Aufregen ist ihr Hobby

Queerer Aktivismus wird verquer wahrgenommen

Dita Whip

Kritischer Queer-Aktivist zu sein und dabei von seiner Umwelt positiv und entspannt gesehen zu werden, ist selten der Fall. fudder-Kolumnistin Dita Whip findet, dass die queere Community aufhören muss, sich zu zerfleischen.

Kritischer Queer-Aktivismus ist wie bei den eigenen Eltern wohnen: Praktisch, aber stark unsexy. Warum? Weshalb ist Queer-Aktivismus nicht wie eine Dreizimmerwohnung im Stühlinger, die es zu einem vernünftigen Preis gibt? Genau: Weil eine Dreizimmerwohnung im Stühlinger zu einem vernünftigen Preis eben nicht realistisch ist. Queer-Aktivismus ist nicht idyllisch, sondern ein Waten durch Dreck… mit Inseln aus Sekt und Glitter.


Queer-aktivistisch tätig zu sein, bedeutet nicht nur, den Trollen der AfD ein Ärgernis, den ewig Gestrigen ein Dorn im Auge und die (fast) immer kritisch nörgelnde, alles hinterfragende Person im Freundeskreis zu sein. Nein, es bedeutet auch, sich dem (teils berechtigten, teils unberechtigtem) Kritikfeuerwerk der eigenen Community stellen zu müssen. Und Kritik aus den eigenen Reihen ist nie schön. Hier handelt es sich allerdings – entgegen manch externer Vermutung – nicht um elfenbeinturmartige Diskussionen um Gendersternchen, Toiletten und Definitionsfeinheiten. Wenn es nur "TomAto-TOmato"-Diskussionen wären, müsste ich mich ja nicht aufregen.

Stärke (und Schwäche) in enormer Vielfalt

Queer-Aktivismus findet in seiner inhaltlichen als auch personellen Vielfalt leider eben nicht nur seine größte Stärke, sondern auch seine größte Schwäche. Unter einem Schirmbegriff treffen sich wahnsinnig viele Menschen und Ideen. Da ist es kein Wunder, dass sich manche Aktivist*innen wie Mariah Carey und Nicki Minaj in der American Idol Jury gegenüberstehen. Allerdings führt es nicht wirklich dazu, das sich das Miteinander verbessert. Zu Zeiten scheint es, als ob sich Sprechverbote (siehe "Beissreflexe" von Patsy L’amour LaLove), Anfeindungen, Rufschädigung und die Versuche sich gegenseitig mundtot und unglaubwürdig zu machen, die Klinke in die Hand geben.
Gendersternchen*

Normalweise verzichten wir für bessere Lesbarkeit auf das Gendersternchen*. Hin und wieder und wenn das Thema passt, wollen wir aber unsere Lesegewohnheiten hinterfragen – dann handhaben wir das anders.

Jetzt spreche ich natürlich nicht von einer Außenseiter*innenposition – so gerne ich mich auch mit einem Eimer Popcorn daneben setzen möchte, wenn sich andere verbal mit Schlamm bewerfen – sondern aus eigener Erfahrung und den Berichten von Freunden, Kolleg*innen und Wegbegleiter*innen.

In den Augen gewisser Personen scheint es eine Unvereinbarkeit von queer-aktivistischer Tätigkeit und dem erfolgreichen, beruflichen Ausüben einer queeren Kunstform zu geben. Ich selber kenne den Vorwurf, dass die Tätigkeit als Drag Queen nichts mit Aktivismus zu tun haben soll und kann, und es mir, als auch Kolleg*innen, nur um das Geld geht. Zwar ist das absoluter Schwachsinn, allerdings höre ich zu oft von Kolleg*innen, die solche Anfeindungen abbekommen haben. Es fallen dann Begriffe wie "angepasst" und "Hetenbespaßung" um die Arbeit für Sichtbarkeit, Toleranz und Akzeptanz zu diskreditieren... oder gleich ganz abzusprechen.

Aus der Sicht mancher Kreise, scheint es die Überzeugung zu geben, das Aktivismus nur auf eine Art stattfinden kann, darf und soll. Ich glaube in der Wirtschaft nennt man so was ein Monopol. Soweit ich das verstanden habe, sind Monopole am Ende für alle so gut wie AfDler im Gemeinderat. Und da soll noch jemand behaupten, dass die Betätigung im Queer-Aktivismus so eine super Sache ist...

Nach außen stimmt es nicht ganz…

Queer-Aktivismus ist zudem unsexy durch seine Außenwahrnehmung. Ausartende Diskussionen, die teils als falsch wahrgenommene Vermischung von aus akademischer Sicht zusammenhängender, aber realistisch doch nicht so eng verknüpfter Themen und Sturheit helfen nicht dabei, queeren Aktivismus einladender zu gestalten.

Es scheint, dass des Pudels Kern wohl in unserer angeschlagenen Streitkultur liegt. Auf der einen Seite des Regenbogenflusses fördert ein aggressives, gegenseitiges Zerfleischen das Stigma der ewig unzufriedenen, aggressiven und auch nicht zufrieden stellbaren Queer-Aktivisten. Auf der anderen Seite, sollten einige Teile der queeren Familie ihre eigene Selbstzufriedenheit und Komfortzone hinter sich lassen und endlich anfangen mit anzupacken.

Wer auseinandernehmen will, muss freundlich sein

Queer-Aktivismus gewinnt letzten Endes noch immer durch kritische Auseinandersetzung, Streit, Tuntenschlachten an Substanz, Schärfe und Genauigkeit. Allerdings sollten Queer-Aktivist*innen in Zukunft mehr darauf achten, sich nicht gleicher Mittel wie die Braunen mit blauer Schleife zu bedienen. Wir alle müssen einen Mittelweg finden wie wir alle Positionen einbeziehen können, ohne dabei auf Sprechverbote, Inner-Community-Ausgrenzung und andere Auswüchse einer kaputten Debattenkultur zurückzugreifen.

Denn nur wenn wir dem queeren Aktivismus endlich ein selbstbewusstes Lächeln nach außen verleihen, dann wird das wieder was mit der Attraktivität der Sache. Und immer dran denken: Wer (queer-phobe Vollidioten auseinandernehmen will, muss freundlich sein!

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