Casting-Show

Queen of Drags mit Heidi Klum: Was an der Sendung problematisch ist

Dita Whip

Am Donnerstag lief auf Pro 7 die erste Ausgabe von "Queen of Drags" mit Heidi Klum. Schon im Vorfeld gab es dazu Diskussionen in der Community. Die Freiburger Drag Queen Dita Whip hat die Sendung geschaut – und zieht ein ehrliches Fazit.

Eine Villa, zehn Kandidierende und der gewohnte Sendeplatz Donnerstags 20.15 Uhr auf Pro7: Nein, das ist nicht die nächste Staffel von Germany’s Next Topmodel, sondern die Premiere von Queen of Drags. Die Formel des Formates ist simpel: Zehn Drag Queens, wöchentliche Aufgaben ("Challenges") und ein klares Ausscheidungsprinzip. Allerdings hat selten ein TV Format so viel Diskussion vor seiner Ausstrahlung erlebt wie diese Show.


Petition gegen Heidi Klum

Die Jury, die wöchentlich mit Kompetenz und Expertise die Shows und Leistungen der angehenden Drag-Superstars beurteilen soll, setzt sich aus GNTM-Matriarchin Heidi Klum, Tokio-Hotel-Frontmann und Klum-Schwager Bill Kaulitz sowie der Eurovision-Gewinnerin Conchita Wurst zusammen. Jede Woche wird sie von einem prominenten Gastjuror unterstützt, zur Premiere ist es Olivia Jones. Allerdings ist die Ernennung von Heidi, welche in der Werbung im Fokus steht, für viele Community-Mitglieder problematisch. Neben endlosen Diskussionen wird auch eine unterschriftenstarke Petition gegen Heidis Beteiligung ins Leben gerufen. Ein Fakt, der an der sonst so teflonartigen Heidi, nicht ganz spurlos vorbeizugehen scheint.

In der ersten Sendung gibt Heidi zu, dass sie nicht versteht, warum es so einen Wirbel um ihre Teilhabe gibt. Sie fühlt sich diskriminiert, es scheint ihr geradezu intolerant, dass man sie nicht dabei haben wolle, nur weil sie weiß, cis und hetero ist. Dass es darum weniger geht, sondern viel mehr um berechtigte Ängste, fällt Heidi nicht auf. Es stellt sich die Frage: Wie sieht Heidi sich selbst? Erkennt sie, dass ihr Ruf durch GNTM eher schlecht ist? Versteht sie, dass queere Personen allergisch reagieren könnten, wenn ihre hart erkämpften Räume von Personen ohne viel Verbindungen zur Community betreten und der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Repräsentation hin oder her: Das sind wichtige Fragen.

Keine Trennung von der Casting-Struktur

Das Format findet sich zudem in einer unruhigen Schwebe irgendwo zwischen "RuPauls Drag Race" Inspiration, Topmodel-Unterton und Gay Bachelor für Drag Shows. Zwar beweist der Sender Pro7, dass es ihm Ernst ist, die Kunstform des Drag und die Künstler nicht bloßzustellen, kann sich aber nur schwer von der etablierten Casting-Struktur trennen. Der Einzug der Kandidierenden in eine Villa soll offensichtlich für persönliche Storys, Zickenkrieg und "Personality" sorgen. Hingegen sind der "Glam Space" – also überdimensionierte Garderobe und Backstagebereich in einem – und der Club, also die Showbühne, in der Erzählstruktur untergeordnet. Obwohl sie definitiv das größere Potential bieten um den Künstlern, ihrer Kunst und ihren Geschichten näher zu kommen.

Die Geschichten werden in bekannter Einspieler-Manier gezeigt: Homestorys. Hier werden den Menschen hinter den Queens private Nuancen zugeschrieben und Themen wie Outing, Akzeptanz, familiärer Rückhalt und Diskriminierung angesprochen. Irgendwie käsig, allerdings entsteht so eine Erzählung, der die Zuschauer einfach folgen können. Die wichtigsten Themen werden so den Queens selbst überlassen. Ein absoluter Pluspunkt, denn dann kommen die Menschen zu Wort, die es auch betrifft. Dagegen zieht sich die Sendung ganz schön, denn man erwartet mehr von dem, was Drag Queens eigentlich tun: Show.

Verschüttetes Glitzer ist das Dramalevel

Im Glam Space braut sich kurz vor der ersten, und schon entscheidenden Show (Motto: "The Art of Drag" – Zeig uns dein Drag), natürlich auch der erste Konflikt an – der so wirklich nicht zünden will. Wenn verschütteter Glitzer und die etwas rücksichtslose Verbreitung dessen das Dramalevel ist, das die Show bietet, müssen die Kandidierenden wirklich sehr zurückhaltend gewesen sein. Verschütteten Glitzer zu Drag-Queen-Beef hochzustilisieren dürfte selbst für die geübtesten Editer keine allzu leichte Aufgabe gewesen sein. Kern der Sendung – die Show – ist doch eigentlich das, was zählt. Aber so ganz will das ja mal nicht zünden. Schuld der Queens? Nein! Von den Nummern der Queens sieht man teilweise nicht mehr als 40 bis 60 Sekunden. Eindeutig viel zu wenig dafür, dass die Queens hiermit beweisen sollen, warum sie den Titel "Queen of Drags" verdienen. Vielleicht wird das ja mehr, je weiter die Sendung fortschreitet.

Die Krux am Format bleibt jedoch die Jury. Conchita Wurst soll in der Juroren-Festbesetzung die Fachkompetenz in Sachen Drag stellen. Doch scheint sie in ihren Bewertungen entweder nicht präzise genug oder ist durch ein redaktionelles Konzept stark begrenzt. Bill Kaulitz hingegen, selbst Bühnenentertainer, überrascht positiv mit seinen Bewertungen. Olivia Jones, voll in ihrem Element, macht klar, warum sie die erfolgreichste Queen in Deutschland ist. Ihre Kommentare sind auf den Punkt, witzig, herzlich und vor allem unterhaltsam und fachlich kompetent zugleich. Und Heidi… ja… Heidi. Nett gesagt: Es würde nicht auffallen, wenn sie nicht da wäre. Ihre anfängliche Betonung von den Drag Queens lernen zu wollen, macht es mir persönlich schwer, ihr Kompetenzen als Drag-Jurorin abzunehmen. Sie mag erfolgreiche Werbeikone sein, wirkt allerdings irgendwie fehl am Platz. Allerdings schadet sie auch niemandem.

Kein Fremdschäm-TV

Letztlich bleibt abzuwarten, wie sich das Format entwickelt. Den Shows der Queens wird vielleicht mehr Zeit eingeräumt, die Jury entwickelt eventuell andere Maßstäbe, die Messlatte wird höher gelegt und der Kerngedanke der Magie von Drag kristallisiert sich besser heraus: Ich bin gespannt. Es sollte jedoch betont sein, dass das Format definitiv kein Fremdschäm-TV ist und wir Heidi Klum scheinbar einen Prime-Time Sendeplatz zu verdanken haben. Was das heißt, mag jeder Person selbst überlassen sein. Ich für meinen Teil freue mich, dass sich meine schlimmsten Befürchtungen nicht erfüllt haben, sehe aber durchaus einiges an Raum für Wachstum und Verbesserung.

PS: Es kommt definitiv nicht super an, wenn man sich für die Beste, die Schönste, die Talentierteste und sowieso für die Perfekteste hält.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman"-Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen, welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben.

Mehr zum Thema: