Prügeln und Schießen auf dem Tisch, an dem du sitzt: "Hamlet" im Theater der Immoralisten

Martin Jost

Das Theater der Immoralisten bringt den Ober-Klassiker "Hamlet" auf die Bühne. Wobei, nicht auf die Bühne, sondern an den Tisch. Und die Zuschauer sitzen zwischen den Schauspielern an der Tafel. Wir waren am Donnerstag bei der Premiere dabei.



Wer „Hamlet“ in der Schule oder an der Uni lesen durfte, ist noch auf dem Stand, dass es in dem Stück vor allem um Unentschlossenheit geht. Hamlet würde ja gern seinen ermordeten Vater rächen. Und er müsste sich wirklich nur einen Ruck geben und seinen Onkel umbringen. Aber dann kommt ihm doch immer irgend etwas dazwischen. Meistens, dass er zu viel nachdenkt. „Sein oder Nichtsein?“ ist da nur der Anfang vom Grübeln.


Die Theater sind ein Stück weiter als die Literaturwissenschaft. Manuel Kreitmeiers Inszenierung von „Hamlet“ mit dem Freiburger Ensemble Immoralisten sieht den dänischen Prinzen weniger als Zögerer und mehr als Amokläufer, der ganz langsam aber sicher ausrastet. Wie soll er auch nicht wahnsinnig werden, wenn sein eigener Onkel den Vater umbringt, um zuerst Hamlets Mutter und dann den Thron zu besteigen? Und Hamlet auch noch „mein Sohn“ nennt?



Bei den Immoralisten wird diese Familientragödie ausgetragen, wo Familien eben kämpfen: Am Tisch. Hamlet und das ekelhaft rummachende Königspaar sitzen an den entgegen gesetzten Enden einer langen Tafel. An den Seiten sitzt das Publikum und wird zwangsläufig von der einen oder der anderen Seite in den Krieg mit reingezogen. Die restlichen Figuren sitzen zwischen den Zuschauern.

Handys und „Ficken!“

Regisseur Kreitmeiers erklärtes Ziel war es, aus Hamlet ein Stück zu machen, in dem eben nicht die ganze Zeit nur geredet statt gehandelt wird. Die Schauspieler rennen um den Tisch, hauen mit der Faust darauf oder liefern sich Duelle auf derselben Tafel, an der wir sitzen.

Würde man „Hamlet“ ungekürzt aufführen, wäre das Stück leicht vier Stunden lang. Die Fassung der Immoralisten hat knapp zwei Stunden. Diese Raffung und Markus Schlüters Spiel in der Titelrolle lassen Hamlet eben nicht wie einen verkopften Feigling aussehen. Es ist seine Selbstkontrolle und nicht seine Feigheit, die ihn ein paar Mal knapp davon abhält, König Claudius umzubringen. Aber irgendwann ist er so gereizt, dass alles egal wird. Spoiler: Am Ende sind alle tot. Mordwaffen sind Revolver, Gift, Klappmesser und Plaste-Kuchengabeln. Die Reihenfolge verraten wir aber nicht.



Hamlets letzte Worte sind das berühmte „Der Rest ist Schweigen.“ Gut, bei den Immoralisten heißt es: „Der Rest ist … ach, ficken!“ Wie überhaupt alle immer „Ficken!“ fluchen. Auch die Requisiten sind einigermaßen modernisiert. Die Mitglieder des dänischen Hofs haben ständig Handys in der Hand. Das ist erstens nicht schlimm, weil es egal ist, ob sie eine königliche Depesche von einem Blatt Papier oder von einem Display ablesen. Zweitens ist es aber eine gute Möglichkeit, die Liebesgeschichte zwischen Hamlet und Ophelia als ständiges Whatsapp-Gefummel darzustellen. Mission erfüllt: Weniger Gelaber, mehr Tat.

Mehr dazu:

Was: Hamlet
Wo: Theater der Immoralisten @Stühlinger-Gewerbehof
Wann: 29.11., 30.11., 5.12., 6.12., 7.12., 13.12., 14.12., 15.12., 19.12., 20.12., 21.12.2013. Jeweils 20 Uhr
Wie viel: 17 Euro, ermäßigt 10 Euro
Web: Theater der Immoralisten [Fotos: Frank Müller]