenn sie nicht gerade ihre Arme schwenken, goldbehangene Frauen an, die lauthals die Disco-Hits der 90er mitsingen. Währenddessen kreischen präpubertäre Mädchen in den ersten Reihen abwechselnd nach Marquess und Oliver Pocher.



Und ausgerechnet Pocher ist der Lichtblick im Dunkel dieser etwas arg groß geratenen Aprés-Ski-Hütte.

„Wir sind alle Lohnhuren, die sich hier das Geld abholen, wir müssen dann nachher weiterreisen", erklärt er der Radio-Regenbogen-Moderatorin hinter der Bühne. "Die nächsten Länder sind Ungarn, wir machen demnächst eine Nokia-Werk-Eröffnung, überhaupt machen wir tolle Sachen rund um den Globus. DJ Bobo und ich haben jetzt auch noch gleich zwei Tankstellen, die wir jetzt hier umme Ecke machen, und zwei Großraumdiskotheken, deswegen müssen wir gleich ein bisschen Gas geben."



Von der Bühne herunter begrüßt er die "geilen Weiber in der ersten Reihe", und Rosa Wagner, 14, aus March, über deren Kreischerei er sich ein wenig lustig macht, wird bei Pochers nächstem Auftritt mit einem frisch eintranspirierten T-Shirt belohnt, das er sich erst noch einmal durch den Schritt zieht. Rosa ist glücklich.

Pocher singt nicht nur seinen WM- und den brandneuen EM-Song ("Schwarz & Weiß), und zwar live, sondern auch schief und schmerzbefreit einen Xavier-Naidoo-Hitmix, dessen Ironie dem Publikum scheinbar entgeht.

Freundlich begrüßt Pocher hinter der Bühne DJ Bobo. Für Pocher, der die Fahrt zwischen SAP- und Rothaus Arena mit dem eigenen Auto zurückgelegt hat ("Ich hab mir jetzt einen Golf II geleistet, und der hat aber wirklich alles rausgeholt. Während der Fahrt haben wir ’Mr.Vain’ von Culture Beat gehört, und das war schon super. Schließlich habe ich die heute Abend hier verpasst.“ - tatsächlich war er wohl mit einem größeren Auto da) wird sie deutlich angenehmer als für DJ Bobo und seine Crew gewesen sein.



Denn der Schweizer Superstar und sein fünfköpfiges Tanz-Team mussten die Fahrt im sicher wenig atmungsaktiven PVC- Bühnenoutfit und mit ihren komplizierten und zum Teil dildoartigen Perücken-Konstruktionen auf dem Kopf antreten. „Das  war ein kleines bisschen unbequem“, erzählt eine der Tänzerinnen.

Beim Auftritt von DJ Bobo brennt die Halle, und zwar nicht wegen eines Fehlers in der üppigen Pyrotechnik: Die Show ist zackig und mitreißend, das Publikum tobt zur Recht. Im Anschluss daran tritt Kim Wilde auf, die zwar live singt, aber ein bisschen zu sehr kreischt, es ist Nostalgie mit wenig Genuss. Der Abend endet mit den Scorpions. Ihnen wird die Lautstärke ordentlich aufgedreht, die alten Herren posen wild, nur den Song, auf den alle warten, klar, 'Wind of Change', den gibt es nicht, und dann ist die Party, nach 'Rock you like a hurricane', vorbei.

Oliver Pocher bescheinigt der Rothaus Arena die bessere Regenbogen-Party als Mannheim. „Die Stimmung hier war einfach ekstatischer.“