Privatroman im Internet

Carolin Buchheim

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek veröffentlicht auf ihrer Website schon seit Mitte der 90er Jahre in unregelmäßigen Abständen literarische Texte, Kommentare und Fotos. Heute würde man das wohl "bloggen" nennen, auch wenn Jelineks organisch gewachsene Website nicht einem Blogformat entspricht. Jetzt veröffentlicht Elfriede Jelinek auf ihrer Website auch ihren neuesten Roman: "Neid".

Wer Elfriede Jelineks Website besucht und auf der wunderbar altmodischen frame-designten Seite auf "Aktuelles" klickt, kann dort zwei Kapitel ihres neuen Romans "Neid" lesen; Insgesamt stehen bereits mehr als 100 Seiten des Texts kostenlos zur Verfügung.


"Sämtliche hier wiedergegeben Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden." steht als Lizenz unter den beiden Kapiteln, wie unter allen ihren Texten im Internet. Das Verbot des Zitieren überrascht, sind doch sowohl im deutschen als auch im österreichen Urheberrecht (Deutschland: §51 UrhG; Österreich: §46UhrG) Zitaten aus urheberrechtlich geschützten Werken zulässig, wenn sie in 'selbständigen sprachlichen Werken' getätigt werden.

Der Grund für Jelinkes Zitierverbot: Für sie haben Texte im Internet eine eigene Qualität. Ihr neuer Roman ist für sie ein "Privatroman", der, obwohl er im öffentlichsten aller Orte, dem Internet, erscheint, durch seine Privatheit gekennzeichnet wird. Privatheit bezieht sich dabei sowohl auf die Erscheinungsform, die eigene Website, die sozusagen als Eigenverlag dient, als auch auf den Inhalt. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Jelinke, dass auch "mehr Privates" in den Roman einfließe.

Die Widersprüchlichkeit der öffentlichen Privatheit im Internet, ein Thema, dem jeder begegnet, der irgend etwas von sich im Internet veröffentlicht, egal ob er sich Blogger nennt oder nicht, hat Jelinek erkannt. "Das Internet ist aber eine andere Form der Öffentlichkeit, denn die Öffentlichkeit im Netz ist virtuell", sagte sie der FAZ. "Wenn alle etwas lesen können, dann kann es eben auch keiner."



Auch der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit von Texten im Internet ist sich Jelinek bewusst: "Ich schreibe den Text, aber gleichzeitig kann ich mich auch hinter ihm verstecken, denn er ist ja sozusagen nicht-geschrieben." Die Nobelpreisträgerin hat also, als langjährigen Internet-Veröffentlicherin, das seltsame Medium Internet und die Besonderheit literarischer Texte dort offensichtlich verstanden und macht es sich zu nutzen.

"Neid" soll ausschließlich im Internet erscheinen. Die beiden bisher veröffentlichten Kapitel erschienen jeweils Anfang März und Anfang April; sollte Jelinek diesen Veröffentlichungs-Rhythmus beibehalten, ist mit einem neuen Kapitel jederzeit zu rechnen.

Sicher ist natürlich nichts. "Außerdem behalte ich mir vor, falls ich scheitere oder zu scheitern glaube, den Roman als Torso einfach so stehenzulassen, ihn nachträglich umzuschreiben oder ihn einfach aus dem Netz zu nehmen, falls ich das möchte beziehungsweise falls ich es nicht aushalte, dass er da einfach so steht und blöd aus dem Bildschirm herausglotzt."

Da geht es der Nobelpreisträgerin nicht anders als den Millionen Bloggern und sonstigen Autoren, die im Internet Texte veröffentlichen.

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