Fall Maria H.

Prozess-Protokoll: Staatsanwältin spricht von Sicherungsverwahrung für Bernhard H.

Florian Kech

Im Prozess um die jahrelang verschwundene Maria H. aus Freiburg wird der Angeklagte ohne Publikum und Presse zu den Vorwürfen befragt. Derweil stellt die Staatsanwaltschaft eine Sicherungsverwahrung für Bernhard H. in den Raum. Er soll die Minderjährige in rund 100 Fällen sexuell missbraucht haben.

Der Richter bricht den öffentlichen Teil der Verhandlung ab. Wir beenden damit für heute die Live-Berichterstattung aus dem Gerichtssaal. Der nächste Prozesstag ist für kommenden Montag (13. Mai) angesetzt.

11.40 Uhr: Seit einer halben Stunde macht der Angeklagte nun Angaben zu seiner Person. Wir sind immer noch in den 70ern. Bernhard H. berichtet von guten Noten in seiner Ausbildung. Trotzdem wurde er zwischenzeitlich arbeitslos und lebte ein halbes Jahr im Zelt. "Das war kein Problem", sagt er.

Er ging zur Abendschule und wollte Abitur machen. Nebenbei jobbte er bei einem Hersteller von Laborgeräten. Dort arbeitete er von 1986 bis 2013. Man sei dort sehr zufrieden mit ihm gewesen. Er sei in den Betriebsrat gewählt worden.

Er erzählt von seiner On-Off-Beziehung mit einer Frau namens Monika, die er in Lemgo wieder getroffen habe. Diese hatte aus einer anderen Beziehung drei Kinder mitgebracht. Weil sie knapp bei Kasse war, habe er sie finanziell unterstützt. Monika und er heirateten 1991, im darauffolgenden Jahr kam ihre gemeinsame Tochter zur Welt.

Während der Ehe habe er stets gearbeitet. Für Hobbys sei keine Zeit gewesen. Er wurde Hausverwalter und habe Ärger mit Kurden bekommen. Er habe sich bedroht gefühlt und sah sich zu einem Umzug veranlasst. Daraufhin habe er sich den Republikanern angeschlossen. Er wurde zum Kreisvorsitzenden und wurde sogar in den Landesvorstand gewählt. Nach sechs Jahren hatte er genug. In der rechtsradikalen Partei seien "krumme Sachen" gelaufen, sagt er, das habe er nicht mehr mitmachen wollen.

Um 2000 erwarb er ein Haus in Blomberg. "Renoviert ohne Ende, Fußbodenheizung eingebaut und so weiter", sagt er. Die Beziehung zu seiner Frau sei zu der Zeit schon "kaputt" gewesen. Er beklagt mangelnde Wertschätzung. Seine Freizeit verbrachte er vor dem Computer. "Manchmal tippte ich einfach so rum wie ein Geisteskranker", sagt er, "um abzuschalten".

Trotz gelegentlichen Streits mit seiner Frau, sei er nie handgreiflich geworden. Er habe sein ganzes Leben nie jemanden geschlagen, beteuert Bernhard H.

Der Richter macht einen Sprung zum 6. September 2018, dem Tag, an dem H. in Italien verhaftet wurde. Im Oktober wurde er aus Freiburg in die JVA Karlsruhe verlegt. Es gab Gerüchte, dass es Insassen im Freiburger Gefängnis auf ihn abgesehen hätten, weil er ein Kinderschänder sei.

"Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?" Er habe Kontakt zu einem Kloster in Italien aufgenommen. "Die beten dort jeden Tag für mich", sagt H. und weint. Als Maria aus Italien abgehauen sei, sei er durch die Stadt geirrt und habe herumgeschrien.

Bernhard H. erklärt: "Ich weiß nicht, wie es mit Maria weiter geht. Ich werde die Arme immer für sie offen halten." Maria folgt den Äußerungen regungslos. In Deutschland kann sich H. keine Zukunft mehr vorstellen. Er gelte hier ja als Kinderschänder.

11.00 Uhr: Staatsanwältin Nikola Novak verliest die Anklageschrift. Sie beschreibt die Vorgeschichte, wie Bernhard H. in einem Chat Kontakt mit der minderjährigen Maria H. aufgenommen habe. Ihm sei das Alter des Mädchens damals bekannt gewesen. Die Frau des Angeklagten hatte ihren Mann, als sie den Chat entdeckte, angezeigt. Trotz Ermahnung der Polizei habe dieser den Kontakt aber heimlich fortgeführt.

Seit 2012 kam es zu heimlichen Treffen der beiden in Freiburg. Seit 2013 kam es zu weiterreichenden sexuellen Kontakten, so Novak. Weil ihnen die Mutter von Maria H. auf die Schliche gekommen war, beschlossen sie die Flucht nach Polen, wo sie sich einen Monat aufhielten. Im Juli 2013 fuhren sie über die Slowakei nach Ungarn. In Italien fuhren sie über Land bis nach Sizilien. Im Mai 2015 seien sie aus Angst vor den Fahndern weitergezogen.

Bernhard H. war die einzige Bezugsperson von Maria H. Sie ist wegen einer Erkrankung auf Medikamente angewiesen, die ihr der Angeklagte nicht besorgt habe. Ohne Wissen des Angeklagten nahm sie im vergangenen Jahr Kontakt zur ihrer Familie auf und vereinbarte ein Treffen, um sich abholen zu lassen.

Marias Mutter hatte während der Zeit über soziale Medien und TV-Auftritte nach ihr gesucht. Sie leidet heute unter einer Depression.

Dem Angeklagten wird zudem vorgehalten, Maria H. im Chat sexuell genötigt zu haben. Er sandte ihr Nacktbilder und forderte sie zu sexuellen Handlungen auf. Bei den Treffen in Freiburg übernachtete der Angeklagte in seinem Auto und später in einem Hotel.

Die Staatsanwältin beschreibt im Detail die sexuellen Übergriffe, die der Angeklagte an Maria H. vornahm. Bernhard H. habe den Wunsch geäußert, dass das minderjährige Mädchen von ihm schwanger werde. Sämtliche sexuellen Übergriffe seien ungeschützt erfolgt.

Maria H. habe immer wieder erklärt, dass sie sich vor den sexuellen Übergriffen fürchte. Das habe den Angeklagten zusätzlich gereizt, sagt Novak. Maria H. habe bereits mit einer anderen Person schlechte Erfahrungen. In Bernhard H. habe sie eine Art Schutzperson gesehen.

Als sie fünfzehn wurde, kam es zu keinen sexuellen Handlungen mehr. Die Beziehung der beiden sei zunehmend von Konflikten geprägt gewesen.

Der Angeklagte wird beschuldigt, das Kind in 98 Fällen sexuell missbraucht zu haben, seelische und körperliche Schäden bewusst in Kauf nehmend. Novak spricht von schwerem Missbrauch. Sie sieht die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung als gegeben.

Der Angeklagte folgt den Ausführungen ungerührt. Der Richter weist ihn auf sein Aussageverweigerungsrecht hin. H. erklärt, dass er Angaben machen wolle. Seine Angaben zur Person darf die Öffentlichkeit noch verfolgen.

H. erzählt von seiner Kindheit. Sie hätten keine Heizung gehabt. Mit drei Jahren habe sich seine Mutter vom Vater getrennt. Sie seien zur Großmutter geflüchtet, wo sie im Keller gelebt hätten. Beim Baden habe ihn seine Tante unsittlich berührt. Er sei ungefähr sechs Jahre alt gewesen. H. beschreibt detailliert die Wohnsituation bei der Großmutter mit Onkel und Tante.

Der Onkel habe "einen Schaden" gehabt, er habe ihn "geprügelt bis zum geht nicht mehr". H. fängt an zu weinen, als er erzählt, wie er aus Angst im Hühnerstall übernachtet habe. Von der Mutter habe er keinen Schutz erhalten. In der Schule sei er ein Außenseiter gewesen. Die Mutter, die in einer urchristlichen Sekte war, habe Kontakte mit anderen Kindern unterbunden. Noch mit 13 habe er regelmäßig vom Onkel Prügel bezogen. Von einem Bekannten sei er einmal sexuell missbraucht worden. Als H. das erzählt, bricht ihm die Stimme beinahe weg, doch er fängt sich wieder.

Er machte eine Lehre zum Tischler. Er erzählt von mehreren Unfällen am Arbeitsplatz. Einmal sei eine Heizung explodiert, wobei er sich schwere Verbrennung in Gesicht und am Körper zugezogen habe. Nach einem weiteren schweren Unfall habe er die Tischlerlehre abgebrochen. Das war 1978.

Seine Mutter hat in der Zwischenzeit wieder geheiratet. H. hat einen Bruder, der in Peru lebte. Er sei wohl ermordet worden, sagt H. Sein Vater, erwähnt er, habe sich erhängt. Auf Zwischenfragen gibt H. eifrig Auskunft. Er präsentiert sich insgesamt sehr gesprächsbereit. Während er spricht, streicht er mit seinem Finger oft durch den weißen Kinnbart.

Es gibt noch eine Schwester, zu der er keinen Kontakt pflegt. Nach der abgebrochenen Lehre zog er nach Bielefeld zu seiner Mutter und dem neuen Stiefvater. Mit 18 zog er aus, ohne sich von seiner Mutter zu verabschieden, sagt er. Er arbeitete in einer Lederwarenfabrik. Anfang 1979 begegnete er zwei Mädchen, die von zuhause abhauen wollten. Eine davon, erzählt er, sei wenig später in Frankreich vergewaltigt und umgebracht worden.

Der Richter fragt nach Beziehungen zu Frauen. Mit siebzehn habe er seine erste Freundin gehabt. Die habe sich einmal "einfach vor mir entblößt", erzählt H. Er erwähnt eine weitere Freundin. Mit dieser habe es aber keine sexuellen Kontakte gegeben. Später lernte er eine Französin kennen. Deren Mutter habe ihn "geschnappt", die habe etwas von ihm gewollt, sagt H. Er kichert.

Er lebte in Frankreich in einer WG. Der Richter fragt nach Drogen. "Niemals", sagt H. Nur "ganz minimal" Cannabis, sagt er. Wegen Haschisch war er einmal verurteil worden. "Keine große Geschichte", sagt er.

10.15 Uhr: Der Richter hat entschieden und verkündet seine Beschlüsse: Die Öffentlichkeit wird während der Vernehmung des Angeklagten ausgeschlossen. Die Verlesung der Anklage bleibt hingegen öffentlich. Die Anklage enthalte keine intimen Angaben, die es zu schützen gelte.

9.45 Uhr: Bernhard H.s Verteidiger Stephan Althaus beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit, sowohl für die Verlesung der Anklage als auch die Befragung des Angeklagten. Richter Arne Wiemann bittet die Medienvertreter und Besucher daraufhin, den Saal zu verlassen, um sich mit seinen Nebenrichtern zu beraten. Dieses Vorgehen ist eher unüblich. In 30 Minuten will er seine Entscheidung verkünden.

9.30 Uhr: Mit 25 Minuten Verspätung beginnt der erste Verhandlungstag im Prozess gegen Bernhard H. Der Angeklagte schützt sich beim Betreten des Saales mit einem aufgeklappten Aktenordner, den er sich vor das Gesicht hält. Auf dem Klappdeckel klebt eine Postkarte, auf der zwei Hände ein Herz bilden. Zudem trägt Bernhard H. eine Kapuze. Ein Dutzend Fernsehkameras und Fotoapparate sind auf ihn gerichtet. An seiner Seite sitzt Verteidiger Stephan Althaus.

Nun kehrt auch Maria H. wieder mit ihren Begleiterinnen zurück, darunter auch ihre Mutter. Sie sitzt dem Angeklagten gegenüber, der sich nach wie vor hinter dem Ordner verbirgt. Maria H. macht einen gefassten Eindruck. Im Gespräch mit ihrer juristischen Vertreterin lächelt sie sogar kurz.

9.15 Uhr: Das Interesse am Prozessauftakt gegen Bernhard H. ist groß. Medienvertreter aus ganz Deutschland haben sich in Saal IV des Freiburger Landgerichts versammelt. Auch die Besucherplätze sind voll besetzt. Die Fernsehkameras im Gerichtssaal sind auf den Eingang gerichtet. Es bildeten sich diesmal aber keine Warteschlangen wie bei den vergangenen bundesweit beachteten Prozessen. Durch den Eingang tritt um kurz vor 9 Uhr die inzwischen 19-jährige Maria H. Sie wird begleitet von ihrem juristischen Beistand. Nach wenigen Minuten verlässt sie den Saal wieder. Soeben dringt die Nachricht durch, dass der Angeklagte im Stau stünde. Das ist der Grund, warum sich der Beginn der Verhandlung verzögert.

Vorschau

Der Prozess vor der dritten Großen Strafkammer des Landgerichts Freiburg gegen den 58 Jahre alten Bernhard H. aus dem nordrhein-westfälischen Blomberg beginnt am Mittwoch, 8. Mai, 9 Uhr. Dabei geht es unter anderem um die Entziehung und den mutmaßlich schweren sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen in etwa 100 Fällen. Am zweiten Verhandlungstag (13. Mai) soll die heute 19-Jährige – wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit – aussagen; sie und ihre Mutter treten im Prozess auch als Nebenklägerinnen auf. Ein psychiatrischer Gutachter wird sich der Frage widmen, ob eine Sicherungsverwahrung in Frage kommt. Terminiert sind vorerst sieben Verhandlungstage. Gehört werden sollen 15 Zeugen. Ein Urteil könnte es demnach Ende Juni geben.

Bei Kindesentzug drohen dem Angeklagten laut Strafgesetzbuch bis zu fünf Jahre Haft, in schweren Fällen bis zu zehn Jahre.

Rückblick

Im Jahr 2011 nahm Bernhard H. Chatkontakt mit der damals elfjährigen, mit ihm weder verwandten noch persönlich bekannten Schülerin Maria H. aus Freiburg auf. Spätestens Anfang 2013 fanden laut Staatsanwaltschaft dann Treffen in Freiburg statt, bei denen es zu "sexuellen Kontakten bis zum Geschlechtsverkehr" kam. Der Kontakt flog auf, Treffen wurden untersagt. Die Polizei hielt eine "Gefährderansprache". Ein Verfahren wurde eingestellt.

Am 4. Mai 2013 kam Maria nicht nach Hause. Im Visier der Fahnder: der Elektriker aus Blomberg. Trotz großer Polizeifahndung und einer eigenen Suchaktion der Mutter in Sozialen Netzwerken blieben die beiden verschwunden. Nur einmal, im Juli 2013, gab es noch eine Spur aus Polen. Danach gab es keine konkreten Hinweise mehr. Bis sich Maria H., inzwischen volljährig, Ende August 2018 völlig überraschend aus Mailand bei ihrer Familie meldete und nach 1944 Tagen nach Freiburg zurückkehrte.

Bernhard H. wurde Anfang September auf Sizilien, wo die beiden nach außen als Vater und Tochter gelebt hatten, festgenommen und bald darauf nach Deutschland ausgeliefert.