Erstsemester

Protokoll einer Wohnungssuche in Freiburg: "Die Menschen sind hier sehr offen und freundlich"

Anika Maldacker

Alle Jahre wieder spitzt sich in Freiburg der Kampf um eine Wohnung zu: Zum Semesterbeginn kommen viele Erstsemester, die eine Bleibe suchen, die Notunterkünfte sind voll. Wir protokollieren die Suche des 21-jährigen Demian Schmidt.

Unbeantwortete Mails, hektische WG-Castings und horrende Mietsummen: Es gibt definitiv Lustigeres, als eine Wohnungssuche in Freiburg. Zum Wintersemester müssen tausende junger Erstsemester durch die Misere. fudder begleitet den 21-jährigen Demian Schmidt aus Konstanz bis zu dem Zeitpunkt, zu dem er eine dauerhafte Bleibe in Freiburg gefunden hat. Wir haben ihn über eine Facebook-Gruppe kontaktiert und überzeugen können, mitzumachen. Alle paar Tage rufen wir ihn an, um zu erfahren, wie es mit der Suche läuft.


Donnerstag, 12. September

"Vor rund einem halben Jahr hatte ich die Idee, in Freiburg zu studieren. Ich habe mich für den Studiengang Waldwirtschaft und Umwelt beworben – aber stand zunächst auf der Warteliste. Ich war auf Platz 214 – bis Platz 209 war man angenommen. Also habe ich den Plan erstmal beiseite geschoben. Mein Plan B war, Soziale Arbeit in Tübingen zu studieren oder ein Praktikum beim Nabu zu machen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, einen Platz in Freiburg zu bekommen, aber vor wenigen Tagen habe ich Bescheid bekommen, dass ich nachgerückt bin. Ich habe mich ungefähr eine halbe Stunde gefreut. Dann habe ich den Laptop aufgeklappt und auf Ebay-Kleinanzeigen angefangen, nach Wohnungen zu suchen. Da war es mit der Freude vorbei.

Ich habe dann die Facebook-App auf mein Smartphone runtergeladen, damit ich dort in Wohnungsgruppen schneller schauen kann. Aber dort kann man es total vergessen, was zu finden. Bei zwanzig Suchenden ist vielleicht mal einer dabei, der ein Zimmer anbietet, diese Posts werden aber in kürzester Zeit nur so von PN-Wünschen bombardiert.
Demian Schmidt, 21 Jahre alt, kommt aus Konstanz. Im Wintersemester 2019/20 wird er an der Uni Freiburg mit seinem Studium der Waldwirtschaft und Umwelt beginnen.

Ich würde sehr gerne in einer WG mit zwei bis fünf Leuten wohnen, in der gekocht und gelacht wird und am besten musiziert. Wenn ich ein WG-Zimmer für 300 Euro finden würde, wäre ich überglücklich. 400 Euro sind aber realistischer und auch noch in Ordnung. 500 Euro würde vielleicht auch noch gehen, aber es wäre schon viel. Meine Eltern werden mich unterstützen müssen. Wenn man zwischen 400 und 500 Euro Miete zahlen muss, kann man sein Zimmer ja nicht mit einem 450-Euro-Nebenjob finanzieren. Ich denke, die Mietpreise sind ein wirklich großes Problem für viele Studierende. Da nicht alle das Glück haben Unterstützung zu bekommen, schränkt es tatsächlich die gleichen Chancen auf Bildung ein und schränkt zumindest in Konstanz, woher ich das Problem kenne, die Diversität der Studenten ein. Es kann sich halt nur noch eine bestimmte Gruppe das Studieren leisten.



In vier Tagen habe ich über Ebay-Kleinanzeigen, Immobilienscout und Facebook sicherlich 25 Leute angeschrieben. Ich habe insgesamt nur sechs Antworten erhalten: Eine hat mir angeboten, direkt vorbeizukommen, was schwierig ist, weil ich noch in Konstanz wohne. Ein anderer schrieb, dass er mir ein Zimmer in einer katholischen Verbindung anbieten kann, und ich mich aber vom Wort Verbindung nicht abschrecken lassen solle. Ich habe ihm dann freundlich erklärt, dass ich kein Problem damit habe, mich mit Leuten zu verbinden, dass aber das Katholische nicht so meins ist."

Montag, 16. September

"Ich bin bisher noch nicht nach Freiburg gefahren, um Wohnungen zu besichtigen. Von Konstanz aus ist das doch ein ganzes Stück und es muss sich ja auch lohnen, dass man genügend Zimmer besichtigen kann. Morgen, am Dienstag, wollte ich eigentlich nach Freiburg fahren, um vier WGs zu besichtigen, aber drei haben mir schon abgesagt. Das ist total ärgerlich, denn ich habe einige Male mit denen hin- und hergeschrieben und nun kommt am Ende nichts dabei heraus. Also habe ich den Bus nach Freiburg storniert und suche von hier aus weiter. Ich suche mittlerweile auch auf WG-gesucht und dort gibt es ganz viele Angebote von Studentenverbindungen, wo zehn Männer zusammen wohnen. Die Miete ist immer unglaublich gering und ich denke, ich werde mir eines dieser Zimmer auch anschauen. Und das, obwohl ich es eigentlich daneben finde, dass in diesen WGs Frauen ausgeschlossen sind. Ich denke zwar, dass diese Wohnform nichts für mich ist und habe bisher auch nicht viel Positives über Verbindungen gehört, aber vielleicht ist es der Versuch ja wert.

Seit unserem letzten Gespräch habe ich 20 neue Angebote angeschrieben. Oft war es aber so, dass Anzeigen nur rund 20 Minuten online waren und dann, wahrscheinlich wegen dem Ansturm an Nachfragen, schon wieder offline – das hat mich ziemlich verwundert. Auf Ebay-Kleinanzeigen sieht man, dass sich für ein Angebot schon nach einer halben Stunde 200 Leute interessieren. Das ist Wahnsinn. Ich versuche nun auch, über Freunde von Freunden was zu finden – und kontaktiere jeden, der irgendwie eine Verbindung nach Freiburg hat."

Dienstag, 24. September

"Heute feiere ich in Konstanz eine kleine Abschiedsparty mit Freunden, daher habe ich nicht viel Zeit zum sprechen. Am Samstag war ich in Freiburg, um mir vier Wohnungen anzuschauen. Die erste war eine Verbindung. Die zwei Jungs, die dort waren, kamen mir merkwürdig vor. Mir war ziemlich schnell klar, dass das nicht passt. Was die Jungs erzählt haben, hat sich fast schon sektenartig angehört. Anschließend habe ich mir eine WG in der Wiehre mit zwei Mädels angeschaut. Die waren sehr cool, aber ich glaube sie fanden mich nicht so cool und waren wohl auch eher auf der Suche nach einer dritten Frau. Die nächste WG war mir etwas zu schick – dort hätte ein Zimmer 600 Euro gekostet. Die letzte WG war etwas schäbig, aber die drei Jungs dort waren direkt sehr offen und ich habe mich gleich wohl gefühlt.

Inzwischen habe ich auch eine Notlösung, wenn ich gar nichts finde. Ich habe drei Leute, bei denen ich je eine Woche auf der Couch pennen kann. Online gibt es immer weniger Angebote. Allerdings kann ich mir demnächst ein freies Zimmer, von dem mir Bekannte erzählt haben, in einer Vierer-WG anschauen. Vielleicht wird das was!"
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Freitag, 27. September

"Gestern war ich in Freiburg und habe mir drei Zimmer angeschaut. Ich bin schon mittags angekommen und hatte vor den Besichtigungen sechs Stunden Zeit. Also habe ich mir die Uni und meine Fakultät angeschaut und habe was gegessen. Spontan habe ich dann eine WG in der Lessingstraße besichtigt, das Zimmer ist aber nur für drei Wochen frei. Insgesamt würde ich 300 Euro zahlen.

Ich habe mir gestern aber auch noch ein Zimmer bei einer Familie in der Innenstadt angeschaut. Das wäre zwar unbefristet, aber ich würde schon gerne in einer WG mit anderen jungen Menschen leben. Mitten in einer Familie zu leben, ist schon etwas gewöhnungsbedürftig. Wohnen ist für mich eins der wichtigsten Dinge und ich will mich schon wohlfühlen. Ich habe mir dann noch ein Zimmer am Bischofskreuz in einem kleinen Mehrfamilienhaus angeschaut. Da hätte ich aber zweiter Hauptmieter werden müssen – und mit rund 600 Euro für ein Zimmer war mir das zu teuer.

Ich habe mich nun entschieden, ab Sonntag für drei Wochen das Zimmer in der Lessingstraße zu beziehen, denn meine Einführungswoche beginnt schon am 1. Oktober. Es gibt noch einen Plan B. Wenn ich nach den drei Wochen Zwischenmiete nichts habe, kann ich bei einer Freundin einer Bekannten eine Matte ins Zimmer legen. Am Sonntag ziehe ich dann nach Freiburg – aber nur mit dem Nötigsten in einem Bananenkarton."

Samstag, 5. Oktober

"Seit rund einer Woche wohne ich in Freiburg. Meine Mum hat mich letzten Sonntag hergefahren. Ich bin mit einem Rucksack, einem Karton und meinen beiden Gitarren in die WG in der Lessingstraße eingezogen und fühle mich dort sehr wohl. Schade, dass ich nur so kurz bleiben kann. Am ersten Morgen in der WG haben meine Mitbewohner schon über mich gescherzt, ich hab zuerst nicht verstanden warum, aber dann hat sich herausgestellt, dass sie das Protokoll meiner Wohnungssuche auf fudder gelesen haben. Auch in der Einführungswoche meines Studiengangs kam ein Kommilitone auf mich zu, weil er mich erkannt hat. Ich habe auch schon eine nette Facebook-Nachricht von einem Mädel bekommen – aber noch kein Wohnungsangebot.

Die Einführungswoche an der Uni zu meinem Studiengang ist super organisiert. Wir sind zu Beginn gleich alle zusammen mit den Tutoren in den Wald gegangen. Einen meiner Tutore kenne ich durch Zufall, ich habe ihn vor Monaten in Konstanz beim Trampen mitgenommen. Ich habe in der ersten Woche unglaublich viele neue Leute kennengelernt – und auch schon eine Band mit sechs weiteren Leuten gegründet. Mal sehen, was draus wird. Die Menschen sind hier sehr offen und freundlich.

Nach meine Ankunft habe ich die Wohnungssuche drei Tage sein lassen. Dann habe ich wieder geschaut und auch zwei Besichtigungen gehabt. Eine WG etwas außerhalb hat mir abgesagt, die andere habe ich nicht wollen. Es hat irgendwie nicht gepasst. Vielleicht sollte ich das Erstbeste nehmen, was ich kriege. Aber ich will mich in der Wohnung wohlfühlen. Was mich auch wundert: Ich habe mich auch für ein Zimmer in einem Studentenwohnheim beworben – aber gar nichts vom Studierendenwerk gehört."

Donnerstag, 10. Oktober

"Meine Motivation ein Zimmer zu suchen, wird immer kleiner. Ich habe das Gefühl, dass immer weniger Anzeigen online sind. Man schreibt so viele Leute an, aber es meldet sich kaum jemand. Ich habe nun auch ein Gesuch auf Wg-gesucht online gestellt, in das ich extra reingeschrieben habe, dass Studentenverbindungen nichts für mich sind – und trotzdem schreiben mich welche an. Liebe Verbindungsmenschen, könnt ihr nicht lesen?

Ich habe nun noch zwei Zimmer besichtigt: Eins in Kirchzarten bei einer älteren Dame, die super nett war. Dort hätte ich als Übergangslösung auch gern eine Weile gewohnt, aber sie hat eine Katze, auf die ich total allergisch reagiert habe. Dann war ich noch in einer Jungs-WG in der Dreisamstraße, die supercool ist. Dort kostet das Zimmer aber 550 Euro und das ist ganz schön viel. Mir haben auch wieder einige Leute kurzfristig Besichtigungstermine abgesagt. Auch vom Studierendenwerk habe ich nun eine Nachricht bekommen: Die Wohnheime seien alle voll, aber wenn was frei würde, stünde ich auf der Warteliste. Einer meiner Kommilitonen hat mich gefragt, ob ich wir nicht zusammen eine Vierer-WG gründen wollen. Ich habe auf jeden Fall Lust dazu, aber ich denke, dass es mindestens genauso schwierig wird, eine Vier-Zimmer-Wohnung in Freiburg zu finden. Wir versuchen es trotzdem.

Diese Suche zieht mich bisher noch nicht so arg runter. Wenn ich aus der WG in der Lessingstraße raus muss und nichts Neues habe, werde ich aber bestimmt ziemlich genervt sein. Bisher genieße ich den Neustart in Freiburg aber noch sehr und bin viel unterwegs."

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