Pride and Ignorance: Roller, Ska und Skinheads

David Weigend

Am ersten Mai soll ein großer Rollerkorso durch den Schwarzwald stattfinden, verbunden mit einem Ska- und Rock 'n' Roll-Konzertabend im Walfisch. Wir haben uns von Initiator Kim Briddigkeit die Details erklären lassen. Ein Portrait auch über Abgrenzungen und Strömungen in der Skinheadszene.



Tag der Arbeiter(fort)bewegung

Der erste Mai könnte fürs beschauliche Münstertal ein Knattertag werden. Die Münstertäler dürfen sich schon mal auf den Anblick von 40 bis 50 Vespafahrern freuen, die im Korso gen Stohren knattern. Nicht irgendwelche Schrauber, sondern stolze Vertreter der Arbeiterklasse, Offbeatfans und Skafreunde, Skinheads im ursprünglichen Sinne. Ob auch die kleineren Maschinen mit weniger als 25 PS den Stohren packen, soll noch eine Testfahrt zeigen. Andernfalls sucht man eine Alternative, denn die "Kleinen" sollen unbedingt auch mit.

Die tuckern dann durch den Schwarzwald, treffen sich abends im Walfisch, wo sie sich einen ordentlichen Grillteller einverleiben und schauen sich dann das Konzert an von zwei Bands, es soll gefeiert werden, bis der Morgen graut.



Derjenige, der sich das Ganze ausgedacht hat, heißt Kim Briddigkeit. Der 31-jährige Freiburger ist Teil des DJ-Trios „Pride and Ignorance“, ein leicht anstößiger Name, von dem später noch die Rede sein wird.

Kims Roller hat eine vernarbte Seele. Der Motor lief schon in seinen letzten beiden Vespas. Mit einer von ihr hatte er einen schweren Unfall, bei dem er sich auf der B31 überschlug. „Seither habe ich zwei Schrauben in der rechten Hand. Das Jochbein unterm linken Auge wurde auch verletzt“, sagt Kim. Eigentlich wollte er dann aufhören mit dem Vespafahren. Aber dann zog es ihn doch wieder auf so ein Rollertreffen, und da war er wieder, dieser Spirit: „Zweitaktgeruch, Offbeat, coole Leute. Da wusste ich, mein Herz schlägt immer noch für Roller.“



Den Motor seiner geschrottenen Maschine hatte er noch. Er kaufte sich noch vor Ort einen alten Rahmen mit Gabel, verbrachte mit Freunden unzählige Stunden in der Werkstatt und baute sich was Neues zusammen.

Heute fährt er schon den dritten Nachfolger mit demselben Motor: Eine P 80 X, Baujahr 82, 210 ccm, englischer Rennauspuff, Vergaser von einer japanischen Rennmaschine. Schön aufgemotzt, aber zugelassen, mit Rückenwind 125 Spitze. Von Freiburg in seine Heimatstadt Überlingen braucht Kim gut zwei Stunden, Tankstopp und Raucherpause eingerechnet.



Was hat Rollerfahren mit Skamusik zu tun?

Ska ist in Jamaika entstanden, in den 1960er Jahren, als Ursprung von Reggae. Etwas später kamen Einwanderer aus Jamaika nach Großbritannien. Die jamaikanischen Jugendlichen, die Rude Boys, mit ihren kurzen Haaren und den starken Skaplatten, waren in den englischen Arbeitersiedlungen ziemlich angesagt. Der Ska, diese tanzbare Offbeatmusik, nahm von Herzen und Ohren der Arbeiter Besitz. Und die Arbeiter fuhren eben Motorroller, weil das damals die günstigsten Fortbewegungsmittel waren. So hat sich das eine mit dem anderen verbunden.



Stolz und Ignoranz

Pride and Ignorance heißt der Verbund, in dem Kim („KimSka“), Steffen („wagnerei“) und Simon („rudeBOSSound“) ihre Subkultur leben und Partys mit ihrer Musik veranstalten: Skinhead Reggae, Rocksteady, traditionellen Ska, 2Tone, Rock n Roll und Rockabilly gibt’s dann auf die Ohren, oft auch mit Gast-DJs. „Wir wollen die Vielfältigkeit dieses Genres demonstrieren“, sagt Kim.

Er und seine Kollegen sind stolz auf ihre Subkultur, daher „Pride“. Und sie ignorieren all diejenigen, die mit ihrem Sound, ihrer Einstellung, ihren Rollern oder ihrem Aussehen ein Problem haben und sie dafür kritisieren; deshalb „Ignorance“.



Vorurteile gegenüber Skinheads

Am vergangenen Samstag hat Kim im Great Räng Teng Teng Platten aufgelegt. Unter den vielen Partybesuchern waren auch vereinzelte Skins in Lonsdale-Pullis. Ein paar Leute haben sich über diese Kahlköpfe ziemlich aufgeregt und sie in den Generalverdacht des Rechtsradikalismus gestellt. „Ich wäre vorsichtig mit solchen markengebundenen Aussagen“, sagt Kim. „Ich denke, das waren einfach entspannte Jungs, die diese Musik mögen. Die haben sich anständig benommen, ihr Bier getrunken und ein wenig getanzt, wie alle anderen auch.“



Was, wenn einer der Lonsdalejungs den Hitlergruß gezeigt hätte? „Dann hätten wir sie alle kollektiv rausgeschmissen“, sagt Kim und weckt Erinnerungen an ein Konzert der Skaband The Specials, als Sänger Terry Hall es sich nicht nehmen ließ, einen provozierenden Naziskin eigenhändig aus der Halle zu prügeln. „Jeder hat seine politische Meinung. Das ist okay. Aber extreme Ansichten, ob rechts oder links, dafür haben wir traditionellen Skinheads kein Verständnis“, sagt Kim. Anstand und Respekt seien für ihn zentrale Werte der Skabewegung, die er ansonsten übrigens als unpolitisch auffasst.



„Das Image vom Skinhead in Deutschland ist vorbelastet, leider“, sagt Kim. Er kann nicht verstehen, warum Teile der Naziszene den Dresscode der Skabewegung übernommen haben: „Warum versucht ein Nazi einen Kult zu leben, der schwarz ist, jamaikanisch?“



Kim, der gelernte Textilbetriebswirt, hat noch ein paar Haare auf dem Kopf und ordnet sich deshalb eher als Scooterboy denn als Skin ein. „Es geht auch darum, wie man sich gibt. Eine Frage der Ausstrahlung“, sagt er. Und Eingeweihte könnten die entsprechenden Symbole an seiner Kleidung sowieso deuten, etwa das schwarz-weiße Schachbrettmuster.

1979 zierte es erstmals das Vinyl des britischen 2Tone-Labels, auf dem auch Madness ihre erste Single veröffentlichten. Das Muster symbolisiert die Freundschaft von Menschen mit heller und dunkler Hautfarbe, die oft gemeinsam in Skabands spielen.



Kims Pride and Ignorance-Kumpel Steffen wurde mal im Jazzhaus bei einer „Summer of Love“-Party dumm angemacht: „Hau ab, du Nazi!“ Steffen hat sich dann umgedreht: „Meinst du mich?“ Es folgte ein klärendes Gespräch, in dem Steffen seinem Gegenüber erklärte, dass er alles andere als rechts sei und dass er viele ausländische und schwarze Freunde habe. Der Kritiker verstummte. Der Grat zwischen Toleranz predigen und Intoleranz leben ist manchmal ein schmaler.



Identifizierung mit der working class

Simon von Pride and Ignorance versteht sich als traditioneller Skin. Entscheidend ist für ihn dabei der Bezug zur Arbeiterklasse, der auch typische Kleidungsstücke der Skinmode erklärt, etwa die Schuhe von DocMartens. Simon, der als Filialleiter arbeitet und sich auch mit Deorollern auskennt, sagt: „Ich bin stolz darauf, zur Arbeiterklasse zu gehören. Ich arbeite gern und gut. Diese Einstellung macht mich weder zum Underdog, noch ist sie arrogant.“



Stellt sich nur die Frage: ist der Begriff working class 2009 in Freiburg noch relevant? Immerhin ist er im Ska-Zusammenhang im London von 1969 entstanden und verortete damals ganz andere soziale Verhältnisse.

Kim erkennt die Arbeiterklasse im Hier und Jetzt durchaus wieder, zumindest ein stückweit: „Schau dir doch unsere Gesellschaft an. Ein Drittel hat richtig Asche, zwei Drittel haben zunehmend weniger Geld. Jeder muss heutzutage noch härter für sein Geld arbeiten als noch vor zehn Jahren. Natürlich ist es nicht mehr die working class, die dem Spirit of 69 entspricht, aber es ist eine Definition, die man heute noch gelten lassen kann. Absolut.“

Mehr dazu:

  • Was: 1. Black Forest Weekender Freiburg; Ska & Soul Nighter, Rollercorso durch den Schwarzwald, Barbecue, Rollerprämierung, Live Act Jancee Pornick Casino, (Support: Skaletons)
  • Wann: 30. April bis 1. Mai
  • Wo: Kamikaze, Walfisch, Schwarzwald