Qi Gong – die chinesische Bewegungsübung im Selbstversuch

Franziska Brandsch

Tai Chi ist den meisten ein Begriff, aber Qi Gong? Als wesentlicher Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin sollen die Meditationsbewegungen den Körper in Einklang zu bringen. Unsere Autorin Franziska hat's ausprobiert.

"Ein und aus" wiederholt Meister Don Yon immer wieder langsam und bewegt seine Arme in grazilen, fließenden Bewegungen. Ich versuche sie ihm nachzumachen. Während die anderen die Bewegungsabläufe bereits mit geschlossenen Augen ausführen, versuche ich noch herauszufinden, wie ich die Hände zu drehen habe - und gleichzeitig das Atmen nicht zu vergessen. Es ist meine erste Qi Gong-Stunde.


Qi Gong ist Teil einer der fünf Grundsäulen, auf denen die Traditionelle Chinesische Medizin basiert. Die teilweise über 2000 Jahre alten Übungen sind ebenso für den Körper wie den Geist. Im Tai Chi - Qi Gong – Center in der Poststraße bietet der Tai Chi-Verein Freiburg verschiedene Kurse an. Ich teste Vajra Qi Gong, bei dem es eher meditativ zugeht – mit langsameren und bewegteren Formen.

Beim Meditieren schaue ich nervös in die Runde

Geleitet wird der Kurs von Meister Don Yon aus Südkorea. Er praktiziert seit mehr als 35 Jahren Tai Chi und Qi Gong. Und das merkt man auch. Mit einer unglaublichen inneren Ruhe meditiert er wenige Minuten zu Beginn der Stunde, die Teilnehmer tun es ihm gleich. Ich sitze im Schneidersitz auf einer bequemen Matte und schaue nervös in die Runde. Soll ich auch die Augen schließen? Das Kopfweh, das mich schon den ganzen Tag quält, scheint mit dem gleichmäßigen Atmen besser zu werden und ich versuche, abzuschalten.

Nun gut, die Augen sind zu, der erste Schritt ist geschafft. Doch meine Gedanken wandern immer wieder: Um wie viel Uhr fährt mein Zug und auf wann muss ich den Wecker für den nächsten Morgen stellen? Ich sage mir, damit muss jetzt Schluss sein und versuche, meinen Kopf frei zu machen. Das ist gar nicht so einfach, in einer Welt, die mit Terminen getaktet ist.

Irgendwann kommt die Ruhe

Die beruhigende Stimme des Meisters und das warme Licht im Raum lassen mich letztendlich zur Ruhe kommen und es geht an die ersten Übungen. Diese teilen sich in drei Einheiten: Erst wird für einen guten Stand gesorgt. In den Oberschenkeln liegt die Kraft. Wir gehen leicht in die Knie. Der untere Bereich des Körpers soll sich wohl fühlen, erklärt Don Yon. Die zweite Einheit ist die Brust, in der sich Herz und Lunge befinden. Als Verbindung der beiden anderen Einheiten ist sie überaus wichtig. Das dritte Element ist der Kopf, der für die Konzentration zuständig ist.

Der Unterbauch soll sich entspannen und das Zentrum gefunden werden. Wenn der untere Teil fest auf dem Boden steht, kann sich der gesamte obere Teil frei und federleicht bewegen, so Meister Don Yon. Beide Seiten sollen harmonisieren. Es geht um ein Miteinander des Aktiven und Passiven. Er zeigt uns die Figur des Kranichs und wir bewegen die Arme in sanften Wellen auf und ab. Viele der Bewegungen gleichen der von Vögeln, erklärt er.

Berührungsängste sollte man beim Qi Gong nicht haben

Berührungsängste sollte man keine haben. Im Anschluss geht es nämlich an Partnerübungen. Hintereinander aufgestellt in Paaren, klopft mir meine Partnerin erst die Schultern und den Rücken sowie Ober- und Unterschenkel ab. Dann streicht sie mir dreimal über die Füße. Erst weiß ich nicht, was hier auf mich zukommt, doch ähnlich wie bei einer Massage im Stehen, entspannt sich jeder Muskel. Das Gefühl hätte ich gerne noch länger gehabt, doch schließlich möchte das gerne jeder und es wurde gewechselt.

Vajra bedeutet übersetzt Diamant, erklärt mir Meister Don Yon. Die Klarheit und Reinheit sowie unzerstörbare Kraft des Diamanten symbolisieren die körperliche und geistige Energie, welche beim Vajra Qi Gong verspürt wird. Zusammen kristallisiert aus Wasser- und Feuerelementen, symbolisiert der Diamant im Buddhismus den Zustand eines reinen Geistes. Die Diamantenform findet sich auch wieder in den drei Einheiten des Vajra Qi Gong. Oben der Kopf, in der Mitte die Brust und der Unterbrauch.

Aufgrund der sanften Bewegungen ist der Kurs für jedes Alter geeignet. Wem die meditative Form jedoch zu wenig Bewegung beinhaltet, kann in den anschließenden Kurs Zen Qi Gong gehen. Diesen besuchen auch einige jüngere Teilnehmer, unter anderem Studenten.



Video: Meister Don Yon zeigt Zen Qi Gong




"Heutzutage sitzt man so viel", sagt Meister Don Yon und findet die sanften und fließenden Bewegungen sind gut für die Wirbelsäule. Auf jeden Fall! Die meditativen Übungen sind der ideale Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch. Und anstatt wie im Fitness-Studio mit "Nochmal zehn Wiederholungen und diesmal schneller!", angeschrien zu werden, ist das beruhigende "vor und zurück" von Meister Don Yon eine Wohltat.

Insgesamt 15 Figuren hat das Vajra Qi Gong nach Meister Don Yon. Eine weitere nennt sich Dakini. Was sich anhört wie eine weitere Bademodenform ist die Verwandlerin der Himmelsenergie. Man steht mit beiden Beinen fest am Boden. Ein Arm streckt sich gen Himmel und der andere Richtung Boden mit der flachen Hand über der Erde ausgebreitet. Die Arme sind jedoch nicht steif und gerade sondern immer rund und in kreisenden Bewegungen.

Vajra Qi Gong vereint Prinzipien des Dualismus und Buddhismus

Meister Don Yon erklärt mir, Dakini teilt die reine Energie des Himmels in zwei Energien, da auf der Welt alles zwei Seiten hat: Mann und Frau, warm und kalt. Viele Prinzipien des Dualismus und des Buddhismus werden in Vajra Qi Gong vereint.

Und was heißt eigentlich Qi Gong? Qi oder auch Chi beschreibt eine Kraft, entweder des Körpers, Geistes oder auch in der Welt. Gemeint ist eine Energie, die aus dem Inneren hervorgeht. Gong hingegen bedeutet Arbeit oder Fähigkeit. Das Qi Gong ist somit das Arbeiten an dieser Kraft oder die Fähigkeit, es anzuwenden.

Der Unterschied zum Tai Chi ist, dass es sich hierbei vorwiegend um eine Kampfkunst handelt, das Schattenboxen. Man bewegt die Beine dabei mehr und macht größere Schritte. Beim Qi Gong steht man eher und bewegt den oberen Teil des Körpers. Während Tai Chi rund 65 Figuren beinhaltet sind es beim Qi Gong weniger.



Video: Der Unterschied von Qi Gong und Tai Chi gezeigt von Meister Don Yon




In einer chinesischen Schule habe ich 2007 bereits Tai Chi ausprobiert. Das war allerdings mit 14 und ich kam mir bei dem Gefuchtel doch eher albern vor. Dieses mal war es anders – viel entspannter. Jetzt waren aber auch keine 40 weiteren Schüler meiner Schule dabei, die einen von der Ernsthaftigkeit dann doch etwas abgelenkt hatten.

Ein Profi im Bereich asiatische Bewegungskünste bin ich definitiv nicht und besitze vielleicht auch nicht, oder noch nicht, die innere Ruhe die dazugehört. Doch ich habe die Meditation und sanften Bewegungen sehr genossen und muss sagen ich bin überrascht, wie gut es tun kann, sich einer Stunde Qi Gong zu widmen.

Es hat mir gut gefallen, im Einklang mit sich und der Welt zu sein. Das meditative Qi Gong ist eine Erfahrung und ist definitiv jedem Workaholic oder gestressten Weihnachtseinkäufer zu empfehlen. Es ist der perfekte Ausgleich zu einem anstrengenden Alltag.
Im Tai Chi Qigong Center Freiburg werden verschiedene Kurse des Qi Gong angeboten: Montags von 18 bis 19 Uhr Vajra Qi Gong und im Anschluss von 19 bis 20 Uhr Zen Qi Gong. Mittwochs gibt es zudem den Kurs Urkreis Qi Gong von 19 bis 20 Uhr. Ein Kurs der Meditation und Qigong vereint wird sonntags von 12 bis 17 Uhr auf Anfrage angeboten, auch für geschlossene Gruppen und Teams.

Ein Einstieg in die Kurse ist jederzeit möglich. Die Gebühr für einen Monat Teilnahme am Kurs beträgt 35 Euro, beziehungsweise 30 Euro ermäßigt für Schüler, Studenten, Rentner und Arbeitslose. Bei dem Besuchen eines zweiten Kurses reduziert sich die Kursgebühr. Eine Anmeldung ist per Telefon unter 0761/37837, oder per E-Mail unter info@taichi-donyon.de möglich.