Pro & Contra: Wandern ist (nicht) cool

Laura Wolfert & Jana Mack

Zurück zur Natur – aber bitte nicht zu Fuß! Die Meinungen unserer Autorinnen zum Thema Wandern könnten unterschiedlicher nicht sein: Warum wandern (nicht) cool ist.



Meine Meinung: Wandern ist langweilig und unsexy

Von Laura Wolfert
Wandern ist unsexy. Und woran liegt das? An den Dreiviertel-Khaki-Hosen, die an der Brust anfangen und am Knie enden - die jeden Knack-Po zu einer Birne formen. An den hochgezogenen Wollsocken. An den Jack-Wolfskin-Caps, an denen ein Sonnenschutz für den Nacken befestigt ist - und somit aussehen wie Vokuhila-Frisuren.

Das Problem: Andere Anziehsachen sind unbequem, wenn du richtig wandern willst. Dann musst du deine zerfetzten Allstars zurück in den Schrank packen. Das sind keine geeigneten Schuhe! Kram deine Timberland-Boots aus der Kommode und entstaube sie.

Wandern ist kein gemütlicher Spaziergang

Von Pilzesammeln oder mit dem Hund Gassi gehen ist nämlich nicht die Rede. Nacktschnecken, Wanderstöcke, über mehrere Stunden im Schwarzwald schwitzen: Das ist richtiges Wandern! Was ich da zu sehen bekomme: Regenwürmer, Steine, Blätter und Bäume - deren Namen ich seit der Grundschule nicht weiß.

Wandern ist Sport und auch kein Sonntagsspaziergang. Häufig wird das verwechselt - wie Nordic-Walking und das, was die Rentner machen: quatschen. Zwei Schritte laufen. Den Stock provisorisch hinter sich her schleifen und natürlich: quatschen. Richtiges Wandern, das ist anstrengend und langweilig.

Wandern ist fürs hohe Alter, nicht für junge Menschen

Wandern ist was für Rentner. Für Rentner, die nicht mehr richtig joggen können, aber fit bleiben wollen. Die keinen Bock mehr haben, Florian Silbereisen im Fernseher lächeln zu sehen. Rentner, die Abwechslung brauchen – ohne weit zu fahren, ohne Aktion.

Rentnern reicht es aus, Schnecken am Boden kriechen zu sehen. Sie haben die Welt schon entdeckt, haben getanzt, getobt, geweint. Was sie jetzt noch wollen: Ruhe. Sie, alleine in der Natur – zwischen Fichte und Kiefer. Und ich? Ich will hören, wie Rockstars auf Bühnen in das Mikro brüllen – und keine Vögel, die im Schwarzwald zwitschern.

Kurz um: Wandern ist scheiße

Wandern ist einfach scheiße. Warum? Mir stehen keine Jack-Wolfskin-Caps, die aussehen wie Vokuhila-Frisuren. Ich habe keine Timberlands, die ich entstauben kann – und ich will auch keine haben. Ich bin fit - ich kann joggen gehen, wenn ich Sport machen will. Dafür muss ich nicht mehrere Stunden durch den Wald latschen.

Ich will keine Schnecken beim Kriechen beobachten. Ich will etwas erleben, was ich später als Rentnerin den Vögeln erzählen kann. Ja, wenn ich älter bin, werde ich sicherlich mal wandern gehen - aber so richtig mit Dreiviertel-Khaki-Hose und Wollsocken. Ohne zu quatschen. Bis dahin kann ich auch die Fichte von einer Kiefer unterscheiden – hoffe ich zumindest. Aber selbst als Rentnerin, die mit Vögeln spricht: Diese Nordic-Walking Wanderstöcke bleiben zu Hause – denn die sehen einfach dämlich aus.







Meine Meinung: Wandern ist eine verdiente Auszeit!

Von Jana Mack
Wandern - das ist das, wozu uns unsere Eltern früher regelmäßig gezwungen haben. Wozu es allerhöchste Überredungskünste gebraucht hat, inklusive dem Versprechen auf (mindestens) ein Eis am Ankunftsort. Und das Wandern soll des Müllers Lust gewesen sein... doch was, wenn Müller es gar nicht mehr gewöhnt ist, sich in der freien Wildbahn zu bewegen? Was, wenn er seltene Vögel vorzugsweise mit dem Handy einfängt, anstatt ihnen in ihrer natürlichen Umgebung zu begegnen?

Die geheime Sprache der Eichen

Ich liebe die Natur – schon immer! Niedliche Blümchen im Park bestaunen, dem Knatschen der uralten Eiche vor meinem Bürofenster lauschen, die Basilikum-Pflanze auf meinem Balkon wachsen zu sehen. All das ist für mich Natur. Und das kommt nicht von irgendwoher. Schon als Kind war ich sehr naturverbunden. Bestes Beispiel: der Streit im Auto um den Sitzplatz am Fenster - um bei der Fahrt durchs Höllental den Hirsch und das Kreuz unbedingt gleichzeitig sehen zu können. Die pure Lust auf Natur! Bis zu dem Punkt an dem es immer hieß "So, aussteigen, wir laufen jetzt los!"

Doch dann eines Tages habe ich es gewagt und bin einfach so losgewandert – straight into the deep black forest – und habe meine eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen gemacht.

Endlich mal ohne Handyempfang sein

Warum ist das Wandern also cool? Es zwingt mich praktisch dazu, mich auf intensivere Gespräche mit meinen Mitmenschen einzulassen. Der Mehrwert eingeschränkten Handyempfangs liegt für mich darin, meinen mitspazierenden Freunden mal wieder wirklich zuhören zu können. Ungestört, ganz ohne Ablenkung durch das penetranten Vibrieren eingehender WhatsApp-Nachrichten und wild gewordener Pokémons. Denn wenn das andauernde Handyhervorziehen unweigerlich mit schweren Stürzen verbunden ist, überlege ich es mir gleich zweimal, ob es mir das Snapchatvideo wert ist.

Auch alleine wandern gehen ist möglich. Dabei habe ich gelernt, schöne Momente bewusst mit mir selbst zu teilen und somit meinen 57 Instagram-Followern vorzuenthalten. Ich spare mir die Gedanken darüber, welcher Vintage-Filter die alte Holzbank noch ein bisschen mehr vintage wirken lassen könnten und nehme dafür die Dinge, die um mich herum passieren, viel bewusster wahr. Ganz ohne Meditationskurs wandere ich mir so mögliche Depressionen, Burnout und Erschöpfungszustände einfach vom Leib.

Ein paar gute Schuhe reicht völlig aus

Meinen Drang zum Minimalismus kann ich in puncto Ausrüstung ausleben: ein paar Schuhe (nein, nicht die weißen Sneaker), eine Wasserflasche, ein Freund und ein wenig Planung – fertig. Dabei kommt es gar nicht so unbedingt darauf an, wo genau ich wandern gehe, sondern vielmehr mit wem. Für die ganz harten Fälle greife ich dann aber doch gerne auf die alten Ratschläge meiner Eltern oder den örtlichen Straußenratgeber zurück. Und siehe da: bei der Aussicht auf Spätzle mit Schnitzel in Rahmsoße bekommt auf einmal selbst der kritischste Müller wieder Lust aufs Wandern.