PUR beim ZMF: Pro & Contra

David Weigend

Gestern Abend im ausverkauften Zirkuszelt: 3000 Fans feiern den zweieinhalbstündigen Auftritt von PUR, einer Band, die polarisiert. Gerecht werden kann man ihr eigentlich nur in einer Pro & Contra-Kritik. Hier kommt sie, auf die schizophrene Tour (mit aussagekräftigen Fotos von Gina!)



Der Fan: Es war toll

Gestern Abend hat Pur auf dem ZMF gespielt und man kann jetzt schon sagen: Das war eines der besten Konzerte des Jahres. Schon auf der Hinfahrt wurden die Autofahrer super eingestimmt. Um 19.20 Uhr meldete sich Hartmut Engler auf SWR1 und kündigte persönlich einen Purtitel an. Vorfreude PUR!

Die Stimmung um Zelt war schon um 20 Uhr am Kochen. Ausverkauft! Wenig später kamen die sieben Bandmitglieder aus Bietigheim-Bissingen nach einem spannenden Keyboard-Intro auf die Bühne. Pur begann mit den zwei Liedern des aktuellen Albums: „Irgendwo“ und „Wiedersehen“. Natürlich konnten alle Fans jede Zeile von Anfang an mitsingen.

„Solche Abende sind dafür da, um Energie zu tanken für den Alltag, denn da läuft bekanntlich nicht immer alles glatt“, sagte Sänger Hartmut Engler und zeigte auch seine nachdenkliche Seite. Er sieht das Leben eben so, wie es ist. Mit Höhen und Tiefen und auch mal ohne „Happy End“. Deshalb ist die Band ja auch so authentisch und beliebt. Wie kann man sonst erklären, dass sowohl Kinder, Eltern und Großeltern Pur lieben? Einfach stark, die Jungs!

Aber wer dachte, es gibt nur neueres Material geboten, der hatte sich ziemlich getäuscht. Engler verstand es, den historischen „Bandbogen“ zu spannen und diesen gleich mit mächtig Lokalkolorit zu garnieren. „Wir haben ja 1985 und 1987 im Studio in March-Hugstetten die ersten Aufnahmen gemacht. Wollt ihr was aus dieser Zeit hören?“ Die Antwort des Publikums viel eindeutig aus. So spielte Pur „Prinzessin“ und gleich danach das wunderschöne „Funkelperlenaugen“. Gänsehautfeeling pur! Da konnte man mal wieder so richtig schön kuscheln. Und wie Hartmut Engler das Publikum dann im Kanon dirigierte, kann man nicht anders als „Weltklasse“ bezeichnen.

Danach ging dann aber wieder kräftig die Post ab, mit dem lustigen „Frau Schneider“ vom neuen Album „Wünsche“ heizten Pur so richtig ein. Kein Wunder, dass Hartmut Engler danach augenzwinkernd verkündete: „Die ganze Bühne ist voll mit unserem Schweiß! Das ist ja wie in der Handballhalle hier!“

Aber wer an eine Verschnaufpause gedacht hat, der kennt Pur nicht! Die Musiker stellten nun ihr feines Gespür für Humor unter Beweis. Zuerst stimmten sie den Tophit „Lena“ als Unplugged-Version an, um dann direkt in „Satellite“ von unserer „Bundeslena“ umzuswitchen. Wie der gute Hartmut Lenas Tanzstil nachgemacht hat, das war schon zum Brüllen komisch! Gleichzeitig musste man total mitswingen. Einfach genial!

Gleich darauf „Lena“ in der Originalversion und schnell wird klar, dass Pur mit diesem Titel auch locker den Grand Prix gewonnen hätte. Dann wieder ein Lied, mit dem Pur alle Generationen auf einmal ins Boot holten: Das nachdenkliche „Wenn sie diesen Tango hört“. In der Ansage meinte Engler: „Bei dem Lied wird vielen klar, wie lang sie sich nicht mehr bei ihren Eltern und Großeltern gemeldet haben.“ Wie wahr. Wetten, dass bei so mancher Oma heute die Telefone geklingelt haben ;-) ;-)

Zum „Abenteuerland“ braucht man wohl nicht mehr groß was zu schreiben. Kult! Die ganze Halle wippte im Takt mit den Armen und Hartmut dirigierte glänzend. Was für ein Wahnsinns-Gemeinschaftsgefühl! Und bei „Indianer“ im Zugabeteil ließen es sich die Fans nicht nehmen, in witziges Apachengeheul auszubrechen ;-) Spätestens bei „Hab mich wieder mal an dir betrunken“ konnte man dann nicht mehr anders, man musste einfach seinen Nebenmann/frau umarmen und eine Runde schunkeln, irgendwie ist das doch eine große Purfamilie.

Das „graue Haar“ durfte dann natürlich auch nicht fehlen, von Engler ironisch als „knallhartes Protestlied gegen den Jugendwahn“ angekündigt. Der Hartmut hat’s halt einfach drauf! Leider fiel bei dem Lied nicht nur ein graues Haar aus, sondern auch die E-Gitarre, aber Pur wären nicht Pur, wenn sie diesen kleinen technischen Faux-Pas nicht durch super Teamwork wettmachen würden; darüber hinaus war der Sound im Zelt sowieso brillant, man hat auch hinten jede Nuance gut gehört.

Nach zweieinhalb Stunden schließt Pur den Livekreis mit „Wiedersehen“ und noch minutenlang halt der „Ohohoho“-Refrain aus den 3000 Kehlen. Kein Zweifel: Wer dieses Konzert gesehen hat, der will, ja der muss diese Hammerband bald wiedersehen! Danke, Pur, für dieses fetzige Live-Erlebnis. Voller Stolz können die Zuschauer ihren frischgekauften Purpulli (45 Euro) nun durch die Lande tragen.

Dave Wégánd, Wiehremer Tagblatt



Der Grantler: Es war schrecklich

„Komm mit mir ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand.“

[Hartmut Engler, „Abenteuerland“]

Es ist einfach und billig, Pur und Purfans zu belächeln. Dennoch sei eine kritische Annäherung an das Phänomen Pur erlaubt: Wie schafft es die ehemalige Schülerband aus Bietigheim seit 30 Jahren, Tausende von Menschen mit erschreckend berechenbarem Deutschpop zu begeistern? In den uninteressanten Phasen des ZMF-Auftritts – es gibt ihrer nicht wenige – hat man Zeit, darüber nachzudenken.

Da ist zuerst mal Sänger Hartmut Engler. Charisma und ein Gespür für massentaugliche Thekenkommunikation kann man ihm nicht absprechen. Er dirigiert das Publikum mit dem Charme eines Motivationstrainers, erfrischend unspontan. Noch der kleinste Wink, die kürzeste Schmeichleransage ist durchkalkuliert.

So zum Beispiel die Behauptung, er sei Pärchenbeobachter. Nach der Einschätzung von Schmalspurpsychologe Engler gibt es drei Pärchentypen: Die Frischverliebten; die Resignierten, die sowieso daheim bleiben und nichts mehr unternehmen; drittens die Erfahrenen mit der Einstellung: „Es geht, wenn man sich bemüht.“ Letztere sehe er oft auf Purkonzerten. Beim Betrachten der Zuschauerreihen beschleicht einen das Gefühl, dass Engler eine vierte Gruppe unterschlägt: Die Ehemänner, die ihre Dauerwellenmuttis von hinten 150 Minuten lang mit gelangweiltem Gesichtsausdruck umschlingen und sich denken: „Daheim läuft zwar nichts mehr, aber die Purkarte, die ich ihr zusammen mit ner Plüsch-Diddlmaus geschenkt hab, verfehlt ihre Wirkung bestimmt nicht."

Songwriter Ingo Reidl, das musikalische Hirn von Pur, versteht es wie kein Zweiter, das gesamte Repertoire der Band mit flächigen Keyboardsounds zu verkleistern. Dieser Purschmier, ergänzt durch ermüdend durchstampfende Midtempo-Drums, bildet die Grundlage für den Bietigheimer Hitmix, der in schlimmster Wolfgang Petry-Manier durchs Zelt schallt, nur einen Tick langsamer als bei Petry. Da wird durchgeklatscht ohne Pardon.

Die mitgesungenen Texte brüllen die Damen in ihren Anglerwesten, wie zur Bestätigung, ihren Partnern ins Gesicht. Bei den langsamen Nummern wie „Wenn sie diesen Tango hört“ verlieren sich die Engleranbeterinnen in wilden Zuckungen. Ausdruckstanz Marke „Herzbeben“, die dabei entstehende Transpiration garniert das Zirkuszelt mit einer Duftmarke, wie sie sonst nur im Eugen-Keidel-Bad auftritt, nach der Wassergymnastik der Senioren.

Pur bedient seine Zuhörer im emotionalen Schonwaschgang mit musikalischen Banalitäten, die in fürchterlichen 0815-Gitarrensoli gipfeln. Verbrochen werden sie von Rudi Buttas und dass der Mann sich traut, dafür zeitweise eine Ibanez „John Petrucci“ zu verwenden, zeugt schon von Gotteslästerung. Petrucci würde seine Klampfe lieber zertrümmern, als sie diesem Banausen auch nur für einen Ton zu überlassen.

Bei zweieinhalb Stunden Pur langweilt man sich zu Tode, da helfen weder Bier noch die Englerschen Kirmesanheizersprüche á la „Jetzt geben wir aber noch mal so richtig Gas, was?!“ Abgestumpft von der ganzen Purbehäbigkeit, betäubt vom Mief aus Englers Stoned Washed Jeans und den dazugehörigen Textzeilen wanken wir zur Garderobe und holen unseren Verstand ab, den wir dort als Pfand abgegeben hatten.

David Weigend, fudder

Foto-Galerie: Gina Kutkat

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