Protokoll des Frusts: Das Tagebuch einer Wohnungssuche in Freiburg

fudder-Redaktion

Horrende Mieten, Massencastings und Absagen: Wer in Freiburg eine Wohnung braucht, hat es schwer. fudder veröffentlicht das anonyme Tagebuch einer Wohnungssuche – mit Frust, Fremdenfeindlichkeit und einer Überraschung nach 392 Tagen.

Wir sind ein junges Paar, beide Anfang 20, und wohnen in der Freiburger Umgebung. Seit einem Jahr sind wir vergeblich auf der Suche nach einer Wohnung in Freiburg. Selten hatten wir die Gelegenheit, uns Wohnungen überhaupt anzusehen – trotz etlicher Anfragen unsererseits. Nach einigen Wochen gaben wir die Suche immer wieder für kurze Zeit auf. Das lag unter anderem daran, dass wir beide mit Schule und Studium beschäftigt waren.


Nun habe ich beschlossen, meinen Studiengang aufzugeben und einen neuen zu beginnen, der teilweise in Furtwangen stattfindet. Ab nun ist klar, dass ein Umzug nach Freiburg sein muss – wegen der Bahnverbindung nach Furtwangen. Wir konzentrieren uns mit all unserer verbliebenen Zeit und Kraft auf die Suche.

Tag 1, Jahr 2

Ich bin in vier Gruppen auf Facebook aktiv, mittwochs und samstags lese ich die Zypresse und rufe Leute an. Schnapp.de und andere Möglichkeiten, die online zu finden sind, checke ich jeden Tag doppelt. Ich frage mich, ob das überhaupt etwas nützt und ob potenzielle Vermieter überhaupt noch inserieren. Unter den Gesuchen stehen meistens viel mehr Anzeigen als bei den Angeboten. Deshalb haben wir uns nun auch dazu entschieden und eine Anzeige für die Zypresse geschrieben – die gibt es am Samstag online und auf Papier zu lesen. Mal sehen, ob wir unter all den Wohnungssuchenden überhaupt auffallen und interessant genug sind. Hat mich immerhin 20 Euro gekostet …

Tag 2, Jahr 2

Habe mich eben auf fünf Anzeigen gemeldet. Alle nur per Email oder Chiffre, weil nirgendwo eine Nummer angegeben war. Das hat mich gut eine Stunde gekostet. Das tut es oft. Weil ich gerne jede Anfrage neu formuliere, um auf die individuellen Wünsche der Anzeige einzugehen – Nichtraucher, keine Haustiere, festes Einkommen. Dinge die zumindest zutreffen. Manchmal wird sogar noch viel mehr erwartet: Einzelpersonen, über 50 Jahre alt, Pendler – oder am besten sogar jemand, der die Wohnung als Zweitwohnsitz nutzen möchte und damit möglichst selten dort ist.

Außerdem haben wir heute mal wieder eine Selbstauskunft ausgefüllt und versendet. Damit geben wir alle unsere Daten preis – sowie unser gesamtes Einkommen. Wirklich wohl fühle ich mich dabei nie. Oft bekommt man nicht mal auf solche Emails eine Rückmeldung, obwohl man sich die Mühe macht. Mal sehen, ob sich von diesen fünf Anfragen überhaupt jemand zurückmeldet.

Tag 4, Jahr 2

Es hat sich nicht eine einzige Person auf unsere Anfragen gemeldet. Einen Tag später hab ich nochmal zwei verschickt. Darauf hat sich eine Person über Ebay gemeldet. Nachdem wir jedoch den genannten Besichtigungstermin bestätigt und um die Adresse gebeten hatten, kam auch hier keine Rückmeldung mehr.

Währenddessen kam unsere eigene Anzeige in der Zypresse online. Tatsächlich haben sich darauf zwei Personen gemeldet. Der erste Anruf war sehr freundlich – ein Anwohner, unter dem eine Wohnung frei wird. Der Vermieter des Hauses bat die darin wohnenden Mieter, sich nach geeigneten Neumietern umzusehen. Der Anwohner meldete sich daraufhin bei uns. Wir hatten ein sehr nettes Gespräch, bisher konnte ich jedoch den Vermieter nicht erreichen.

Der zweite Anrufer war weniger freundlich. Er rief gestern Abend, also am Sonntag, um 22.30 Uhr an. Da das für einen Sonntagabend eine doch ziemlich späte Uhrzeit ist, nahm ich erst beim zweiten Anruf ab. Darüber schien der Herr bereits sehr empört. Wir sprachen kurz über die Wohnung, dann wollte er nochmals meinen Nachnamen wissen.

Da mein Freund jedoch den Termin am kommenden Mittwoch wahrnehmen sollte, buchstabierte ich ihm auch seinen Nachnamen. Er hat die türkische Staatsangehörigkeit, ist jedoch in Deutschland geboren und aufgewachsen. Deshalb kam daraufhin gleich in einem unfreundlichen Ton die Nachfrage, welche Nationalität mein Freund hätte und auf meine Antwort zunächst erst mal ein, ebenfalls pampiges und unfreundliches "naja, okay".

Der Termin am Mittwoch stand also zunächst. Bis heute Morgen ein erneuter Anruf kam. Die Frau des Vermieters wäre dagegen, ein Paar als Mieter auszuwählen, da sie damit schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Daraufhin erklärte ich, dass wir bereits seit drei Jahren zusammen sind und seit zwei Jahren zusammen wohnen. Brachte jedoch nichts, denn die Frau sei strikt dagegen.

Mein Freund und ich unterhielten uns danach noch eine Weile darüber. Wir sind uns einig: Wir sind uns ziemlich sicher, dass nicht wir als Paar der Grund für die Absage waren, sondern der türkische Nachname meines Freundes. Ich habe auch zuvor die Erfahrung gemacht, dass ich grundsätzlich eher eine Antwort erhalte, wenn ich nur meinen deutschen Nachnamen dazu schreibe.

Tag 7, Jahr 2

Ich habe momentan nicht viel Zeit, mich um die Wohnungssuche zu kümmern. Dennoch haben wir Ende dieser Woche zwei Besichtigungstermine, auf die wir uns schon sehr freuen.

Tag 9, Jahr 2

Aus der einen Besichtigung wurde leider doch nichts, da ich durch einen sehr starken Migräne-Anfall kurzfristig ins Krankenhaus musste und mein Freund mich begleiten musste. Die Vermieter hatten großes Verständnis und wollen sich kommende Woche nochmal mit einem neuen Termin bei uns melden. (Taten sie nicht, Wohnung ist bereits vergeben.)

Die andere Besichtigung war leider ein totaler Fail. Die Wohnung befand sich extrem weit außerhalb, am Rand von Tiengen. Mit Bus und Bahn circa 40 Minuten bis in die Stadtmitte. Das ist ein Kompromiss, den wir nur bei einer perfekten Wohnung eingehen würden. Die war jedoch alles andere als perfekt. Leider hatten wir zuvor nur sehr wenige Informationen, sonst hätten wir uns wohl direkt gegen eine Besichtigung entschieden. Es war eine Kellerwohnung, die extrem schlecht geschnitten war, die Räume unendlich dunkel, mit einer alten kleinen Küchenzeile. Außerdem müffelte es etwas.

Tag 16, Jahr 2

Obwohl ich in den letzten Tagen insgesamt bestimmt über 15 Anfragen verschickt habe, haben sich daraufhin nur zwei Personen gemeldet. Die eine Wohnung kam durch sehr ungünstige Lage leider doch nicht für uns in Frage. Das ist immer ein Problem: Meistens erhält man die genaue Adresse nicht auf Anhieb. Für uns ist die Lage aber von besonderer Bedeutung, da wir beide keinen Führerschein und kein Auto haben – im besten Fall sollte also in der Umgebung auch eine Einkaufsmöglichkeit sein. Diese Wohnung hätte zwar einigermaßen gute Anbindung an Freiburg gehabt, im ganzen Dorf gäbe es jedoch nicht die kleinste Möglichkeit für einen Einkauf.

Morgen steht ein Besichtigungstermin an. Ich muss arbeiten, also muss mein Freund die Vermieter von uns überzeugen. Mal sehen wie das wird mit dem dichten Bart und eindeutig ausländischen Aussehen.

In letzter Zeit werde ich immer verzweifelter. Wir suchen schon so lange, viel zu lange. Obwohl wir nicht mal hohe Ansprüche haben. Weil wir etwas Langfristiges suchen, wollen wir uns aber auch nicht mit einer schlechten Lage zufrieden geben. Finanziell sind wir auch sehr gut abgesichert, obwohl wir keine Bürgschaft vorzeigen können. Wir bekommen aber nicht mal die Chance, uns als Personen zu beweisen. Das ist so frustrierend!

Tag 27, Jahr 2

Der Besichtigungstermin vom letzten Eintrag war überraschenderweise erfolgreich: WIR HABEN ENDLICH EINE WOHNUNG GEFUNDEN! Und das völlig unerwartet. Wir waren so hoffnungslos, dass uns das total überrascht hat. Zwei Tage nach der Besichtigung haben wir schon den Mietvertrag unterschrieben und haben die Schlüssel bekommen. Momentan sind wir am Planen für den Umzug, die neue Einrichtung und die neue Küche, die wir für die Wohnung benötigen. Die Wohnung hat für uns eine perfekte Lage – zehn Minuten mit dem Zug bis an den Freiburger Hauptbahnhof mit sehr guten Verbindungen.

Der Vermieter hat sich für uns entschieden, da wir – wohl im Gegensatz zu den anderen Bewerbern – keine großartigen Ansprüche stellten. Bei der Besichtigung waren wohl wieder einmal sehr viele Leute da, die sich die Wohnung ansahen, weshalb mein Freund auch nicht viel Gelegenheit hatte, sich mit dem Vermieter zu unterhalten. Dennoch hinterließ er unsere Kontaktdaten und wohl auch einen guten Eindruck, ohne dafür wirklich etwas zu tun.

Nur wenige Stunden später erhielt er einen Anruf vom Vermieter, der uns für den folgenden Tag nochmal zu zweit in die Wohnung einlud. Jedoch mit einer Voraussetzung: Er sei ja nicht rassistisch, aber er würde nicht wollen, dass ich hier mit Kopftuch rumlaufe. Uff. Mein Freund sagte trotzdem zu und so konnten wir ihn am nächsten Tag von uns – ohne Kopftuch, da ich keines trage – überzeugen.

Nach langen Gesprächen mit dem Herrn denke ich jedoch, dass er mich auch mit Kopftuch akzeptiert hätte, denn er scheint doch ein offener Mensch zu sein. Witzigerweise fanden wir ein paar Tage später heraus, dass dies der Vermieter war, dessen Nummer ich bereits durch unsere Anzeige in der Zypresse hatte – und nie erreicht habe. Auch heute noch geht er kaum an Telefon ...

Wir sind unglaublich erleichtert, dass wir nun endlich eine Wohnung gefunden haben. Deshalb möchten wir jedem mit auf den Weg geben: Bloß nicht aufgeben! Die Wohnungssuche ist ein oft langer Prozess, der viel Kraft kostet. Aber für jeden gibt es etwas und deshalb bitte nie aufgeben und immer weiter suchen!

(Redaktion: Felix Klingel)
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