Dokumentarfilm

Predictive Policing: Können Algorithmen Verbrechen vorhersagen?

Jens Kitzler

Die Polizei besucht Bürger, weil eine Software vorhersagt, dass die in der Zukunft ein Verbrechen begehen. Science Fiction? Nein, sagt ein Dokumentarfilm, der kommende Woche in Freiburg anläuft.

Der Kriminologe Dominik Gerstner hat ihn schon gesehen.

Der Sonntag: Herr Gerstner, im Film "Pre-Crime – Willkommen in deinem Minority Report" geht es um "Predictive Policing", also die Möglichkeit, per Datenanalyse vorherzusagen, wo Kriminaliät entstehen wird, wer vielleicht Opfer wird oder gar Täter. Wie muss man sich das vorstellen?


Gerstner: Beim Predictive Policing werden mit Daten aus der Vergangenheit Prognosemodelle erstellt, die dann für die aktuelle Lage Aussagen über künftige Straftaten tätigen sollen. Es geht aber nicht um konkrete Ereignisse, sondern um Wahrscheinlichkeiten: darum, dass in einem Gebiet in nächster Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit eingebrochen wird. Oder dass eine Person Täter oder Opfer werden könnte, wie es der Film an einem Beispiel aus dem Kontext der Gang-Kriminalität in Chicago schildert.

Der Sonntag: Wie funktioniert das?

Gerstner: Predictive-Policing kann auf kriminologischer Theorie basieren, aber auch in die Bereiche von Big Data und künstlicher Intelligenz vorstoßen. Bei den Beispielen aus dem Film setzt der Computer Verhaftungen und die Beobachtungen, wer gemeinsam mit wem verhaftet wurde, in Beziehung, ergänzt das durch nicht näher benannte externe Daten und konstruiert daraus ein Netz. Innerhalb dessen berechnet die EDV dann Wahrscheinlichkeiten, wer potenziell Opfer oder Täter von Gang-Kriminalität wird.

Der Sonntag: Die Daten versuchen nicht, die Psyche des Individuums zu deuten?

Gerstner: Genau. Und Bürger, die noch nie Kontakt mit der Polizei hatten, landen auch nicht in dieser Datensammlung. Andererseits kommen auch Personen auf die Liste, die nur wegen kleinerer Vergehen belangt wurden – aber nun in Zusammenhang mit möglichen, künftigen Tötungsdelikten gestellt werden.

Der Sonntag: Was blüht in Chicago demjenigen, der vom Computer herausgepickt wird?

Gerstner: Der kriegt einen Brief von der Polizei. Oder Besuch von Polizisten und Sozialarbeitern, die ihm dann klar machen, dass er auf sich aufpassen soll.

Der Sonntag: Schon ein wenig ein orwellsches Szenario. Wie verbreitet ist diese Praxis?



Gerstner: In den USA und auch in England ist man da relativ experimentierfreudig, dort ist Predictive Policing auch schon länger Bestandteil des Polizeialltags. Die personenbezogene Analyse ist dort aber trotzdem noch eine Seltenheit. Zumeist wird Predictive Policing in den USA noch dazu verwendet, allgemeine Aussagen über Kriminalitätsentwicklung zu treffen.

Der Sonntag: Geht der Film Ihrer Ansicht nach mit dem Thema angemessen um?

Gerstner: Er gibt einen guten Einblick in die komplexe Thematik. Allerdings tut er das recht einseitig und beschäftigt sich vor allem mit den Risiken.

Der Sonntag: Wo liegen die Schattenseiten der Kriminalitätsvorhersage?

Gerstner: Kritisch wird es, wenn personenbezogene Daten in ein System einfließen und daraus Aussagen generiert werden: Dann sollten die Beteiligten wissen, wie diese entstanden sind. Die Prozedur darf keine Black Box sein, bei der ein Urteil über eine Person herauskommt, ohne dass man etwas über dessen Entstehung weiß. Und die Behörden müssen sich bewusst sein, dass die Software auch Fehler machen kann.


Der Sonntag: Was für Ansätze gibt es in Deutschland?

Gerstner: In Deutschland wird Predictive Policing ausschließlich zu Wohnungseinbrüchen eingesetzt. In Bayern und Baden-Württemberg beispielsweise verwenden Behörden die Software "Precobs" eines privaten Anbieters.

Der Sonntag: Sie selbst haben im Max-Planck-Institut für Ausländisches und Internationales Strafrecht einen Feldversuch mit Precobs evaluiert. Mit welchen Resultaten?

Gerstner: Vor dem Kontext des Films muss man Precobs zugutehalten, dass es datenschutzrechtlich unbedenklich ist, es basiert nicht auf personenbezogenen Daten. Dahinter steckt auch kein komplexer Algorithmus, es ist für die Polizei nachvollziehbar, wie die Prognosen zustande kommen.
Der Sonntag: Gibt es in Deutschland Bestrebungen, Predictive Policing auf Personen auszudehnen?

Bisher nicht, nein.
Pre-Crime – Willkommen in deinem Minority Report Sondervorstellung Donnerstag, 16 November um 19 Uhr in der Freiburger Harmonie. Danach Diskussion mit Regisseur Matthias Heeder, Dominik Gerstner, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht Freiburg, Timo Rademacher, Institut für Medien- und Informationsrecht, Benjamin Rusteberg, Institut für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie und Jens Hälterlein; Centre for Security and Society (alle Universität Freiburg)


Quelle: Dieser Beitrag ist zuerst am 12. November 2017 in unserer Wochenzeitung "Der Sonntag" erschienen