Quo Vadis, SC Freiburg?

Clemens Geißler

Am Montag startet der SC Freiburg in die Zweitligasaison. Folgt dem Abstieg ein Neuaufbau? So einfach lässt sich die Marschroute nicht charakterisieren, mit welcher der Sportclub die neue Saison angeht. Auch die Rückschau zeigt, dass viele Wege zum Erfolg führen können:



Der erste Abstieg 1997: erfolgreiche Radikalkur

Nach dem Abstieg 1997 setzte ein gigantischer Aderlass ein. Unter den sage und schreibe 19 Abgängen finden wir teure Stars wie Harry Decheiver, Alain Sutter und Nikola Jurcevic, aber auch zahlreiche Altgediente: Maximilian Heidenreich, Jörg Schmadtke, Martin Spanring, Uwe Spies, Axel Sundermann und natürlich der ewige Andreas Zeyer, der später noch einmal an der Dreisam seine Zelte aufschlug.


Andreas Zeyer, 1995

Die Neuzugänge begründeten die georgisch-tunesische Ära: Zoubaier Baya, Mehdi Ben Slimane, Alexander Iashvili, Levan Kobiashvili, dazu unter anderem Marco Weißhaupt, Boubacar Diarra und Ali Günes „Fußballgott“. Namen, die keiner auf dem Zettel hatte, Spieler, die zuvor fast alle unterklassig aktiv waren (allein drei Neuzugänge kamen z. B. vom VfL Lübeck). Und doch gelang das Kunststück in Gestalt des souveränen Wiederaufstiegs.

Besonders bemerkenswert: Das neuformierte Team spielte von Anfang an unter den Top 3 mit und auch in den kommenden Bundesligajahren wirbelten Baya, Günes und Co gehörig mit, als Sahnehäubchen zogen sie 2001 in den UEFA-Cup ein.


Alexander Iashvili, 2007

Der zweite Abstieg 2003: Chance zur Bewährung genutzt

Volker Finke vertraute dem Kader, den er währenddessen mit weiteren Georgiern und Afrikanern aufgestockt hatte, auch nach dem zweiten Abstieg. Einzig nennenswerter Abgang blieb Sebastian Kehl, neu hinzu kamen etwa Bajramovic, Riether und der glücklose Guié-Mien.

Letzterer, als Torschützenkönig der Hinrunde von Frankfurt gekommen,  traf in Freiburg lediglich in einem Benefizspiel zur Darmkrebsvorsorge. Weniger herb verlief die Saison: Finkes Mannen übertrafen die Bilanz des letzten Wiederaufstiegs und beendeten die Runde 2003/04 als Meister mit 67 Punkten.

Der dritte Abstieg 2005: Finkes Sargnagel

Nach einem mittelmäßigen Jahr folgte 2005 der totale Absturz. Mit gerade 18 Punkten bei nur drei Siegen gurkte sich ein spielfreudiger, aber komplett uneffektiver Sportclub aus der ersten Bundesliga. Der Schnitt verlief aber nur halbgar: Neun Abgängen, darunter Bajramovic, Ramdane, Kondé und Tskitishvili, standen vier Zugänge gegenüber. Der Kern der Truppe blieb beisammen.


Heiko Butscher, 2009

Der nachgeholte Umbruch unter Robin Dutt

Nachdem der Wiederaufstieg zwei Mal verpasst worden war, musste ein Anderer die Sense ansetzen. Robin Dutt schickte 2008 die Finke-Jünger Antar, Coulibaly, Diarra, Iashvili, Mohamad und Tanko in die Wüste und verstärkte den Kader mit einer bis dahin neuen Philosophie, nämlich dem Leerkaufen der Ersatzbänke von Erstligisten und einer vierfachen Alliteration: Butscher, Banovic, Barth, später Bastians, Bechmann und Idrissou sorgten – an der Seite der schon damals grauen Eminenz Krmas – zwei Jahre später für den Erfolg: Heiko Butscher reckte die erste Zweitliga-Meisterschale der Geschichte in den südbadischen Himmel.

Jugend forsch unter Christian Streich

Im Wesentlichen waren das dann genau die Akteure, die im turbulenten Sorg-Winter 2011 den Laufpass bekamen, ehe Christian Streich aus der Not eine Tugend machte, den Profikader mit jugendlichem Blut aus der Generation Ginter vor dem Abstieg rettete und im Jahr darauf fast in die Champions-League führte.


Christian Streich, 2015

Der vierte Abstieg 2015 – vorne hui, hinten pfui?

Angst hatte man vor dem Saisonstart am Sonntag vor dem Leerkaufen der Offensivabteilung. Bislang sah man aber nur Admir Mehmedi gen Bayer-Kreuz entschwinden.

Mike Frantz, Maximilian Philipp, eventuell Mats Möller Daehli und Karim Guédé, die Neuzugänge Kleindienst und Grifo und natürlich Messias Petersen (Foto) bilden hingegen eine für Zweitliga-Verhältnisse sehr gute und variable Torjägerabteilung. Dass mit dessen Zusage die Saison quasi von selbst läuft, ist indes ein gefährlicher Trugschluss. Denn erstens wird er seine Quote logischerweise nicht halten können und zweitens ist er wie jeder Stürmer abhängig von der Vorarbeit.


Nils Petersen, 2015

Womit wir schon beim ersten Problem wären: Durch die Abgänge von Schmid und Klaus stehen nämlich insonderheit die Außenbahnen recht verlassen da. Mit Sicherheit sucht der moderne Fußball keinen Manni Kaltz mehr. Gleichwohl wird man sich nicht nur auf Vorstöße der Außenverteidiger verlassen können, Mujdza dürfte es dazu an der Physis fehlen, Christian Günter agiert zwar nach vorn mit großer Dynamik, ist aber dafür hin und wieder hinten einen Schritt zu spät – und Riether ist in dieser Woche erst nach Gelsenkirchen abgewandert.

Apropos hinten: Marc-Oliver Kempf und Marc Torrejón sind solide Innenverteidiger, bei Mitrovic gilt ein Wechsel als wahrscheinlich, sodass als Alternative Immanuel Höhn bereitstünde – und sonst keiner. Das wird nicht reichen, zumal auch die Außenverteidiger rechts immer mal wieder verletzt waren und hinter Rückkehrer Hedenstad eher ein Fragezeichen steht.

Nicht schlecht sieht es auf der Torhüterposition aus, wiewohl Roman Bürkis Leistungen kaum zu toppen sein werden. Doch Patric Klandt ist ein solider Keeper mit Erfahrung, Alexander Schwolow hat in Bielefeld ordentlich Selbstvertrauen getankt.

Daridas Abgang wir dem Sportclub auf der Sechserpositionen mit Sicherheit wehtun. Nicolas Höfler und Julian Schuster haben ihre Qualitäten immerhin unter Beweis gestellt, bei den Neuzugängen Amir Abrashi und Lucas Hufnagel muss man abwarten, ob sie ihre guten ersten Eindrücke unter echten Bedingungen bestätigen.

Wiederaufstieg oder goldene Ananas?

Nach dem Gesetz der Serie dürfte es dieses Mal nicht sofort klappen. Zudem hat der Trend der letzten Jahre gezeigt, dass zahlreiche Bundesliga-Absteiger weit weg waren von den Top-Plätzen, manche sogar in einer unglaublich ausgeglichenen Liga um den Klassenverbleib bangen mussten. Ein Blick auf das Starterfeld zeigt 13 Mannschaften, die in jüngerer Vergangenheit erstklassig waren. Das ist schon ein harter Brocken.

Auf der anderen Seite ist der Sportclub nicht Greuther Fürth oder St. Pauli – und die beiden Aufsteiger der vergangenen Saison hießen Ingolstadt und Darmstadt. Es sollte also der Anspruch sein, im oberen Drittel der Tabelle mitzuspielen. Nicht alle Abgänge hinterlassen eine riesige Lücke; ferner zeigt die Historie, was selbst mit einem runderneuerten Kader möglich ist.

Da Streichs Mannschaften traditionell schwächer starten, womit man angesichts der vielen Abgänge auch in dieser Saison rechnen muss, ist es wichtig, die oberen Plätze nicht zu weit aus den Augen zu verlieren. Ist man zur Winterpause in Schlagdistanz, sollten Qualität und Erfahrung des Kaders ausgeprägt genug sein, um den ganz großen Wurf zu schaffen.

Wenn es nicht klappt, fällt der Verein deswegen nicht auseinander – dem nachhaltigen, seriösen Wirtschaften der letzten Jahre und den aktuellen Transfereinnahmen sei Dank! Dennoch würde sich die Lücke nach oben, vor allem aufgrund wegfallender TV-Gelder im zweistelligen Millionenbereich,  immer mehr vergrößern. Ein Fiasko sollte man aber bitte dringend vermeiden: das neue Stadion in Liga 2 zu eröffnen.

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[Fotos: dpa Picture Alliance]