Freiburg

Protest bei Neubauten in der Wiehre läuft meist ins Leere

Jelka Louisa Beule

Die Proteste der Bürger bringen nichts, die Stadtverwaltung scheint zudem machtlos zu sein: Immer wieder werden im Stadtteil Wiehre Alt- durch Neubauten ersetzt.

Es sind immer wieder die gleichen Diskussionen: Altehrwürdige Häuser werden abgerissen und durch schnörkellose Neubauten, oft mit Flachdach, ersetzt. Auch wenn sich viele Bürger aufregen: Der Protest verläuft zumeist ins Leere. Und die Stadtverwaltung argumentiert ein ums andere Mal, dass sie machtlos ist. Aktuell gibt es gleich drei Fälle im Stadtteil Wiehre. Bei einem Gebäude wird derzeit noch geprüft, ob es unter Denkmalschutz steht. Das könnte den Abriss verhindern.


"Ich finde es furchtbar" Gabi Gehl
Ein Jahr lang hat Gabi Gehl gekämpft. Sie wohnt in der Wiehre unweit einer Villa aus den 1930er Jahren. Als sie gehört hat, dass das Gebäude an der Erzherzogstraße abgerissen werden soll, hat sie alle Hebel in Bewegung gesetzt. Aber ohne Erfolg: Inzwischen sind die Bagger angerückt. Auch etliche alte Bäume werden gefällt. "Ich finde es furchtbar", sagt Gabi Gehl. Denn statt der Villa werde nun ein größerer "Flachdach-Klotz" gebaut. Sie kann nicht verstehen, dass Stadtverwaltung und Politik tatenlos zusehen.

Bereits dem Erdboden gleichgemacht wurde eine Villa an der Ecke Silberbachstraße/Beethovenstraße. Der hier entstehende Neubau ist ebenfalls größer dimensioniert, wird aber ein geneigtes Dach bekommen. Außerdem steht ein zweieinhalbgeschossiges Gebäude in der Lorettostraße 14 zur Disposition, es stammt aus den 1860er Jahren. Im Internet wirbt ein Immobilienbüro damit, stattdessen einen Neubau mit vier Etagen plus Dachgeschoss errichten zu wollen. Aktuell prüft das städtische Baurechtsamt – gleichzeitig Untere Denkmalschutzbehörde –, ob das Gebäude erhaltenswert ist.

Fälle in der Wiehre und in Herdern

Drei Fälle – und beileibe nicht die einzigen. Immer wieder gibt es Diskussionen: vor allem in den Gründerzeitvierteln Wiehre und Herdern, aber auch in weitern Teilen der Stadt. Sogar ein Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht konnte 2011 nicht den Abriss einer anderen Villa an der Silberbachstraße verhindern. Hier stehen nun zwei würfelförmige Mehrfamilienhäuser. Hermann Hein von der "Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild" kennt all diese Beispiele. Er setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt der historischen Bausubstanz in Freiburg ein. Ein Kampf gegen Windmühlen. "Aber wir versuchen immer wieder, Überzeugungstäter zu sein", sagt Hein.

Rein rechtlich nämlich ist die Situation oft schwierig. Selbst der Denkmalschutz schützt nicht unbedingt vor einem Abriss. Prominentes Beispiel: das historische Ratsstüble in der Innenstadt, das vor zwei Jahren die Gemüter erhitzte und inzwischen Geschichte ist. Der Fall einer Villa an der Wintererstraße in Herdern landete 2015 sogar vor Gericht. Am Ende wurde auch dieses Gebäude trotz Denkmalschutz zum Abriss freigegeben.

Ohne Denkmalschutz wird es schwierig

Besteht kein Denkmalschutz, wird es erst recht schwierig. Wenn im Baurechtsamt Fälle wie die aus der Erzherzogstraße oder der Silberbachstraße auf dem Tisch landen, "dann haben wir keinerlei Handhabe, den Erhalt der Gebäude zu fordern", macht der stellvertretende Amtsleiter Holger Ratzel unmissverständlich klar. Nur weil ein Haus ortsbildprägend ist und die meisten Menschen es schön finden, bedeute das noch lange nicht, dass es erhaltenswert sei. Und nicht jedes Gebäude könne unter Denkmalschutz gestellt werden: "Da gibt es strenge Kriterien."

In Deutschland gebe es zudem ein Recht am Eigentum, erklärt Ratzel. Kurz gesagt: Wie jemand sein Grundstück nutzt, ist innerhalb der rechtlichen Grenzen seine Sache. Und die Vorgaben sind eher lasch: Für große Teile der Stadt existieren keine Bebauungspläne, die Details festlegen. Einzige Vorgabe ist, dass sich Neubauten in die Umgebung einfügen müssen. Dabei gibt es Spielräume. Besonders kommerzielle Investoren versuchten, diese auszureizen, sagt Ratzel.

Recht am Eigentum bietet Spielräume in der Gestaltung

"Klar, es geht ums Geld", sagt auch Hermann Hein von der "Arge Stadtbild". Er wertet es zumindest als Erfolg, wenn die Bauherren ihre ursprünglichen Entwürfe noch einmal nachbessern. Ein Beispiel: Die Häuser, die anstelle des Gasthauses Hirschen im Stadtteil Günterstal entstanden sind. Für dessen Erhalt hatte sich 2010 sogar eine Bürgerinitiative stark gemacht, das Gebäude stand ebenfalls nicht unter Denkmalschutz. Generell sei nicht jeder Neubau schlecht, sagt Hein. Aber er müsse qualitätsvoll sein.

Und warum stellt die Stadtverwaltung nicht mehr Bebauungspläne auf, um die Entwicklung bessern zu steuern? Das sei zum einen sehr aufwändig, erklärt Ratzel – und die eigentliche Architektur könne auch ein Bebauungsplan nicht regeln. Tatsächlich entzündet sich die Diskussion häufig nicht an Höhe oder Breite der Planungen, sondern an der Gestaltung. Auch andere Instrumente wie städtebauliche Erhaltungssatzungen hält Ratzel für ganze Stadtteile nicht für realisierbar: Dafür sei beispielsweise die Wiehre viel zu inhomogen bebaut.