fudder-Interview

Psychotherapeut zu Stress unter Studierenden: "Der Spaß am Wissenserwerb bleibt auf der Strecke"

Claudia Förster Ribet

An der Uni Freiburg gibt Frank Henschke Kurse zu Selbstorganisation und Zeitmanagement. Claudia Förster Ribet hat mit dem Psychotherapeuten über Stress unter Studierenden gesprochen.

Dieses Semester geben Sie gleich zwei Selbstorganisationskurse für Studierende – die Nachfrage scheint groß zu sein. Gerade ältere Menschen schwärmen aber doch von der Freiheit, die sie während ihres Studiums hatten. Was hat sich verändert?

Henschke: Das Bild von Studierenden, die auf Wiesen herumliegen, kühne Theorien debattieren und versoffen am nächsten Morgen in unbekannten WGs aufwachen, gehört eher der Vergangenheit an. Für so etwas haben die Studierenden heute oft keine Zeit mehr. Mit der Verschulung der Universitäten seit dem Bologna-Prozess von 1999 rennen sie verstärkt von Druckpunkt zu Druckpunkt und versuchen, Credit Points zu sammeln. Die Anforderungen sind seitdem extrem gestiegen, der Spaß am Wissenserwerb bleibt bei vielen schon früh auf der Strecke.
Frank Henschke, (48), Dozent für Psychologie, hat Psychologie in Mainz studiert und ist Psychologischer Psychotherapeut. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen der Uni Freiburg gibt er Kurse zu Selbstorganisation und Zeitmanagement.

Nicht nur im Vergleich zu früher erleben Studierende heute mehr Stress: Einige Umfragen zeigen, dass sie gestresster sind als Berufstätige. Womit tun sich Studierende Ihrer Kurse schwer?

Henschke: Die wenigsten haben simple Organisationsprobleme, die man mit oberflächlichen Tricks lösen könnte. Meist sind sie gut organisiert, bekommen aber ihr Arbeitspensum dennoch nicht geregelt. Außerdem setzen sie sich neben den Leistungsanforderungen der Uni noch mit ihren eigenen, viel zu hohen Ansprüchen unter Druck. Dazu kommt, dass viele nebenbei Geld verdienen müssen – die vermeintlich größere Freizeit im Vergleich zu Berufstätigen ist also eher theoretisch. Es gibt auch Kursteilnehmer, die gut mit ihrem Pensum zurechtkommen und sich von meinen Seminaren nur ein paar hilfreiche Tipps erhoffen.

Was sind Ihre Tipps für einen besser organisierteren Alltag?

Henschke: Zunächst sollte man ein paar Fragen grundlegend klären: Wofür will ich wie viel Energie investieren? Was hält mich ab? Es werden Energiefresser identifiziert und abgeschaltet. Dann versucht man, Energielieferanten gezielter in den Tagesablauf zu integrieren. Einige müssen aber erst einmal erkennen, dass sie sich mit viel zu hohen Leistungsansprüchen selbst ausbeuten und auf eine energetische Sackgasse zusteuern. Selbstfürsorge ist das Stichwort, das beim Stress- und Zeitmanagement im Vordergrund stehen muss. Wenn es mir gut geht, bin ich leistungsfähig – nicht umgekehrt.