Punks in Freiburg: "Anarchie funktioniert nicht."

Anne

Fast täglich sieht man sie in der Innenstadt sitzen: Punks, jüngere und ältere. Wie leben sie? Ist ihr Selbstverständnis noch vereinbar mit dem ursprünglichen Punkideal? Einige exemplarische Antworten, die Anne im Gespräch mit vier Freiburger Punks bekommen hat.



Was ist Punk?

"Weißt du was du mich kannst?" steht groß auf Andis Weste. Andi ist 23 und sitzt wie so oft mit seinen Kumpels in der Freiburger Fußgängerzone, um Geld zu schnorren. Provokantes Aussehen und selbstbewusstes Auftreten ist für Andi normal. Unter Punksein versteht er, das zu machen, was er will. Biene (34) und Tanja (32) sitzen nebendran und nicken. "Im Endeffekt macht sich jeder seinen eigenen Punk", sagt Biene. "Punk zu sein oder nicht zu sein hat man von Anfang an im Blut."



Andi kam in die Szene, weil ihn seine Eltern von zu Hause rausgeworfen haben. "Punks sind die Leute, die mich aufgenommen haben und die mich so akzeptieren, wie ich bin", sagt er. Tanja hat neuneinhalb Jahre lang in der Gastronomie gearbeitet und hat "irgendwann keinen Bock mehr gehabt, den Leuten in die Fresse zu grinsen." Deswegen sitzt sie heute hier.

Nicht wegschauen

Der 16-jährige Marvin hat da ganz andere Vorstellungen. Er sitzt unauffällig und ruhig an der Bahnhofsbrücke und hofft, dass er ab und zu ein bisschen Kleingeld bekommt.

Auf die Frage, was er denn unter Punk verstehe, antwortet er: "Punk ist so viel. Es geht einfach darum, dass man nicht wegschaut und nicht den ganzen Scheiß akzeptiert, der hier ständig abgeht und dass man versucht, dagegen anzugehen."



Marvin ist mit 9 Jahren von zu Hause rausgeflogen und war dann in verschiedenen Internaten, Heimen und Wohngruppen. Er hat auch eine Zeit lang auf der Straße gelebt. "Auf dem Internat hab ich einen Punk kennengelernt. Das war der erste Punk, den ich gesehen habe. Es hat mich dann einfach interessiert, was Punk eigentlich ist. Dadurch bin ich in die Szene gekommen." Sein 14-jähriger Bruder ist ebenfalls in einem Heim. Kontakt zu seinem Vater hat er nicht mehr, zu seiner Mutter nur noch übers Gericht.



Wohnen

"Wir wohnen entweder in 'nem Bauwagen oder in 'nem Wohnwagen und ab und zu mal gar nich", sagen Biene, Tanja und Andi. Einen festen Wohnsitz haben sie nicht, obwohl ein Teil von ihnen sogar arbeiten geht.

Marvin bekommt momentan eine Zwei-Zimmer-Wohnung von seiner Mutter finanziert und erhält einen monatlichen Lebensunterhalt von 220 €. "Das reicht mir gerade so zum Essen. Aber ich bin echt froh, eine Wohnung zu haben. Auf meine Anlage bin ich besonders stolz. Die hab' ich mal geschenkt bekommen. Wenn ich abends nach Hause komm, dann dreh' ich erstmal ordentlich auf und lass den Punk raus."



Lebensvorstellungen

"Vielleicht leb' ich in ein paar Jahren in 'nem Bauwagen, unrasiert und gammlig. Vielleicht aber auch nicht. Ich leb' von heute auf morgen. Da mach' ich mir noch keinen Kopf drüber, was in ein paar Jahren sein wird", sagt Biene.

Andi sieht sich in ein paar Jahren an der selben Stelle wie jetzt. Sein Leben hat er sich schon immer so vorgestellt. Momentan arbeitet er als Getränkelieferant und verbringt ansonsten seine Zeit mit anderen Punks. "Ich hätte vielleicht nur ein paar Situationen verändert."

Tanja ist momentan arbeitslos, bekommt aber demnächst wahrscheinlich einen 1-€-Job aufgebrummt. Sie meint: "Ich hab da sowas von keinen Bock drauf. Eigentlich hab ich nichts gegen Arbeit. Ich lass mich nur nicht verarschen."

Was Marvin in ein paar Jahren machen wird? "Keine Ahnung. Ich denk mal, dass es aufs Selbe rauslaufen wird wie jetzt. Aber ich bin so ganz zufrieden. Klar würde ich mir wünschen, dass einige Sachen in meinem Leben anders gelaufen wären, aber aktuell finde ich mein Leben ziemlich klasse", sagt er und dreht sich eine Zigarette.



Gesellschaft und Politik

Biene, Tanja und Andi halten sowohl von der heutigen Gesellschaft als auch von Politik gar nichts. Vor allem Andi wehrt sich strikt gegen Politik. "Ich bin absolut gegen Politik. Geld sollte abgeschafft und der Tauschhandel wieder eingeführt werden." Biene hat keine Meinung zur Politik. Er sagt nur: "Wenn ich Politiker wär, würde ich nicht hier sitzen." Tanja hält auch nicht viel von Politik, erst recht nicht von Religion: "Alles Schwachsinn."



Marvin konnte bei diesem Thema einiges mehr sagen: "Es gibt ja ganz viele Punks, die sagen: ,Wir wollen die Gesellschaft nicht und die Gesellschaft will uns nicht.' Aber ich bin zwangsmäßig ein Teil von der Gesellschaft. Ich finde zwar, ein Großteil der Gesellschaft hat einfach einen ziemlichen Schaden. Aber wenn ich sagen würde, die Gesellschaft is scheiße, dann würde ich dadurch auch sagen, dass ich scheiße bin. Ich versuche mich trotzdem so weit wie möglich aus der Gesellschaft auszugrenzen."

Und Politik? Marvin meint: "Politik muss ja ein Stück weit da sein. Anarchie funktioniert nicht, das weiß ich selber. Nur die Politik, die momentan läuft, von wegen Merkel und sowas, da halt ich nicht wirklich viel davon."

Mehr dazu:

fudder.de: Konflikt der Punkgenerationen im Walfisch