Powerpoint als Einschlafhilfe

Aljoscha Harmsen

Zu Jörg Blömelings Kunden gehören Werbeagenturen genauso wie die TU München und die Uni Freiburg. Alle beauftragen sie ihn, wenn es darum geht, sich treffend auszudrücken. fudder fragt den Kommunikationstrainer: Wie bringt man anderen bei, sich zu verkaufen?



Bei seinen Seminaren trägt er nie Krawatte, dafür Turnschuhe und manchmal auch rote Socken. Selbst wenn er für Banken arbeitet. „Als Selbstständiger muss ich mich an keinen Dresscode halten“, sagt Jörg. Der 36-Jährige ist seit vier Jahren selbstständiger Kommunikationstrainer.


Jörg, mit wem hast du es hauptsächlich zu tun?

Zu mir kommen fast nur Menschen, die auf hohem Niveau leiden. Ich habe viel mit Werbeagenturen zu tun. Dort sind die Mitarbeiter ohnehin extrovertiert und die Führungspersönlichkeiten bringen schon einiges an Wissen und Erfahrung im Bereich Präsentation mit und wollen noch besser werden.

Gelegentlich gehe ich auf Ärztekongresse. Dort erlebe ich eher die Härtefälle. Diese Leute sind auf ihrem Gebiet möglicherweise Koryphäen, aber ihre Präsentationen bringen meist wenig rüber und sind gespickt mit Fachbegriffen. Da denke ich häufig: Wenn man nur zehn Minuten mit ihnen die Präsentation überarbeiten würde, wäre sie locker zwei Klassen besser.

Wenn ich mit Geschäftsführern von Werbeagenturen oder anderen Führungskräften arbeite, sind das meist erfahrene Leute. Für die bin ich ein Partner und kein Lehrer. Da liefere ich eher neue Impulse oder Aspekte, die sie vorher nicht gesehen haben. Die Hilfsbedürftigen buchen mich gar nicht erst, denn das könnte ihnen in ihrem Unternehmen als Schwäche ausgelegt werden.

Wie bist du Kommunikationstrainer geworden? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich habe BWL studiert und anschließend als Diplom-Kaufmann in einer Agentur angefangen. Ich war im Trainee-Programm und musste zu Anfang meines Berufslebens eine wichtige Präsentation über Zielgruppen halten. Alles war vorbereitet, ich hatte eine tolle Powerpoint-Präsentation gemacht, mit Animationen und allem drum und dran. Jetzt stand ich vor meinen Zuhörern.

Anwesend waren die Vorstandsmitglieder und die Geschäftsführung der Agentur, sowie Vertreter der Unternehmensberatung Mc Kinsey. Ich startete die Vorführung und auf einmal hatte ich einen völligen Blackout. Ich habe nichts mehr gesagt. Die Präsentation sollte fünf Minuten dauern und ich habe sie voll in den Sand gesetzt.



Was hatte das für Konsequenzen?

Glücklicherweise keine. Der Geschäftsführer hat das Wort ergriffen und ich konnte mich wieder hinsetzen. Es war mir natürlich sehr peinlich. Ich dachte nur: Du musst besser werden, so kommst du nicht weit. Mir macht es so keinen Spaß und für die anderen ist das Körperverletzung. Ich habe dann neben meinem Job bei der Werbeagentur Seminare besucht und bin später an einen amerikanischen Redeklub geraten, in dem ich die nötige Übung bekommen habe, denn durch die theoretischen Vorträge in den Rhetorik-Seminaren bin ich nicht besser geworden. Nur die Übung hat mich weitergebracht.

Wann hast du deinen Job bei der Werbeagentur aufgegeben?

Vor vier Jahren. Dann habe ich mich als Kommunikationstrainer selbstständig gemacht. Zu dem Zeitpunkt war ich 32 und hatte einen fünfjährigen Sohn.



Was sind deine Herausforderungen als Trainer?

Besonders am Anfang meiner Selbstständigkeit wollten mich meine Kunden natürlich testen. Die Geschäftsführer wollten wissen, ob ein 32 Jahre junger Mann ihren Mitarbeitern wirklich etwas beibringen kann.

Einmal habe ich einen Kurs für einen Vereinsverband gegeben. Nachdem ich alles vorbereitet habe, verließ ich kurz den Raum. In der Zeit haben sie mir zwischen meine Power-Point-Folien eine untergespielt, auf der stand: Schwarze Kassen. Während meiner Präsentation tauchte sie auf einmal auf.

Ich war ziemlich überrascht, weil ich sowas eher von einer Schulklasse erwartet hätte. Um da wieder herauszukommen, habe ich eine Spontanrede gehalten. Es hat funktioniert. Allerdings kann sowas auch gewaltig schief gehen. Im Nachhinein sind die Übeltäter zu mir gekommen. Sie wollten einfach wissen, wie ich mit sowas umgehe.



Was hältst du von Powerpoint?

Powerpoint ist eine berufliche Seuche und eine Einschlafhilfe. Im Berufsleben ist Powerpoint für zwei Dinge da: Es dient als Gedächtnisstütze für den Redner und es lenkt vom Redner ab. Ich selbst arbeite so wenig wie möglich damit.

Was kostet dein Engagement?

Kommunikatonstrainer werden nach Tagessätzen bezahlt. Die durchschnittliche Tagesgage liegt bei 1200 bis 2500 Euro. Dazwischen bin ich auch.

Möchtest du abschließend noch eine Botschaft loswerden?

Ja. Ich finde, Rhetorik-Schulungen werden viel zu sehr auf Unternehmen beschränkt. Sie sollten viel mehr in die Schulen hineingetragen werden. In einer Schweizer Schule, die ich betreue, entsteht gerade ein Rhetorikklub, der völlig freiwillig von den Schülern besucht wird. Ich selber habe im Studium nicht einmal präsentiert. Es liegt mir am Herzen, dass junge Menschen so früh wie möglich eines entwickeln: Freude am Reden.